21. Mai bis 8. Juni 2022

Wieviel wiegt deine Zahnbürste? Zur Vorbereitung auf den deutschen Jakobsweg, wog ich jedes Gepäckstück ab und entschied mich jeweils für die leichteste Variante. Denn jedes Gramm, das man täglich mehrere Stunden lang auf dem Rücken trägt, zählt. So entschied ich mich natürlich für die 6 Gramm leichte Zahnbürste. Eine gute Packvorlage bietet mir stets das Bild von 2019, als wir eine Woche Richtung Freiburg auf dem Schweizer Jakobsweg unterwegs waren.

Auch dieses Mal war nichts zuviel dabei und umgekehrt vermisste ich nichts. Wir waren 18 Tage ausschliesslich mit den Utensilien unterwegs, die wir am Rücken trugen und benötigten nicht mehr, als das, was wir damals für die Woche in der Schweiz mit trugen.

Kombination Jakobsweg-Städtereise

Wir starteten in Regensburg Richtung Kelheim. Unsere Jakobsreise war eine Kombination zwischen Pilgern und Städtereise. 10 Tage waren wir auf dem Jakobsweg unterwegs und 8 Tage lang, d.h. je zwei Tage, erkundeten wir die Städte Regensburg, Nürnberg, Rothenburg ob der Tauber und Frankfurt am Main. Diese Städte besichtigten wir kurz: Ingolstadt, Eichstätt, Würzburg.

10 Etappen:

Die Kilometerangaben sind stets die reinen, gewanderten Entfernungen. Wenn wir ein Transportmittel benutzten, sind deren Kilometer abgezogen.

  1. Etappe: Sinzing (Kreis Regensburg) – Kelheim (ostbayrischer Jakobsweg), ca. 24 km
  2. Etappe: Kelheim – Tettenwang, ca.19 km – Start mit Donauschiffahrt bis Weltenburg
  3. Etappe: Altmannstein – Stammham (Fahrt von Tettenwang bis Altmannstein mit dem Kindergartenbus), 24 km
  4. Etappe: Pfünz – Eichstätt, ca. 11 km (Stammham bis Pfünz, Fahrt mit Vater des Wirtes der letzten Übernachtungsstätte)
  5. Etappe: Abstecher über Ingolstadt und dann Kinding – Greding, 15 km
  6. Etappe: Thalmässing – Hiltpoltstein (Fahrt per Bus von Kinding nach Thalmässing), 17 km
  7. Etappe: Hiltpoltstein – Allersberg, 7.5 km, aufgrund von Starkregen mit Hagel und Windböen abgebrochen und einen Tag früher als geplant nach Nürnberg gefahren
  8. Etappe: Röthenbach bei Nürnberg – Rosstal, ab jetzt mittelfränkischer Jakobsweg, 20 km
  9. Etappe: Rosstal – Heilsbronn, 17 km
  10. Etappe: Weihenzell – Heilsbronn (umgekehrte Richtung als gewöhnlich, aufgrund von mangelnden Übernachtungsplätzen unterwegs), 17.5 km

    Total gewanderte Kilometer auf dem ostbayrischen und mittelfränkischen Jakobsweg: 172 km. Pro Stunde schafften wir 4 Kilometer, somit waren wir 43 Stunden wandernd und pilgernd unterwegs. Dies entspricht ungefähr 4.5 Wanderstunden/Tag.

