Wildvögel füttern – aber richtig

Wenn im Winter Spatzen, Buchfinken, Kohlmeisen oder Rotkelchen zu Besuch ins aufgehängte und gut gefüllte Vogelhäuschen auf dem Balkon kommen, sind nicht nur Kinder entzückt. Doch es gilt, ein paar Tipps für eine sachgerechte Fütterung zu beachten.

Wann, wie und was können wir den Wildvögeln an Futter anbieten?

Es gibt Menschen, welche die Meinung vertreten, man solle Vögel ganzjährig füttern. Eine sachgemässe Zufütterung in Zeiten mit Nahrungsmangel kann den Kleinvögeln im Siedlungsbereich das Überleben erleichtern, vor allem im Winterhalbjahr. «Insbesondere bei Dauerfrost, Eisregen oder geschlossener Schneedecke, kann die Fütterung den Kleinvögeln im Siedlungsbereich das Überleben erleichtern», erklärt Livio Rey von der Vogelwarte Sempach. Frühmorgens und vor der Abenddämmerung sind die Vögel besonders hungrig. Brotkrümel, Gewürztes und Essensreste sollten den Vögeln nicht ausgelegt werden. Hingegen bietet der Handel diverse Körnerfertigmischungen und Meisenknödel an. Mischungen mit Hanfsamen und Sonnenblumenkernen locken Finken, Sperlinge und Ammern, Meisen, Kleiber und manchmal sogar Spechte an. Ergänzt man das Futter mit Haferflocken, zerhackten Baum- und Haselnüssen, Rindertalg und Schweinefett, Rosinen oder Obst, erhält man vielleicht Besuch von Amseln, Rotkehlchen und Staren.

Als Zufluchtsorte bei Gefahren sollten in der Nähe des Futterhauses Bäume oder Sträucher stehen. Die Umgebung von ca. 2-5 m um die Futterstelle sollte jedoch frei sein, damit nicht Feinde, wie z.B. Katzen, den Vögeln auflauern können. Das Futter muss ausserdem trocken sein und die Vögel sollten nicht in das Futter koten können, da sich sonst Krankheiten unter den Vögeln ausbreiten können. Deshalb eignen sich Futterhäuschen oder säulenartige Futterautomaten mit seitlichen Entnahm-Möglichkeiten sehr gut. Solche Futtersäulen sind aber nur für Körnerfüllungen geeignet. Die Übertragung von Krankheiten stellt nämlich an Futterstellen mit Abstand die grösste Gefahr dar. Falls mehrere tote oder apathische Vögel beobachtet werden, kann dies der Vogelwarte Sempach gemeldet werden. Das Futterhaus muss in solchen Fällen gereinigt und die Fütterung für ungefähr 3 Wochen unterbrochen werden.

Soll man den Vögeln eine Trink- und Badestelle einrichten?

Vögel nutzen Wasserstellen ganzjährig zum Baden und Trinken. Die Vogelwarte rät, nur dann eine Wasserstelle anzubieten, wenn das Wasser täglich erneuert und dabei die Wasserstelle gereinigt wird.

Wie man gefährdeten Vogelarten wirklich helfen kann

So gut es gemeint ist, den «armen Vögelchen» im Winter Futter anzubieten und wie wertvoll es pädagogisch auch ist für Kinder, Tiere in der Natur zu beobachten – den wirklich bedrohten Vogelarten hilft man damit nicht. Neuntöter, Braunkehlchen, Feldlerche oder Gartenrotschwanz, sind bedrohte Arten und fliegen im Winter in den Süden. «Weitere gefährdete Arten wie Eisvogel, Auerhuhn oder Bartgeier sind zwar im Winter in der Schweiz, besuchen aber keine Futterstellen», erklärt Rey. Umso wichtiger sei es zum Schutz einer artenreichen Vogelwelt, vielfältige und ungestörte Lebensräume zu erhalten. Hier ist die Politik gefordert. Aber auch jeder Gartenbesitzer kann etwas tun: Es gilt, Pestizide möglichst zu vermeiden, nicht zu häufig den Rasen zu mähen, einheimische Sträucher, Hecken zu pflegen und offene Komposthaufen anzusetzen. Wer in seinem eigenen Garten auf diese Weise dafür schaut, dass es Insekten und Vögeln gut geht, leistet ganzjährig einen wichtigen Beitrag für alle Lebewesen – nicht nur im Winter.


