Ich hätte gesagt…. ;-)

Als mich Regi Sager, SRF1 Moderatorin versuchte zu erreichen, war ich an einer Nidwaldner Blitz-Sitzung. Ich konnte sie, als ich zuhause war, wiederum nicht erreichen und füllte ein Mailformular aus, das direkt ins Studio gelangte. Sie antwortete mir:

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Zugrunde lag diesem Austausch die Aufforderung von SFR1, in alten Fotoalben zu stöbern und Foto einzusenden, welche einen Moment zeigen, in dem man so rundum glücklich war.Bildschirmfoto 2017-11-14 um 22.39.27.png Schade, ich hätte Zeit gehabt, um ihr mehr über dieses Foto zu erzählen.

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Ich hätte ihr erzählt, dass mir diese Situation, obwohl rund 50 Jahre her, immer noch sehr präsent ist und es mir grad jetzt, wo ich mich dran erinnere, warm wird im Herzen. Mein Vater verstand es, mir zu zeigen, wie härzig er mich fand. Es wird mir erst jetzt bewusst, dass er mir dadurch den Grundstein legte, für ein gesundes Selbstwertgefühl. Ich weiss noch, wie ich in dem Moment vor der Kamera stand im Selbstverständnis: ich bin hübsch, meine Eltern lieben mich, es ist gut so wie ich bin. Später wurde dieses Selbstwertgefühl stark gedämpft. Ich litt unter dem Spott von Gspänli, weil ich einen sogenannten Vorbiss hatte, d.h. meine Vorder-Zähne standen stark vor. Eine jahrelange Zahnkorrekur erbrachte nicht die gewünschten Erfolge. Erst durch die Liebe Gottes und meines Mannes, geriet das schiefe Selbstbewusstsein wieder ins Lot und ich begann, mich selber erneut zu mögen und meine Gaben zu erkennen. Damals, als Kind, war einfach rundum alles gut. Mit mir und mit der ganzen Welt. Nichts konnte mir passieren, denn mein Zuhause schenkte mir Geborgenheit. Dieses Urvertrauen, welches gelegt wurde, konnte nie ganz zerstört werden.

Wenn die Zeit gereicht hätte, dann hätte ich Regi Sager erzählt, dass ich in meinem späteren Leben noch ganz viele glückliche Momente erlebt habe. Immer wieder so ähnliche, in denen mein Vater mich ablichtete, weil er mich hübsch fand. Aber auch damals, als ich das Handelsschuldiplom in den Händen hielt und während dieser Schulzeit zu einer lebendigen Beziehung zu Gott fand, lösten tiefe Glücksgefühle aus in mir. Die Heirat mit Andy, die Geburten unserer drei Kinder, die vielen gemeinsamen Erlebnisse sind glückliche Erinnerungen, auf die ich alle dankbar zurückblicke.

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Dies alles hätte ich erzählt – aber leider konnten Regi Sager und ich uns gegenseitig nicht erreichen……. 😉

 

 

 

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Mein facettenreicher, geliebter Vater

Bald jährt sich der Todestag meines Vaters zum 2. Mal. Wir sind immer noch am Sichten/Räumen von seinen vielen Sammlungen (Briefmarken, Münzen, Nostalgisches…) Letzte Woche haben meine mittlere Tochter und ich beim Durchstöbern von Ordnern ein paar interessante Sachen aus dem Leben meines Vaters erfahren. Zum Beispiel, dass er sogar weltweit eine Kapazität war, was Wärmebehandlung von Metall betrifft. Er ging an Konferenzen als Delegierter der Schweiz, offiziell aufgeboten seitens des Bundesrates, war Dozent an der Fachhochschule Zürich und bildete Lehrlinge aus. Das war mir bis heute nicht bewusst. Ich wusste, dass mein Vater geschäftlich mehrmals in Paris war, aber nicht, dass dies einmal kurz vor meiner Geburt noch der Fall war. Meine Schwester erzählte mir gestern, dass er einmal ein Raketenteil, das für die NASA produziert wurde, persönlich in die USA begleiten musste. Unter grössten Sicherheitsauflagen. Mein Vater war massgeblich an der Produktion dieses Stücks beteiligt gewesen. Damals sprach er noch nicht Englisch. Er hat dies erst später gelernt und mit mir lange Zeit brieflich in Englisch korrespondiert, um es zu lernen und praktizieren.