Der wahre, echte Pilger

Es ist ein Phänomen: wer Wander- oder Strandferien macht, dem wünscht man „schöne Ferien“ und freut sich über jedes Lebenszeichen per Instagram oder sonstigen Kanälen. Wer hingegen pilgert, setzt sich ungefragten Bewertungen, Urteilen, ja gar Verurteilungen seiner Mitmenschen aus. Wie kommt es, dass sich Mitmenschen das Recht heraus nehmen, sich einzumischen und uns entgegen zu halten, was sie von unserem Pilgern halten? Da gibt es jene, welche vehement die Meinung vertreten, ein Nachfolger Christi solle nicht pilgern, da dies für Nichtchristen das Signal vermittle, dass man für die Sündenvergebung etwas leisten und leiden müsse. Dann gibt es die anderen, welche meinen, als Pilger dürfe man nur in den ganz einfachsten Unterkünften logieren und sich möglichst nie ein grosszügiges Mahl gönnen, geschweige denn in einen „Wellnesstempel“ gehen. Natürlich gehöre auch dazu, dass man nie aufgebe, ja durchbeisse, selbst bei gesundheitlichen Beschwerden oder Orkanböen. Es komme zudem überhaupt nicht in Frage, jemals ein Gefährt zu benutzen. Da schwirren wohl in manchen Köpfen verklärte Vorstellungen darüber herum, was denn ein wahrer, echter Pilger auszumachen habe.

Ich habe bereits in diesem Post (klickmichhier) darüber geschrieben, was ich von all diesen Vorhaltungen halte. Aufgrund von erneuten derartig ungefragten Bemerkungen, wiederhole ich mich: den einen, echten und wahren Pilger, gab es bereits im Mittelalter nicht. Man konnte damals zum Beispiel jemanden bezahlen, damit der stellvertretend für einen selber die Pilgerreise nach Santiago de Compostela oder an einen anderen Pilgerort unternahm. Oder man wurde „verknurrt“ zu einer Pilgerreise, weil man etwas „ausgefressen“ hatte. Es gab Geschäftsherren, deren Motivation, sich auf einen Pilgerweg zu begeben, darauf gründete, Handelsbeziehungen zu pflegen. Manche Pilger verzichteten ganz auf das Mitfahren auf Karren oder Schiffen/Fähren und andere benutzten sie – wie zum Beispiel bei uns von Brunnen nach Beckenried. Unterwegs lasen wir, dass ein Pilger nur lose Schuhe, ja nicht festgebundene tragen durfte, damit er täglich daran erinnert wurde, dass wir hier nur auf der Durchreise sind auf Erden und uns nichts „Festes“ binden sollte. Sein Bündel soll keine Bändel haben, sondern nur zusammengefaltet werden, um die Freigebigkeit des Pilgers zu demonstrieren. Der eine Pilgerstab soll symbolisieren, dass Gott der Dritte im Bunde sei, nebst unseren zwei Füssen. Ich vermute mal, dass die heutigen Pilger meist mit zwei Wanderstöcken, festen Trekking- oder Wanderschuhen und einem zugeschnürten Rucksack unterwegs sind. Sind sie deshalb keine wahren Pilger? Wer hat das Recht, darüber zu entscheiden und warum? Ist es nicht vielmehr so, dass es jedem Pilger seine eigene Sache ist, wie er sich das Pilgern einrichtet (es gibt sogar Gepäcktransporte) und er niemandem Rechenschaft schuldig ist? Weder Gott noch seinen Mitmenschen gegenüber? Ich muss weder Gott noch einem Menschen irgend etwas beweisen. Gott lässt sich nicht beeindrucken von meiner religiösen Leistung. Bei ihm bin ich geliebt, wie ich bin. Sündenvergebung erlange ich nicht durchs Pilgern, sondern dadurch, dass ich bereue und ihn und Menschen, bei denen ich schuldig wurde, um Vergebung bitte.

Ja, es geht beim Pilgern auch darum, dass ich Verzicht, Durchhaltewillen übe. Wer nur das mitnimmt, was er am Rücken zu tragen vermag, der übt automatisch Verzicht und auch wenn er etwas feudaler übernachtet, hat er vermutlich dennoch kein Ausgangskleid oder gar einen Smoking dabei und kann sich schon deshalb nicht in jedes Lokal wagen. Schminke blieb bei mir zuhause. Als Schmuck dienten mir die gesamte Zeit ein einziges Paar Ohrringe, damit die Löchlein nicht zuwachsen würden. Jeden Abend wusch ich am Lavabo die verschwitzten Kleider aus und hoffte, dass sie bis am nächsten Tag trocknen würden. Die Ersatzkleider dienten dazu, am Abend in einem Restaurant essen gehen zu können, um dies nicht in den verschwitzten, etwas übelriechenden Klamotten tun zu müssen. Ja, es tut gut, zu verzichten und ein einfaches Leben zu führen. Man schätzt das, was man zuhause hat, umso mehr. Und ja, es tut gut, auch bei kaltem Regenwetter die nächste Etappe unter die Füsse zu nehmen und bei Blasen nicht sofort aufzugeben. Aber die Entscheidung darüber, bei starken Fuss-Schmerzen und bei Orkanböen die Pilgerroute anzupassen, diskutiere ich höchstens mit Gott und meinem Ehemann, d.h. mit meinem Pilgerkameraden und ganz sicher nicht mit jemandem, der über die social Media unseren Weg mit verfolgt.