Der Artikel erschien am 31.1.19 im Nidwaldner Blitz. Die tollen Fotos stellte liebenswürdigerweise Joe Stalder gratis zur Verfügung.

 

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Die verzweifelte Suche des kleinen Hirtenjungen Matteo

Wie lange sitzt er nun schon vor diesem Jesuskind? Die Heiligen drei Könige in ihren prachtvollen Kleidern, gratulieren Maria und Josef zur Geburt ihres Sohnes. Ein paar Schafe blöken hinter einem Holzverschlag.

«Matteo», haben seine Eltern vor ein paar Wochen gesagt, «dein Vater wurde angefragt, ob er Josef spielen möchte bei der lebendigen Krippe am Stanser Weihnachtsmarkt. Du und Mami dürfen beide Hirten sein. Was meinst du dazu?» Natürlich war er hellbegeistert. Das würde toll werden, wenn er so nah bei den Tieren sein könnte und seine Gspänli neidisch auf ihn sein würden.

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Aber jetzt ist die anfängliche Begeisterung verflogen, er friert ein bisschen, trotz des Feuers, um das er mit ein paar anderen Darstellern hockt. Es ist ihm langweilig und Ihm fehlen seine Spielsachen.

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Wo ist die Krippe? Wo ist Ben? Wo sind Matteos Eltern?

«Matteo, willst du mitkommen, dem Drehorgelmann zuzuhören?», stupst ihn Ben, ein etwas älterer Junge, der ebenfalls als Hirte verkleidet ist, fragend an. Matteo zögert und schaut zu seinen Eltern. Doch beide sind in Plaudereien vertieft. «Komm schon», drängt Ben und wendet sich schon langsam ab. Naja – seine Eltern würden es gar nicht bemerken, wenn er nur kurz nicht da wäre. Matteo verlässt mit Ben zusammen die Krippenszene. Sie folgen den Klängen der Drehorgel, bleiben unterwegs aber bei einem Eisklotz stehen, der sich unter den geschickten Künstlerhänden zu einer Figur entwickelt. «Was meinst du Ben, was gibt das, wenn es fertig ist?», fragt Matteo. Er schaut sich nach seinem Hirtenkollegen um, aber der ist verschwunden. «Ben! Ben! Wo bist du?» Und nun beginnt Matteo eine wilde Sucherei. Er bahnt sich einen Weg zwischen den vielen Menschenbeinen hindurch, denn er ist noch so klein, dass er nicht viel mehr, als die Beine der Marktbesucher zu sehen bekommt. Ben ist wie vom Erdboden verschluckt. Also beschliesst Matteo, alleine zur Krippenszene zurück zu kehren. Nur – wo ist die? Was anfänglich wie ein lustiges Fangspiel war, entwickelt sich zu einem tiefen Kummer. Matteo wird immer verzweifelter. Wo sind seine Eltern? Zu allem Elend schleicht die Kälte immer mehr in seine Glieder und er schlottert richtiggehend. Matteo sucht Wärme im Raclette-Zelt. Er hockt sich auf den Boden in einer Ecke, zieht seine Beine an und umfasst sie mit beiden Händen.

Wo ist die Krippe? – Wo ist das neugeborene Baby?

Auf einmal befindet er sich nicht mehr im Zelt, sondern auf einem weiten Feld zusammen mit ein paar Hirten. «Wir laufen dem Stern nach und suchen den neugeborenen König. Den Retter.», erklärt ihm einer der Burschen. «Du bist auch ein Hirte und gehörst zu uns. Komm mit.» Da Matteo nicht alleine zurückbleiben will und ja ebenfalls auf der Suche nach der Krippe ist, folgt er ihnen zögernd. Tatsächlich bleibt der Stern über einem alten Stall stehen. Die Hirtengruppe tritt ein. Wohlige Wärme empfängt sie. Und da liegt das Baby in einer Futterkrippe und Maria und Josef strahlen die Besucher an.

Wo ist Matteo? – Das Christkind hat ihn gefunden.