Und noch was habe ich in diesen Ordnern gelesen: dass er an einem Wettbewerb künstlerischer Natur, mitgemacht hat. Im Ordner ist seine Arbeit beschrieben. Später am Tag habe ich diese kleine Eisenskulptur in einem Zimmer des Hauses meiner Eltern zufällig entdeckt. Lustig – sie ist mir bisher nie aufgefallen. Da lese ich was in einem Ordner, vom Vater angelegt und sehe dieses künstlerische Werk daraufhin sofort.  Meine Mutter wusste nicht mehr in welchem Zusammenhang er dieses Stück erstellt hat. Sie meinte aber, er wäre wohl glücklicher gewesen, wenn er als Künstler hätte leben können statt als Mechaniker. Nur hätte er halt damit nicht eine Familie ernähren können. Meine Schwester hat mir gestern auch über diese künstlerische Ader meines Vaters die Augen geöffnet. Ja, es stimmt: bei jeder Gelegenheit hat er sich mit uns Kindern und später mit den Enkelkindern hingesetzt und uns ermutigt, zu malen, was wir sehen würden. Meine Schwester ist bis heute am Aktivsten von uns künstlerisch tätig. Ich versuche mich hie und da ebenfalls im Malen. Ich kombiniere es mit der Fotografie…. Auch die Schreiblust habe ich von meinem Vater geerbt. Ich habe in besagen Ordnern Gedichte und andere Schreiberzeugnisse gefunden.

Berufliche Kapazität, Künstler, Religionslehrer – und gemobbt

Diese Entdeckungen über meinen Vater begeisterten mich. Aber sie stimmten mich auch nachdenklich und erinnerten mich an Mobbingzeiten. Das kam so: mein Vater war seitens seines Arbeitgebers, zeitlebens unter Druck gesetzt worden. Er musste sich weiterbilden, an Konferenzen gehen weltweit – nicht aus freien Stücken, sondern unter Androhung des Arbeitsplatzverlustes,. Ich erinnere mich nicht daran, dass mir mein Vater irgendwann gefehlt hätte als Kind. In meiner Erinnerung war er nie lange weg. Obwohl er nebst seinem Beruf auch noch in der reformierten Kirche ehrenamtlich engagiert war und auch dort verantwortungsvolle Posten inne hatte (Sonntagsschule: Teamleiter, Religionsunterricht, Besuchsdienst, zeitweise nebenberuflich Sigrist). Aber ich erinnere mich lebhaft daran, dass unsere Familie oft unter Existenzängsten litt. Damals, vor rund 50 Jahren war es noch viel schlimmer als heute, wenn ein Vater arbeitslos wurde. Die Ehefrauen arbeiteten oftmals noch nicht auswärts. Die Familie war auf dieses eine Einkommen dringend angewiesen. Oft herrschte „dicke, bedrückende Luft“ am Familienesstisch, weil mein Vater trotz seiner Kapazität um seinen Arbeitsstelle bangte. Er wurde zur Karriere gezwungen, wurde x mal intern in eine andere Abteilung versetzt, hatte es aber überall schwer. Er klagte oft, er fühle sich „zwischen Stuhl und Bänken“. Er, der von der „Picke auf“ lernte, was es heisst, als einfacher Mechaniker zu arbeiten, war später gezwungen, unrealistische Vorstellungen und Vorschriften umzusetzen, welche ETH Studenten in den Betrieb hinein brachten. Ein Beispiel der „Plagerei“ (Quälerei) war, dass im Grossraumbüro, in dem er arbeitete, Stumpen und Zigaretten geraucht wurden – obwohl bekannt war, dass mein Vater eine Schwächung auf der Lunge hatte.

Mehrmals meinten wir, wir müssten berufsbedingt umziehen. Wir waren oft wie „auf dem Sprung“. Diese Pläne des Arbeitgebers wurden dann jedes Mal aufgegeben, aber sie prägten unsere Familienathmosphäre. Einmal hat sich gar meine Mutter gewagt zu wehren. Denn wir hätten nach Altdorf umziehen müssen. Bekannt für Föhnwetter. Für meine Mutter, welche ab und zu unter Migräne litt, eine Horrorvorstellung. Und ein anderes Mal – wir hätten nach Bern umziehen wollen – hat sich mein 6. Klass-Primarschullehrer für uns beim Chef meines Vaters persönlich eingesetzt! Wo gäbe es das heute noch??!! Damals kannte man im Bernbiet bereits das Frühfranzösisch in den Schulen. Mir hätte bei einem Umzug 2 Jahre Französisch gefehlt. Mein Lehrer meinte, dass ich unter diesen Umständen die Sekundarschule nicht schaffen würde. Er wäre aber sonst, wenn es soweit gekommen wäre, bereit gewesen, mir kostenlos Privatunterricht in Französisch zu erteilen.