Auf dem Weg sein

Was ist denn unsere Motivation, auf dem Jakobsweg unterwegs zu sein? Auch darüber habe ich bereits einmal gebloggt (klickmichhier) Und was damals galt, war auch für den ostbayrischen und mittelfränkischen Jakobsweg so. Wir werden oft gefragt, ob wir Santiago de Compostela als Ziel hätten und meine Antwort lautet jedesmal: nicht zwingend, denn bei uns ist der Weg das Ziel. Das Unterwegssein miteinander und mit Gott. Eine zusammenhängende Strecke zu meistern und in jeder Kirche miteinander zu beten. Dabei auch offen sein für Begegnungen mit Mitmenschen auf dem Weg oder am Wegesrand. Bisher haben Andy und ich miteinander die Strecke Einsiedeln-Genf und eben Regensburg-Eichstätt-Weihenzell zusammen geschafft. Es gibt ein gutes Gefühl und das kann uns niemand nehmen. Wir haben in jeder Kirche auf diesen Etappen miteinander gebetet. Dies macht für uns der Unterschied zum gewöhnlichen Wandern aus. Obwohl man natürlich auch auf einem sonstigen Wanderweg beten kann.

„Erkenntnisse“ des Weges

  • Am ersten Wandertag dachte ich: oh wow, der bayrische Wald ist gross. Am zweiten Tag: der bayrische Wald ist ja noch viel grösser, als gestern gedacht. Am dritten Tag verloren wir uns in den unendlichen Weiten des bayrischen Waldes. 😀 Was mir an den geraden Forststrassen durch den Wald nicht gefiel, war genau das: das stundenlange geradeauslaufen auf Forststrassen. Es bot meinen Augen und Sinnen keine Abwechslung. Tiere verkrochen sich vor uns, wir wurden höchstens von Vogelstimmen begleitet. Aber wenn ich meine Augen links und rechts des langweiligen Weges schweifen liess, merkte ich, dass Wald nicht gleich Wald ist. Es gibt furchterregend dunkle, leblos wirkende und liebliche Mischwälder, in die Lichtstrahlen dringen können und das Moos schön grün strahlt. Ich philosophierte, wie seltsam es doch ist, dass ich auf meinem Lebensweg die geraden, übersichtlichen Strassen den gebogenen, auf- und abwärts führenden bevorzuge. Ich liebe es im Leben, den Überblick zu haben und schätze es überhaupt nicht, wenn sich ein Berg erfrecht, sich in meinen Weg zu stellen. Wie kommt es, dass es auf dem Pilgerweg so ganz anders war? Ich frohlockte, wenn ein Pfad mal schmaler und gewundener und der Weg unübersichtlicher wurde. Das erzeugte eine gesunde Spannung. Ich möchte vom Jakobsweg mitnehmen, dass ich mich weniger ärgere auf meinem Lebensweg, wenn ich einmal die Übersicht verliere und einen Berg zu erklimmen habe.
  • Was mir sehr gut gefiel, waren alle deutschen Ortschaften, durch die unser Weg uns führte. Fachwerkhäuser und alte Stadtmauern mit Türmen, faszinierten und begeisterten uns.
Nürnberg
  • Wir erfuhren, dass Gott für uns sorgt. Als wir uns verirrten und uns aus einem Dickicht an den Waldrand kämpften, stand da ein Mann, wie wenn er auf uns gewartet hätte. Wir baten ihn, uns den Weg zur nächsten Strasse zu zeigen und er sagte, er würde gleich losjoggen. Wir würden ihn noch lange sehen und sollen ihm einfach nachfolgen. Das taten wir und als er am Horizont verschwand, kam er uns vor, wie ein Engel. Vielleicht war es ja einer. Ein anderes Mal, als ein Gewitter mit Unwettercharakter auf den