«Bub, was haben wir dich gesucht!» weckt ihn die Stimme seiner Mutter. Denn Matteo ist im Raclette-Zelt eingeschlafen. «Du warst spurlos verschwunden. Ben und ich haben dich überall gesucht.» Matteo murmelt noch etwas schlaftrunken: «Ich ging mit anderen Hirten dem Weihnachtsstern nach. Meine Rolle ist ganz wichtig. Ich habe das Christkindli gefunden.» – «Es hat dich gefunden und gerettet, denn ich habe dafür gebetet», antwortet seine Mutter.

Regula Aeppli-Fankhauser

Die Geschichte erschien am 20. Dezember im Nidwaldner Blitz

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„Los, we s trichled…“ – Der Brauch des Trichelns in Beckenried, Nidwalden

Walter Käslin (+1998) Beckenrieder Mundartdichter beschrieb den archaischen Brauch folgendermassen: «Los, we s trichled uf de Gasse: wumm und wumm und wumm und wumm! Näi, das isch de nid zum Gschpasse, der liäb Samiglais gaad um….»

Heute hegen die Kinder vermutlich keine Angst mehr vor dem Samichlaus, aber das «Wumm und Wumm» der Trichler ist immer noch ein eindrückliches, Gänsehaut erzeugendes Erlebnis.

Ein festverankerter Brauch mit wechselhafter Geschichte

Lärmfeste haben ihren Ursprung bei den Germanen. Sie versuchten, mit Lärm und Licht Dämonen zu vertreiben. Heute pflegt man diese althergebrachten Traditionen wohl mehr, um mit Ritualen ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu zelebrieren. Der Samichlais-Iizug stammt aus dem 16. Jahrhundert. Seit 83 Jahren ist der Turnverein Beckenried für die Organisation verantwortlich. Das Dorf wuchs kontinuierlich und der Brauch musste sich dauernd anpassen. Doch vieles hielt allen Veränderungen stand. Einerseits sind dies Trichler, welche teils seit 60 Jahren treu dabei sind. Andererseits bestehen dieselben Hauptelemente seit Jahrzehnten. Nebst den Trichlern sind das: der Samichlais mit den Schmutzlis, Hornbläser (seit 1978), Iffelen (Laternen in Bischofmützenformen), Geisslechlepfer und Fackelträger. Eine Trichel ist eine Kuhglocke. Diese wird im Takt hin- und hergeschwenkt. Wenn man heutzutage den unendlich langen Zug der rund 500, in weissen Burdihemden eingekleideten Trichler bestaunt, ist es fast nicht auszudenken, dass es anfangs der 1960-er Jahre einen Teilnehmer-Einbruch gab. Es waren nur noch etwa 12 Trichler dabei. Doch nachdem diese auf Werbetour im ganzen Kanton gingen und man Tricheln und Burdisäcke ausleihen konnte, begann ein regelrechtes Trichlefieber um sich zu greifen. 1964 waren es bereits 80 Männer, welche dem Samichlais-Brauchtum zu neuem Schwung verhalfen.

Besonderheiten des Beckenrieder-Trichelns

In Siebnerreihen schreiten die Männer durchs Dorf, von Fackelträgern begleitet. Auch manch ein Heimweh-Beckenrieder reiht sich gern ein, aber die Aufstellung ist hierarchisch. In der ersten Reihe der Trichlerschar dürfen der amtierende Beggo-Zunftmeister und die neu gewählten Älplerhauptleute tricheln, nebst denjenigen Männern, welche seit Jahrzehnten dem Brauch treu geblieben sind. Wenn der lange Marsch auf dem Dorfplatz ankommt, formiert sich ein Kreis um den Samichlais. Nach einigen Minuten des Umkreisens, folgt der Höhepunkt, das Uistrichle. Dies meint, dass der vorher gleichmässige Trichlertakt in ein wildes Schellen mündet.

Diese 10 Fotos habe ich von Kobi Christen erhalten. Die anderen Fotos stammen von mir.

Für Nachwuchs ist gesorgt

Ähnlich wie beim Schellen-Ursli, der Kindergeschichte aus dem Bündnerland, suchen sich die Beckenrieder-Kinder eine möglichst grosse Trichle. Am Mittwoch vor dem Samichlais-Iizug, haben sie ihren grossen Tag: das Buebä-Trichlä. Auch wenn der Anlass von früher her so genannt wird, dürfen Mädchen ebenfalls mit machen. In Zweierreihen, nach der Grösse der Trichle eingeordnet, ziehen sie quartiersweise trichelnd durch die Strassen. Der Buebä- Samichlais geht von Haus zu Haus und sammelt Geld, das am Schluss nach Trichlergrösse verteilt wird.