Wir wohnten in einem Hochhaus, das hauptsächlich von Mitarbeitern des Betriebes bewohnt war, in dem mein Vater ebenfalls Angestellter war. Ich glaube, wir waren an die 30 Familien in diesem Haus. Jedesmal, wenn es hiess, „dr Fankhuser“ wird wahrscheinlich auswärts versetzt, gab es solche, welche mit dem internen Umzug in unsere Wohnung liebäugelten. Als der Umzug nach Bern drohte, war es ganz schlimm für mich: mein Zimmer wurde von einer Frau, welche mit ihrer Familie eine nicht so schöne Wohnung im selben Hochhaus bewohnte, vermessen und laut dachte sie vor mir, wie sie das Zimmer für ihre Tochter, welche mit mir befreundet war, einrichten würde. Als es dann nichts wurde mit dem Umzug nach Bern, zettelte diese Familie einen Kleinkrieg an gegen uns und spürte ich am eigenen Leib, was vorher nur mein Vater am Arbeitsplatz erlebte: Ausgrenzung, Isolation. Meinen besten Freundinnen wurde seitens ihrer Eltern verboten, mit mir Kontakt zu haben. Einmal habe ich ein Gespräch der vielen Hochhauskinder im Treppenhaus belauscht. Sie erzählten, meine Mutter sei eine Hexe (sie hatte damals einen Kropf am Hals). Ihre Eltern hätten gewarnt vor uns und gesagt, sie müssten uns meiden. Wir hätten sowieso nicht den richtigen Glauben. (Wir waren in der Hochburg der Katholiken einige der wenigen Reformierten.) Heulend lief ich in die Wohnung und erzählte meiner Mutter schluchzend, was ich gehört hatte. „Du musst deine Feinde lieben und vergeben. Tu ihnen überraschend Gutes, statt dich zu rächen“, war ihre Antwort, welche ich aber überhaupt nicht verstand damals. Fortan hatte keine einzige Freundin mehr, war total einsam, hatte nur noch mein Meerschweinchen und mein Tagebuch. Meinen Eltern erzählte ich nichts mehr von meiner Not. Ich sah, wie sie litten und ich wollte sie nicht noch mehr belasten. Doch wahrscheinlich war diese dunkle Zeit für mich Wegbereiter, damit ich zum lebendigen Glauben an Jesus Christus fand. Ohne diese schwere Zeit, wäre ich wohl nicht offen für das Evangelium gewesen.

Bevor im Gemeinschafts-Büro mit der Arbeit begonnen wurde, lasen laut Berichten meines Vaters alle seine Arbeitskollegen die Zeitung. So nahm er sich die Freiheit, in dieser Zeit in der Bibel zu lesen. Nie länger als die anderen Zeitung lasen. Dennoch wurde ihm auch das jeweils „angekreidet“. Die Tageslosung las er in Englisch und manchmal schrieb er mir ein paar Zeilen (habe den Arbeitsort/Unternehmung wegretuschiert):

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Als er diese zwei Briefe schrieb, war er mitten im Englischstudium und 58 Jahre alt.

Am Tag seiner Pension, schrieb er – auch das habe ich in einem Ordner entdeckt: „Am Abend fragt die Frau: wie war’s? Und du hörst dich selber sagen: es war eigentlich noch ganz schön.“ So war er mein Vater: trotz allem positiv gestimmt, humorvoll und bis zu seinem Lebensende stolz auf seinen Arbeitgeber. Er ging jeweils voll Freude zu den Veranstaltungen der Pensionierten.

Diesen Brief schrieb er, als er längstens pensioniert war. Heute kommt er mir vor wie ein Gruss aus dem Himmel:

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Ich vermisse meinen Vater. 😦

Inter-nette Bekanntschaften #Blogparade #webseidank

Johannes Mairhofer war es, der mich via Twitter auf diese Blogparade aufmerksam machte. Johannes kenne ich von einer Twitteraktion der sogenannten 99 iger Fotografen. (Hat nichts mit den 99iger Jahren zu tun. 😉 ) Eine Woche lang durfte ich einen Wechselaccount von Berufs- und Hobbyfotografen betreuen. Darauf aufmerksam wurde ich durch Sascha, einen Berufsfotografen, den ich durch ein Internetforum kennenlernte. Und schon bin ich mitten im Thema der Blogparade „Was hat das Web dir Gutes gebracht?“ 😉

Am einfachsten ist es wohl, ich beginne chronologisch mit meiner Interneterfahrung:

Eine Internetverbindung zuhause begann damals noch mit dem Einwählen via Modem und dem damals bekannten zugehörigen Geräusch. Das WWW eröffnete mir eine ganz neue, im wahrsten Sinn des Wortes weltweite Welt. Es gibt in meinem Leben wirklich eine Zeit vor und nach dem Internet. Vor dieser „Zeitwende“ beschränkten sich meine Kontakte auf meine engere und weitere Familie/Verwandtschaft, Nachbarschaft, Freikirche, Eltern von Gspändli (Schulkameraden/Freunden) unserer Kinder und ein paar wenigen Brieffreundschaften, denen ich alle paar Wochen oder Monate mal eine Postkarte oder einen handgeschriebenen Brief schickte. Mit dem Internetanschluss öffnete sich meine Welt in einem Augenblick!

Als Erstes schloss ich eine langjährige Freundschaft mit einer Frau, welche mir beruflich in einem PC Spiel weiterhalf. Aus anfänglichen kleinen Tipps entwickelte sich eine private Emailfreundschaft, welche später leider im Sand verlief.