Abend gemeldet war, bat ich Gott, uns so lange zu bewahren, bis wir am „Schärme“ seien. Unterwegs erzählte ich einem Mann davon, dem ein solches Gebet fremd war und er meinte, ich sei bestimmt eine „besonders Fromme“. Ich entgegnete ihm, dass ich gläubig aber gleichzeitig bodenständig sei. Es war dann wirklich so: auf den letzten Metern zur Unterkunft, begann der Regen, aber so richtig stürmte und schüttete es erst, kaum dass wir den Fuss über die Schwelle des Hotels setzten.
  • Wir haben gelernt, Menschen um Hilfe zu bitten. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er sich selber gut fühlt, wenn er helfen kann. Aber man muss den Mut haben, auszusprechen, was man gerne hätte. Dies birgt die Gefahr, dass der andere nicht helfen kann oder will. Aber mehr als ein Nein, riskiert man nicht. So erfuhren wir mehr als einmal wunderschöne Hilfe: im obgenannten Beispiel des Engels, der uns den Weg zeigte, durch den Vater eines Wirtes, der uns ein Stück weit im Auto mitnahm und auch ein anderer Mann nahm uns das letzte Stück zu einem Tagesziel im Auto mit, als mein Bein sehr schmerzte. Einmal durften wir den Kindergartenbus mitbenutzen, weil wir es wagten, zu fragen und einmal wurden wir spontan zu einem Nachtessen eingeladen, weil wir fragten, ob hier ein Restaurant wäre. Es handelte sich um ein ehemaliges Zisterzienserkloster und um eine eigentlich geschlossene Gesellschaft. Aber sie meinten, auf zwei Mit-Esser komme es nicht drauf an, wir Pilger seien herzlich willkommen.
  • Wir hatten zwar eine Jakobsweg App, aber manchmal war unsere GPS Ortung mangelhaft oder der Weg war falsch markiert. Meist war auf geraden Strecken an jedem dritten Baum eine Markierung angebracht. Da war es unnötig, denn wie will man sonst laufen? In den Wald hinein? Aber bei Verzweigungen war es sehr oft unklar. Auf dem mittelfränkischen Teil war dies noch ausgeprägter, als auf dem ostbayrischen. Wir liefen mehr als einmal falsch und wenn man schmerzende Wadenmuskeln hat und unter der Hitze leidet, ist das im Moment einfach nur nervend und kräftezehrend. Und unnötig, weil Menschen fehlerhaft ausgeschildert haben. Schade.
  • Wir haben einmal mehr gelernt, aufeinander und auf uns selber Rücksicht zu nehmen. Andy humpelte anfangs aufgrund von Warzen an den Fussballen, die er zwar schon länger behandelte, die ihn aber neu drückten. Jeden Abend pflegte ich seine Füsse. Umgekehrt nahm er auf mich Rücksicht, als meine Wadenmuskeln sehr zu schmerzen begannen. Zusammen beschlossen wir, keine Entzündung zu riskieren und unsere Tagesziele anzupassen. Sogar dreimal konnten wir es so einrichten, dass wir den schweren Rucksack im Hotel deponieren und nur mit einem Tagesrucksack unterwegs waren. Mit weniger Gewicht auf den Beinen, lässt sich der Weg entspannter und schmerzfreier geniessen. Wir waren glücklich, dass Gott uns Kreativität und Flexibilität schenkte und wir Lösungen fanden, welche für uns passten.

Google hat für uns das hier zusammengestellt. Die Anzahl Kilometer zu Fuss ist höher, weil wir ja auch in den Städten einiges liefen:

Wir werden weiter auf dem Weg bleiben. Und Gott mit uns. Buen Camino und Ultreia!