Gerade jetzt, währenddem ich an diesem Blog schreibe, ziehen die Schulkinder trichelnd vor unserer Wohnung vorbei. Von soeben:

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Mir fiel grad auf, dass die Kinder bequemere Traggurte für die Trichle haben, als noch vor Jahren. Wahrscheinlich werden die Eltern innovativer, um ihren Kindern das stundenlange Tragen der schweren Kuhglocken zu erleichtern. 😉 Ein Bild, als Tobias noch mittrichelte (im Bild ganz links).

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Einen Wunsch haben die grösseren Kinder, welche den Anlass ohne erwachsene Hilfe organisieren: bitte liebe Eltern, lasst eure Kinder alleine mitmachen und begleitet sie nicht. Und eine weitere Bitte an alle Besucher des Samichlais-Iizugs: bitte fotografiert ohne Blitz.


Diesen Samstag, 2. Dezember ist es wieder so weit: der Samichlaus-Markt und Samichlaus-Einzug mit rund 500 Trichlern wird bestimmt wieder ein beeindruckender, stimmungsvoller Auftakt in die Advents- und Weihnachtszeit sein. Um 16 Uhr werden wir zudem das Konzert von Joy of Life in der katholischen Kirche Beckenried geniessen.


Dieser Beitrag wird in leicht abgeänderter Form im Nidwaldner Blitz erscheinen, den alle Nidwaldner morgen im Briefkasten vorfinden werden.

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Autismus – Im Gespräch mit Reto Odermatt, Präsident Verein Autismus deutsche Schweiz und seinem Sohn Marco Odermatt, Autist

Diesen Artikel habe ich für den Nidwaldner Blitz verfasst. Publikation am 7. November 18

Sie ecken vielfach an, werden gar als frech empfunden, können sich schwerlich in andere einfühlen, haben Schwierigkeiten Freunde zu finden, vermeiden oft den Blickkontakt und bevorzugen geregelte Tagesabläufe und Rituale – Menschen mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS).

Menschen mit dieser Diagnose, haben aber auch ganz viele Stärken. So sind ihnen Hintergedanken und Lügen fremd und wenn sie sich für ein Thema interessieren, vertiefen sie sich meist mit grosser Konzentration und Ausdauer darin. Wie es der Name «Spektrum» ausdrückt, ist die Spannbreite des Autismus gross und Störungen zeigen sich sehr unterschiedlich. So kann es sein, dass ein Autist nicht sprechen kann und ein anderer fast nicht zu bremsen ist in seinem Sprachfluss. Der Begriff «Autismus» kommt aus dem Griechischen und meint jemand, der «sehr auf sich bezogen ist».

Formen des Autismus-Spektrums

Autistische Merkmale können einerseits früh im Leben sehr ausgeprägt auftreten oder so, dass sie erst viel später auffallen. Symptome von Autismus zeigen sich in der Sprache, in Auffälligkeiten der sozialen Interaktionen (Mimik, Gestik, ungeschickte Kontaktaufnahme) und indem Betroffene stereotype Verhaltensmuster an den Tag legen. Dies meint zum Beispiel das unaufhörliche Drehen an Rädern von Spielzeugautos, Aufreihen von Gegenständen oder indem sie Mühe mit Programmänderungen haben. Der 20-jährige Marco Odermatt, erhielt die Diagnose «frühkindlicher Autismus» im Alter von zwei Jahren. Sein Vater, Reto Odermatt, Präsident des Vereins Autismus deutsche Schweiz, erinnert sich: «Wir haben extrem schwierige Zeiten erlebt als Eltern eines autistischen Kindes. Niemand kannte damals Autismus. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, begrüsste mich Marco nie, sondern war nur physisch anwesend und wirkte ansonsten apathisch. Ich konnte Marco lange Zeit gar nicht auf den Arm nehmen und keinen Augenkontakt herstellen. Heute hat Marco grosse Fortschritte gemacht. Er nimmt sogar Blickkontakt auf und hat sich in jahrelangem Training selber das Schreiben angeeignet.» Sind bei Kindern nicht alle drei Bereiche der Sprache, sozialen Interaktionen und Verhaltensmuster auffällig, spricht man von atypischem Autismus. Sind die Merkmale noch weniger deutlich erkennbar, wird oft sogar erst im Erwachsenenalter die Diagnose Asperger-Syndrom gestellt. Solche Menschen zeigen in den ersten Lebensjahren eine normale Entwicklung und frühestens im Zusammenleben mit anderen Menschen Auffälligkeiten. So haben sie Schwierigkeiten, Empathie zu empfinden und verstehen Ironie oder Wortspielereien wörtlich. Manche Menschen mit dem Asperger-Syndrom haben eine Vorliebe für Formeln, Fahrpläne, technische und historische Daten. Sie sind oft geruchs-, geräusch-, berührungs- und lichtempfindlich.