Dann entdeckte ich ein gesundheitliches Themenforum, welches mich sehr ansprach, da ich zu jener Zeit unter Depressionen litt. Jeden Tag war ich fortan aktiv bei Depri.ch Die Kontakte in diesem Forum halfen mir zusammen mit einer Selbsthilfegruppe vor Ort, fachlicher Betreuung und Gottes Hilfe schliesslich aus dieser schwierigen Krankheitszeit heraus. Einzelne Kontakte, welche ich über Jahre in diesem Forum pflegte, zähle ich bis heute zu meinem engeren Freundeskreis. Über Facebook, Twitter, Whatsapp, aber auch durch Besuche hüben und drüben bleiben wir eng verbunden. Eine Frau aus Deutschland besuchte mich gar für ein paar Tage in der Schweiz.

Meine persönliche Entdeckung von Facebook kam für mich im richtigen Moment – nämlich, als für mich der Austausch in jenem Forum nicht mehr so „aktuell“ war, weil ich zwar noch Menschen beistehen konnte, diese schwere Zeit aber lieber endgültig hinter mir lassen wollte. Es war so wohltuend, auf Facebook viele Bekannte aus dem Forum wieder zu finden.

Dann kam das Jahr 2006, in dem ich das sogenannte „Novemberschreiben“ entdeckte. Es galt, innerhalb des Monats November eine gewisse Anzahl Wörter zu schreiben – mein erster Roman „Die Liebe ist rot“ formte sich und ich gewann die erste virtuelle Goldmedaille. Wichtig war mir der Austausch im Schreibszeneforum und vielleicht tippte ich dort parallel zu meinem Manuskript viel mehr Wörter. Ich lernte Fatima Vidal, Karin Mayerhofer Dobler, die Krimiautorin Ina HallerGerhard Falk (der mich später auch mal besuchte) und viele andere Menschen nicht nur übers Web, sondern auch in persönlichen Begegnungen kennen. Einem Mann, den ich vom Depriforum her kannte, gab ich den Tipp, doch beim Novemberschreiben mitzumachen – wo er seine Lebenspartnerin Zora Debrunner kennenlernte – und auch ich bin seither freundschaftlich mit ihnen beiden verbunden. In Fatima Vidals Verlag erschien kürzlich das Buch „Dieser Moment“ mit einem Fotobeitrag von mir drin.

Dieser Moment

Zu Karin pflege ich mittlerweile eine Freundschaft, welche diese Bezeichnung wirklich verdient. Wir besuchen einander hie und da, gehen zusammen an Buchvernissagen, sie stand mir an der Beerdigung meines Vaters bei und besuchte mich an mehreren Konzerten des Chorprojekts Ennetbürgen. Wir nehmen gegenseitig Anteil am Leben der anderen und das hat sich aus einer „inter-netten Bekanntschaft“ so entwickelt. Durch das Schreibszeneforum des Novemberschreibens lernte ich auch Blanca Imboden persönlich kennen, welche noch keine mehrfache Schweizer Bestsellerautorin war, aber schon damals tolle Bücher schrieb.

Manchmal ist man übers Web mit jemandem verbunden und hat einen tieferen Austausch, weiss aber gar nicht mehr, wie der Kontakt eigentlich zustande kam. So geschah es mir mit Joe Stalder. Die Sternwarte Kreuzlingen, bei der er sich sehr aktiv engagiert, durften wir als Familie schon zweimal besuchen und Joe persönlich kennenlernen. Ich finde es immer wieder spannend, wenn ich jemanden, den ich bis anhin ausschliesslich übers Web kannte, dann endlich mal Auge und Auge gegenüberstehe. So war es bei Joe und so war es auch, als mich viele Internetbekannte an meinem 50 igsten Geburtstag zuhause besuchten und mit mir feierten.

An einem Twittertreffen, organisiert von  Andrea Jerger, welche ich bis anhin auch nur über die sozialen Medien kannte, stand ich dann grad mehreren Menschen gegenüber, mit denen ich bis dato nur schriftlich kommunizierte. Wie faszinierend!

Die eingangs erwähnte Beziehung zu den 99 ig Fotografen brachte mir eine freundschaftliche Beziehung zu mehreren Fotografen in der Schweiz. Einmal organisierte ich deswegen ein kleines 99iger Treffen im Papiliorama Kerzers. Und auch Karsten Socher und Heike lernte ich durch die 99 iger kennen. Sie haben unsere Familie bereits zweimal besucht – einmal waren wir zusammen auf dem Vierwaldstättersee und einmal unternahmen wir einen Schlittelplausch zusammen. Es darf ruhig zu einer schönen Tradition werden, Karsten und Heike, dass ihr uns jährlich besuchen kommt – dann, wenn du beruflich in der CH zu tun hast.