Ursache und Förderung

Autismus-Spektrum-Störungen entstehen nicht durch Erziehungsfehler. Die Ursachen sind bis zum heutigen Tag nicht restlos geklärt. Man nimmt an, dass genetische und biologische Abläufe vor, während und nach der Geburt das Gehirn beeinträchtigen und eine Autismus-Spektrum-Störung auslösen könnten. Als die Familie Odermatt die Diagnose bei ihrem Sohn erhielt, fühlten sie sich damit überfordert und suchten vergeblich Unterstützung vor Ort. Heute ist Reto Odermatt Präsident des Vereins Autismus deutsche Schweiz. Hier erhalten Betroffene und deren Familien vielfältige Auskünfte und finden eine Austauschplattform. Der Verein organisiert Tagungen und engagiert sich in Politik und Gesellschaft. Er zählt aktuell 1500 Mitglieder. In der Schweiz leben, laut Auskunft des Vereins, rund 80’000 Menschen mit der Diagnose ASS.

Marco Odermatt, 20 Jahre alt, Autist

Marcos Woche sieht so aus, dass er jeweils drei Stunden vor- und drei Stunden nachmittags zuhause von drei Betreuerinnen gefördert wird. Sein Vater, Reto Odermatt, erklärt: «Das Vorgehen ist sehr strukturiert und wird monatlich an die Bedürfnisse von Marco angepasst. Schreiben, Logikspiele, Zusammensetzspiele, Übungen am PC, Arbeiten im Haushalt gehören dazu. Montags, mittwochs und freitags, geht Marco in die Schreinerei Biber und Specht in Dallenwil arbeiten. Er hat dort eine 1:1 Betreuung, denn seine Mutter begleitet Marco zur Arbeit.»

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Interview mit Marco Odermatt

Die gegenseitige «Du-Form» war abgesprochen und die Interviewfragen hat Marco Odermatt schriftlich beantwortet, da er nicht zu sprechen vermag.

Wenn du Mitmenschen beobachtest, bemerkst du dein «Anders-Sein». Wo fällt dir das am meisten auf? Macht dir das Mühe?

Dass ich anders bin, merke ich, wenn Leute mich manchmal blöd anschauen. Sie haben einfach keine Ahnung, wie das für mich ist. Es ist nicht schön für mich. Aber ich habe so viele gute Leute um mich. So bin ich glücklich und habe viel Spass.

Wie sollen dir die Mitmenschen begegnen, was wünschst du dir von Ihnen?

Die Leute sollen ganz normal mit mir sein. Auch ich habe Spass am Leben.

Macht dir deine Arbeit Spass?

Arbeiten tu ich gerne. Das macht mir grossen Spass. Ich habe gute Leute da.

Welches sind deine Hobbys?

Ich reite sehr gern. Dann noch: wandern auf einem Berg, schwimmen mit Papa, Autofahren mit Leuten, Computerspiele machen und Puzzle mache ich auch gern.

Bist du zufrieden mit deinem Leben?

Ja, ich bin sehr zufrieden.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Ich wünsche mir, dass alles noch lang so weitergeht. Auch dass ich noch weiter zu Hause sein kann. Es ist am Schönsten da.

Was sollen die Leser des Nidwaldner Blitz über Autismus wissen?

Alle Leute müssen wissen, dass wir anders sind. Wir denken anders. Wir brauchen viel Hilfe. Wir haben nicht gern zu viele Leute auf einmal. Zu viel und grossen Lärm, mögen wir nicht. Wir haben auch mal gern Ruhe. Für mich ist es schlimm, wenn die Leute meinen, ich sei blöd. Das stimmt nicht. Ich verstehe alles, wenn sie reden. Sie sind nicht viel gescheiter als ich. So habe ich auch viele gute Seiten. Ich bin eigentlich sehr glücklich.

 

Marco Odermatts Vater schliesst mit einem Plädoyer: «Sparen wir nicht auf Kosten von Menschen mit Autismus! Investieren wir in diese Menschen. Denn sie können gezielt gefördert werden.  Dies zeigt die erfreuliche Entwicklung von Marco. Dazu braucht es aber eine intensive individuelle Förderung. Da reichen ein paar Stunden Zusatz-Betreuung pro Woche, beispielsweise in der Schule, nicht aus. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die Familien. Speziell die Eltern sind mit einem Kind mit Autismus extrem belastet und gefordert. Da wünsche ich mir auch mehr Unterstützung. Geht unbedingt offen auf autistische Menschen zu und übt euch in Toleranz. Sie haben eine spezielle Wahrnehmung und verhalten sich auch entsprechend anders als wir. Lasst euch überraschen!»

Regula Aeppli-Fankhauser

 

 

 

 

Der Platzhirsch

Der Sommer hat sich verabschiedet. Die Tage und Nächte werden kälter. Mit dem Herbst beginnt ein eindrückliches Naturschauspiel: die Paarungszeit des Rotwilds kündigt sich in den Bergwäldern mit lautem Röhren an.

Folgenden Artikel habe ich für den Nidwaldner Blitz verfasst und er erschien am 27.9.18

Werner Zumbühl, Mitglied der Kommission für Jagd-, Wild- und Vogelschutz (Jagdkommission), gibt den Nidwaldner Blitz Lesern im Folgenden interessante Einblicke in die Zeit der Brunft der Hirsche.

Zeit der Rotwildbrunft in Nidwalden
In Nidwalden kann man witterungsbedingt ab etwa Mitte September bis Mitte Oktober, vom Abend bis frühmorgens, das imposante Röhren von Hirschen hören. „Nicht in den Wäldern der Niederungen, aber zum Beispiel am Lutersee oberhalb von Grafenort oder dem Salistock, oberhalb von Wolfenschiessen“, verrät Werner Zumbühl. Waren Rothirsche früher mehr in der Region Wolfenschiessens zu finden, verteilen sich diese Tiere mittlerweile über den ganzen Kanton – von Hergiswil bis Emmetten. In der Schweiz gibt es 42 Jagdbanngebiete. Seltene und bedrohte Säugetiere und Vögel finden dort einen geschützten Lebensraum. Es gibt vor allem ältere Hirsche, welche die Nidwaldner Banngebiete zu kennen scheinen und sich in der Paarungszeit dorthin zurückziehen.

Wettkampf um die „Braut“ und „Hochzeit“

Im Frühling werfen Hirsche ihre vorjährigen Geweihe ab. Im Sommer sind neue gewachsen, bis zu 6 kg schwer und weisen ein paar Enden mehr als im Vorjahr auf. Im Herbst sondern sich die alten Hirsche vom Rudel ab und die jüngeren beginnen den Wettkampf um das Kalbwild. So nennt man die jungen Hirschkühe. Die jungen Männchen demonstrieren ihre Stärke, indem sie derart markerschütternd röhren, dass man diese Laute kilometerweit vernimmt. Doch allein mit ihren Stimmen kämpfen sie nicht für ein Weibchen, sondern meist folgt ein Duell. Erhobenen Hauptes gehen die starken männlichen Tiere zuerst nebeneinander her. Dabei spannen und demonstrieren sie einander ihre Muskeln, um möglichst grossen Eindruck auf den Nebenbuhler zu machen. Nun umkreisen sich die Tiere, senken ihre Köpfe, verhaken die Geweihe und kämpfen miteinander. Schwere Verletzungen werden im Grunde genommen von den Tieren vermieden, können aber, nach Aussage von Werner Zumbühl dann auftreten, wenn sie sich aus der Geweihverhängung nicht mehr befreien können. „Glücklicherweise verhaken sich die Geweihe selten derart stark, dass die Tiere elendiglich verenden. Solche Kadaver findet man meist nicht sofort. Dieses Fleisch ist nicht für den menschlichen Verzehr geeignet, dafür aber ein Festessen für Kolkraben oder den Fuchs“, erklärt Werner Zumbühl. Der Sieger aus dem Duell ist der „Platzhirsch“. So werden ja im übertragenen Sinn Menschen bezeichnet, welche meinen, das ganze Universum drehe sich um sie und entsprechend arrogant und selbstherrlich auftreten. Der Siegerhirsch darf sich als Lohn mit mehreren weiblichen Tieren paaren. Dieses Besamen nennt man beim Hirsch „beschlagen“. Gegen Ende Mai, Mitte Juni werden dann Kälber geboren.