Fast genau heute vor 4 Jahren besuchte mich eine Facebookbekannte. Eine Schweizerin, jetzt wohnhaft in Oesterreich. Immer wenn ich ein Gebetsanliegen habe, ist sie für mich da. Danke für deine Treue, Myriam! ❤

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Das Web hat mir auch geholfen, alte Bekannte wieder zu finden. So wäre es ohne Internetrecherche undenkbar gewesen, dass ich als Hauptinitiatorin ein Klassentreffen der Primarschule zustande gebracht hätte. Mit vielen alten Schulgspändli, aber auch anderen Altbekannten, welche ich aus den Augen verloren hatte, bleibe ich nun via Facebook wieder ganz neu verbunden.

Last but not least lernte ich meine neuen Nachbarn zuerst per Zufall über eine Tausch- und Verkaufsbörse per Facebook kennen, da ich dort Dinge vor dem Umzug loswerden wollte.

Unter das Thema „Was mir das Web gebracht hat“, gehört aber auch, dass es mich vielleicht etwas abgeklärter gemacht hat. Ich musste erfahren, wie schnell Freundschaften geschlossen werden  – und wie schnell sie mit einem Klick auch wieder beendet werden können. Es gab da eine Frau, welche ich via Schreibszene kennengelernt hatte. Wir besuchten miteinander ein Musical, einen Weihnachtsmarkt und einander zuhause. Eines Tages stand sie überraschend vor der Türe, weil ich mich über das triste Wetter und meine Stimmungslage beklagt hatte. Sie brachte mir eine Tageslichtlampe und ich beschenkte sie im Gegenzug mit Bio-Früchten aus Spanien, welche wir zu dieser Zeit vertrieben. Die Tageslichtlampe hilft mir bis heute über trübe Wochen hinweg. Die Freundschaft aber zerbrach vor ein paar Jahren, weil jene Frau sich in einer meiner Lebenssituationen anders verhalten hätte als ich es tat. Sie konnte nicht akzeptieren, dass ich ihren Rat nicht beherzigen mochte – und klickte mich weg. Eine andere Frau kommentierte keinen meiner Beiträge auf Facebook, Twitter oder hier auf dem Blog, besuchte mich nie, hatte aber scheinbar das Gefühl, wir seien engste Freundinnen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sie tief verletzt war, als ich sie aus dem Grund aus meiner Freundesliste kippte, weil sie mich öffentlich aufgrund einer Meinungsäusserung kritisierte. Allein die Tatsache, dass sie alles mitlas, verband sie wohl mit mir – ohne mir dies aber je mitzuteilen. Für mich hingegen war sie bloss eine der vielen Bekanntschaften auf Facebook, welche kommen und gehen. Selbst wenn es dort offiziell „Freundesliste“ heisst, gehört für mich zu einer Freundschaft mehr dazu, als still bei jemandem mitzulesen.

So – Zeit sich wieder Erfreulicherem zuzuwenden: aufs morgige Mittagessen erwarte ich Miriam Schaffner aus Basel, welche ich über Facebook kennenlernte. Keine Ahnung mehr wie dieser Kontakt zustande kam. Sie war unter den erwähnten Geburtstagsgästen an meinem 50 igsten, ich habe sie auch schon ein paarmal in Basel besucht, als sie als Mitinitiantin von „Basel farbartig verstriggt“ Fähren einstrickte und ich diese bewundern ging. Morgen nun besucht sie mich das erste Mal seit unserem Umzug, aber das dritte Mal, seit unserem Kennenlernen und ich freue mich riesig auf sie.

Nachtrag, 6. Juli 2016: es war ein schönes, entspanntes, anregendes Zusammensein mit Miriam. Sie hat mir auf den 50 igsten eine Meerjungfrau geschenkt, welche eine der eingestrickten Fähren in Basel schmückte und heute gesellten sich ein paar alte Freunde der Meerjungfrau dazu. Von diesem Strickprogramm hatte Miriam per Facebook erfahren. Diese Fabelwesen mit ihren Freundschaften sind also wie ein Symbolbild dieses Blogparadethemas: ohne das Web gäbe es sie und ihre „Freundschaften“ nicht. 😉

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Sammelleidenschaft

Mein Vater war ein leidenschaftlicher Sammler. Hauptsächlich sammelte er Münzen und Briefmarken. Dies tat er eigenwillig individualistisch. Er hielt sich an keine in Sammelkreisen gültige Regel, welche besagt, dass man sich auf ein Thema konzentrieren soll und vor allem, dass sich in Briefmarkenalben ausschliesslich Briefmarken und in Münzalben gefälligst ausschliesslich Münzen versammeln dürften. 😉

Er sammelte sowohl bei Münzen wie Marken kreuz und quer jedes Thema. Aber wenn er mal ein Thema interessant fand, dann vertiefte er sich konzentriert darauf. Dann lag eine interessante Briefmarke neben einer Münze, unterlegt von einem Zeitungsausschnitt, einem Abziehbild, Abzeichen, Kaffeerahmdeckeli und einer Postkarte, welche wir als Familie ihm geschickt haben. Oder eine Kinderzeichnung von einem seiner Enkelkinder konnte durchaus neben einem Ersttagskuvert mit Ernibriefmarken und neben einer persönlichen Erni-Widmung liegen.