Die geheimnisvolle Türe ins Dinosaurierland

Bisher bin ich in zwei Anthologien und zwei Ausgaben des Täxtzit vertreten und habe eine Kindergeschichte und meinen ersten Novemberschreiben-Roman in kleinen Auflagen drucken lassen, ohne Verlag. Mein Traum ist es, einmal ein eigens Buch in den Händen halten zu können. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob es sich um eine Kindergeschichten-Sammlung, um den Novemberschreiben-Roman „Die Liebe ist rot“ oder um ein „best of“ dieses Gmerkigs-Blog handeln soll.

Ich liebe es, Kindergeschichten zu schreiben und denke gern an die Zeit zurück, als ich zusammen mit ein paar anderen Schweizer Schreibfrauen für die Online-Redaktion des Schweizer Familie-Magazins Bettmümpfeli-Geschichten (Gute-Nacht-Geschichten) veröffentlichen durfte. Mittlerweile konnte ich diese Geschichten im Verlag des Nidwaldner Blitz veröffentlichen, für den ich als journalistische Freelancerin tätig bin. Als der Verlag signalisierte, dass er offen für neue Kindergeschichten von mir sei, hatte ich bereits eine im Kopf präsent, welche nur noch niedergeschrieben werden musste. 😉

Diese Geschichte formierte sich in meiner Fantasie, als ich zusammen mit meinem Mann dem Beckenrieder-Seeweg entlang Richtung Rütenen Beckenried wanderte. Dort befindet sich eine imposante Kletterwand, auf der vor ein paar Jahren Forscher Dinosaurierspuren entdeckten.

Eine geheimnisvolle Türe, welche wir auf unserem Weg entdeckten, passte hervorragend in meine Kindergeschichte.

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Die Kinder können hoffentlich im Sommer 2019, wenn der erste Teil von: Die geheimnisvolle Türe ins Dinosaurierland erscheinen wird, vor Spannung kaum auf den zweiten Teil warten.

Ihr dürft als Erste den Anfang der Folge 1 lesen 

Gelangweilt stochert Dina mit einem Stecken in der Glut des Lagerfeuers herum. Sie hatte keine Wahl und musste diesen Familienausflug nach Beckenried mitmachen. In diesem Moment ahnt sie noch nicht, dass dieser Tag eine dramatische Wendung nehmen und sie schon bald in Gefahr geraten würde.

„Die zwei D – Dario und Dina, was für ein Traumpaar. Nur wo ist er bloss, dein Dario-Schätzeli?“ foppt ihr Bruder Gian sie. Ach, was können Brüder nerven. Sie mag gern mit Dario spielen – na und? Deswegen ist er noch lange nicht ihr „Schätzeli“. Dinas Wangen glühen genauso stark, wie die Glut, auf der vor kurzem ihre Würste brutzelten. Hilfesuchend schaut sie sich nach ihren Eltern um. Doch ihre Mutter döst auf dem Badetuch im Schatten liegend und ihr Vater beobachtet begeistert die Kletterer an der Felswand. Der hat bestimmt keine Lust, sich ihre Klagen über ihren Bruder anzuhören. Seufzend steht Dina auf, wischt sich mit den Händen den Hosenboden vom Laub sauber und lenkt ihre Schritte von der Familie weg ins nahe Unterholz. „Hey, wohin gehst du?“ ruft ihr Bruder ihr zu. „Pinkeln. Und wehe, du kommst schauen, dann verpetze ich dich bei Papi und Mami“, schreit Dina drohend zurück. Ohne sich umzudrehen, läuft Dina weiter und wundert sich, dass Gian ihr tatsächlich nicht zu folgen scheint. Doch – was ist das? Sie steht unmittelbar vor einer verwitterten Türe. Sie muss früher mal blau gewesen sein – die Farbe ist schon fast vollständig abgeblättert. Was sich dahinter wohl verstecken mag? Der rostige Verschluss lässt sich leicht öffnen.