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Meine Mutter sichtet zur Zeit zusammen mit 5 Mitgliedern des Philatelistenvereins Solothurn die über 100 Bundesordner (!) meines im Herbst 2015 leider verstorbenen Vaters. Etwa 3 Abende à ca. 5 Stunden haben die Männer bisher konzentriert damit verbracht, das Lebenswerk meines Vaters zu zerlegen – noch ist diese Arbeit nicht abgeschlossen. (Nachtrag, 28.6.16 Meine Mutter schätzt, dass rund 40 Arbeitsstunden dafür investiert worden sind.)

Diese Herren seien schweigend an ihrer Arbeit gesessen, die Sammlung meines Vaters zu sichten und nach ihren Ordnungsprinzipien auseinander zu nehmen, erzählte meine Mutter. Nur ab und zu hätten Ausrufe des Erstaunens die konzentrierte Stille unterbrochen: „Jetzt schau dir mal diese Marke an!“ Oder: „Was für ein Mensch! – Das gibt es ja nicht! – Die Art, wie er sammelte, zeigt seine interessante, vielfältige Persönlichkeit. Auf diese Art sammelt sonst kein Mensch. – Sowas habe ich noch nie gesehen! – Unglaublich!“

Die Bibliothek meines Vaters enthielt ausser seiner Ordner und Fotoalben auch sehr viele verschiedene Bücher. Ich glaube, es gibt kein einziges Buch darin, das keine Briefmarke zum Thema und keinen Zeitungsartikel enthält.

Letzten Samstag habe ich selber 2 Stunden damit verbracht, verschiedene Beigen (Schweizerdeutsch für Stapel) zu erstellen

solche für Sammler:

  • Ersttagskuverts, schön gestempelt
  • Schöne alte Postkarten
  • Ungestempelte Briefmarken, welche man noch verwenden kann – zusammengestellt in Kuverts à je Fr. 100.– Nominalwert. Der Verein kauft sie uns für je Fr. 70.– ab. Es kamen einige solcher Kuverts zusammen
  • Gestempelte, schöne und teilweise wertvolle Briefmarken
  • Sammlerbriefmarken, nicht für den Gebrauch gedacht
  • Schöne, alte Postkarten
  • 200 Jahre alte Briefe oder noch ältere…

solche für die Brockenstube:

  • Abzeichen, Medaillen, Pins
  • noch gut erhaltene Ordner

und mehrere Abfallbeigen:

  • Sichtmäppchen en masse
  • weniger schöne Ordner
  • Zeitungsartikel, welche kaum mehr jemand interessieren wird im Zeitalter von Googel
  • Kalenderbilder

Die eigene Ordnung meines Vaters wird in eine andere, massentaugliche Ordnung gebracht. Mir hat es fast das Herz zerrissen, sein Lebenswerk auseinandernehmen zu müssen. Meine Mutter hat erzählt, mein Vater hätte jede freie Minute seines Lebens mit Ordnen, Sichten, Lesen, Sammeln und Neuordnen verbracht und manchmal kaum Zeit gehabt, in Ruhe die Zeitung zu lesen. Wenn wir miteinander plauderten, kam es sehr oft vor, dass er sagte, er hätte da was zum Thema. Er stand dann auf und griff zielsicher nach einem seiner über 100 Ordner, blätterte darin und zeigte uns einen Zeitungsausschnitt oder eine interessante, wertvolle Marke dazu und gab uns mit seinen Erzählungen einen Einblick in sein immens grosses, breites und tiefes Allgemeinwissen.

Er sammelte nicht in erster Linie, um ein Kapital anzuhäufen. Er betonte immer wieder den Sammlerwert seiner Marken und dass man zuerst einen Käufer finden müsste, wollte man eine seiner wertvollen Stücke veräussern. Er hätte wohl seine gesamte Sammlung gern weiterverschenkt, hätte er von einem Menschen gespürt, dass er diese lieben und schätzen würde, um der Sammlung und nicht des Geldes willen. Traurig für ihn war zu erleben, dass keines seiner Kinder oder Enkelkinder seine Leidenschaft weiterführen mochte.

Er wollte sich nie bloss auf ein einziges Sammelthema festlegen. Mir kommt manchmal mein Blog genauso vor. Ich habe das von ihm geerbt. Ich will nicht ausschliesslich einen Blog übers Wandern/Ausflüge, einen anderen zur Fotografie, einen dritten zum Line Dance, einen vierten zum Thema Christlicher Glaube, einen fünften zum Thema Familie, einen sechsten über meine Journalistischen Tätigkeiten verfassen und einen siebten darüber, wie ich meine Hochsensibilität im Alltag erlebe – sondern einen Einzigen: über mein Leben, das hoffentlich auch so vielfältig und bunt ist, wie es das Leben meines Vaters  war.

Meine mittlere Tochter war es, welche sagte: „Es ist so schade, dass das Lebenswerk meines Grossvaters derart zerpflückt wird. Man sollte wenigstens einen einzigen Ordner so aufbewahren, wie er gesammelt hat.“ Sie hat nun einen kleinen Ordner zur Würdigung des Lebenswerkes ihres Grossvaters geschenkt erhalten.

Mein Vater verschickte selber auch gerne Briefe und Postkarten. Immer waren sie mit seinen kreativen Basteleien versehen.

Er sammelte auch Poststempel. Oft hat er die Angestellten an Postschaltern in Verlegenheit gebracht, weil er Stempel auf alle möglichen Artikel wünschte – was im Grunde genommen gegen die Postgesetze verstiess. Die Männer des Philatelievereins staunten auch hie und da, auf was mein Vater überall einen Poststempel gedrückt erhielt. Er konnte sich jeweils lausbubenartig freuen, wenn ihm eine Schaltermitarbeiterin versicherte: „Nor, wöu Sie es send.“ („Nur weil Sie es sind.“) Er kannte mit der Zeit Poststellen, welche ihm gewünschte Stempel anbrachten. Dabei stimmte die Uhrzeit, der Ort, das Sujet mit dem überein, was er in seiner Sammlung ergänzen wollte.

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Wie ich meinen Vater kenne, hat der Löwe im Stempel die symbolische Bedeutung, dass Jesus der Löwe aus dem Stamm Juda ist. 😉

Niemand von unserer Familie kann über 100 Bundesordner in seiner Wohnung aufbewahren. Wir werden versuchen, soviel wie möglich zu verkaufen.

Die Reihen in den Gestellen bei meiner Mutter zuhause lichten sich. Zurück bleiben grosse Lücken. Mein Vater, dem ich immer nahestand und dem ich sehr ähnle, fehlt mir, er wird aber immer einen grossen Platz in meinem Herzen einnehmen.

 

 

Zeitreise

Aufräumen, ausmisten, entrümpeln, loslassen und dabei wie bei einer Zeitreise in längst Vergangenes einzutauchen, ist mein „Lebensthema“ seit mindestens einem Jahr.

Zuerst entrümpelten wir unser Zuhause samt Estrich (Dachboden) aufgrund des bevorstehenden Umzugs und aktuell helfen wir meiner Mutter beim Sichten von Dokumenten, Büchern, Sammlungen meines im Oktober 15 verstorbenen Vaters.

Es kann lustig sein oder berührend, auf alte Fotos zu stossen. Und es ist interessant und aufregend zu merken, dass mein Grossvater gerne Gedichte schrieb und auf diese Weise ungeschminkt und mutig seine Sicht der Dinge über die Hochkonjunktur und die Macht des Geldes selbst vor seinem Chef nicht verbarg.

Dichtkunst Felix Fankhauser 1Dichtkunst Felix Fankhauser

Und ich lese, wie mein Vater die Zeit seines Abschieds von seinem Vater in Worten festhielt und auf diese Weise verarbeitete. Die Liebe zum Schreiben, zum Wort, aber auch zur Wahrheit und meinen Gerechtigkeitssinn habe ich geerbt und das zu entdecken, berührt mich auf eine wohltuende Weise. Ich habe Gedichte meines Grossvaters und dieses Schreiben meines Vaters nie zuvor zu Gesicht bekommen. Weil es sehr persönlich ist, publiziere ich letzteres hier nicht.

Wie wertvoll ist es doch, dass wir nicht in Eile aufräumen müssen, sondern in aller Ruhe alles durchsehen und dabei in der Familienrunde über Vergangenes und Familienerlebnisse austauschen können.

Meine Gefühle fahren aber dabei Achterbahn. Erst noch gefreut und gelacht über Grossvaters Gedichte, bin ich im nächsten Moment wieder fassungslos wie damals, als ich auf Hilferufbriefe eines Familienmitglieds stosse. Wir erlebten, dass jemand der Familie durch die Hölle ging, mehrmals fast ermordet wurde und jeweils nur knapp entkam. Mein Herz pocht auch jetzt wieder heftig, wenn ich darüber schreibe. :-O Und wie sehr schmerzt es mich, als ich auf einen Ordner stosse, in dem mein Vater Unrecht, das ihm seitens von Familienmitgliedern (nicht von meiner Mutter oder uns Kindern) fortwährend geschah, dokumentierte. Ebenfalls wurde er beim Umbau seines Elternhauses von Handwerkern regelmässig übers Ohr gehauen. Zwar hat er sich gewehrt, als ihm aber nur noch der Rechtsweg übrig geblieben wäre, hat er immer bezahlt, was er überhaupt nicht hätte bezahlen müssen… Er war einfach zu gutmütig, hat des lieben Friedens willen geschwiegen, geschluckt, akzeptiert, dass er den „Kürzeren“ zog. Wahrscheinlich hatte er als überzeugter Christ auch die Auffassung, dass es sich so gehöre, nicht für sein Recht zu streiten. Aber ich weiss jetzt, warum ich als Kind oft eine miese, undefinierbare Stimmung wahrgenommen hatte. So manches, was ich als Kind und Jugendliche nicht einordnen konnte, wird mir jetzt wie „entschlüsselt“, was es aber nicht einfacher macht für mich. Jetzt bin ich nämlich gefragt, ob ich diese Dokumente, welche Unrecht belegen, aufbewahren oder vergeben und loslassen will.