Kindererziehung im Wandel der Zeit

Kindererziehung im Wandel der Zeit – Teil 1

Gehorsam und Pflichterfüllung gegenüber Erwachsenen und Disziplin – dies waren drei typische „Tugenden“, welche Kindern über Jahrzehnte eingetrichtert und nicht selten eingeprügelt wurden. In der Schule und im Elternhaus war es für ein Kind tabu, zu widersprechen.

„Tatzen-Geben“ (mit dem Lineal auf die Finger schlagen) war als Bestrafung ungehorsamer Kinder legitim. Mit Lederriemen, Teppichklopfern, dünnen Rohrstecken wurden kindliche Gesässe traktiert, um sie fühlen zu lassen, dass die Erwachsenen sagen, wie sie sich zu verhalten haben. Ohrfeigen, „Kopfnüsse“, das Ziehen an den Haaren oder Ohren und das Knien-Lassen des Kindes auf einem spitzen, dreikantigen Holzscheit, waren ebenfalls beliebte Disziplinarmassnahmen. Pfarrer, Lehrer und Eltern beriefen sich nicht selten auf den Bibelvers von Sprüche 13,24: »Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald.« Dabei waren sich die Erziehungsberechtigten nicht bewusst, dass das hebräische Wort „Rod“ für Rute auch mit „Korrektur“ übersetzt werden kann. Nach heutigen Bibelauslegern legitimiert dieser Vers nicht das Schlagen von Kindern, sondern es geht um das Erziehen im Allgemeinen. Einem Kind soll nach biblischem Erziehungsverständnis nicht alles erlaubt werden, sondern es soll Grenzen spüren, ähnlich wie sie der Autofahrer in Form von Leitplanken auf Autobahnen erlebt.

Körperstrafen im Strafrecht

Die Generationen bis 1960 kannten einzig den strengen Erziehungsstil der vorangegangenen Jahrzehnte. Gehorchen, ohne kindliche Wünsche zu äussern, das war das Übliche, was für ein Kind galt. Erst ab den 1960er Jahren setzte eine Trendwende in der Gesellschaft ein. Seither gilt es als barbarisches Relikt früherer Zeiten, Kinder körperlich zu bestrafen. Allerdings sind bis heute in den meisten Ländern der Welt Ohrfeigen oder Schläge auf den Allerwertesten als Erziehungsmittel legal, solange sie „massvoll“ und „angemessen“ sind. Anders als in der Schweiz, sind in Deutschland, Schweden, Island, Finnland, Dänemark, Norwegen, Italien, Österreich, Zypern, Kroatien, Neuseeland, Costa Rica, Venezuela und Italien die gesetzlichen Regelungen strikt und verbieten körperliche Züchtigungen. Das schweizerische Strafgesetzbuch sagt, Körperstrafen seien gesetzlich erlaubt“ im Sinne von Artikel 14, „solange sie als Befugnis der elterlichen Sorge gelten“. Einzig wiederholte körperliche Bestrafungen, die „das allgemein übliche und gesellschaftlich geduldete Mass“ überschreiten, werden als Tätlichkeit von Amtes wegen verfolgt.

Autoritärer und antiautoritärer Erziehungsstil

Als die Gesellschaft sich von der autoritären, politischen Führung, zur Demokratie bewegte, wurden Zweifel an strengen Erziehungsmethoden laut. Die sogenannte 68er Bewegung setzte einen Gegentrend: die antiautoritäre Erziehung. Sie proklamierten, dass jede Erziehung Gewalt sei. Dem Kind sollte ein eigener Freiraum zugestanden werden und sie sollten zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen, ohne ihnen Grenzen zu setzen.

Fortsetzung im Teil 2

War es früher klar, dass es Aufgabe der Erziehungsberechtigten war, Kinder zu disziplinieren, so ist es heute komplizierter, einen eigenen Weg zu finden, Kinder zu angenehmen Zeitgenossen heran zu ziehen. Viele Eltern sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Mit dieser Problematik wird sich die Fortsetzung des Themas in einem 2. Teil beschäftigen.

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