Andere Trouvaillen sind Zeitdokumente, welche nicht nur mich faszinieren, sondern ebenfalls meine gute Bekannte, welche in der Budgetberatung tätig ist. Denn mein Vater stellte die Haushaltsausgaben der Jahre 1953 und 1964 sorgfältig grafisch dar. Ich halte die alten Aufzeichnungen in den Händen und höre dazu die Geschichten meiner Mutter, wie sie derart sparen mussten, dass sie sich als Familie kaum mal ein Yoghurt leisten konnten – und wenn, dann wurde dieses eine Yoghurt geteilt. Nicht zum ersten Mal höre ich, wie mein Bruder als Säugling derart krank war, dass er ins Spital eingeliefert werden und meine Mutter täglich abgepumpte Muttermilch einschicken musste. Das Porto dafür war ihnen aber mit der Zeit zu teuer und so holten sie meinen Bruder auf ihre Verantwortung wieder nach Hause zurück, was Gott-sei-Dank gut ging. Es hiess, Bananen würden ihm gut tun, aber Bananen waren damals ein Luxusgut! Wie die Zeiten sich änderten, kaum zum glauben – innert weniger Jahrzehnte… Ein Drittel des Lohns musste damals für Nahrung eingerechnet werden…..

Haushaltungsgeld 1964Haushaltungsausgaben 1954 monatlichHaushaltungsgeld 1953

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Ein unerklärlicher „Gluscht“ (Appetit) holt mich aus meinen Überlegungen ins Jahr 2016 zurück. Schnell nehme ich mir ein Bananenyoghurt aus dem Kühlschrank. 😉

Vor einem Jahr…

Wie sich ein Leben in einem Jahr verändern kann!

Vor einem Jahr lebte mein Vater noch.

Wir waren zuversichtlich, dass er sich von seinem Schlaganfall, den er drei Monate zuvor erlitten hatte, noch besser erholen würde. Er trainierte hart, geduldig und mit dem Ziel vor Augen, wieder nach Hause zurückkehren zu können. Er stagnierte in seinen Fortschritten nicht, sondern machte wöchentlich Fortschritte. Noch konnte er zwar nur ein paar wenige Schritte an der Haltestange der Wand entlang humpeln und einzelne Worte wie „Adieu“, „Danke“, Hallo“ sagen, aber es konnte vorkommen, dass er uns plötzlich alle wieder mit einem neuen Wort überraschte. Wir kauften ihm ein iPad mit einem Sprachprogramm und ganz zögerlich setzte er es manchmal ein. Schade, dass sich das Pflegepersonal damals nicht mehr Mühe gab, ihn mit dieser Technik zu unterstützen. Aber sonst war die Pflege aufmerksam, das Zimmer überdurchschnittlich gross und hell  – und trotzdem  fühlte er sich dort nie zuhause. Ich besuchte ihn wöchentlich und mein Herz fühlte sich bei jedem Abschied an, als wolle es zerreissen. Er schluchzte jeweils, hielt mich fest und sass wie ein Häufchen Elend da. Er wollte einfach nur zurück in sein Heim gehen – zu seiner geliebten Frau – und tat alles in seiner Macht stehende dazu – aber es reichte nicht. Meine Mutter mit Jahrgang 1930, war gesundheitlich ausserstande, ihn zu pflegen. Eine Spitex kann auch nicht 24 Stunden und 7 Tage präsent sein – und diese Stunden, in denen sie allein mit meinem Vater gewesen wäre, bereiteten ihr zu grosse Sorgen und Ängste. Mein Bruder, meine Schwester und ich verstanden sie. Doch die Situation war für alle Beteiligten emotional sehr anstrengend.

Im Oktober 15 erlitt mein Vater einen zweiten Schlaganfall, war total gelähmt, konnte nicht mal mehr schlucken. Glücklicherweise hatte er uns eine Entscheidung per Patientenverfügung abgenommen, in der stand, dass er in so einem Fall keine lebensverlängernden Massnahmen mehr wünsche. Die Nachricht, dass mein Vater im Sterben lag, erreichte uns in Mailand, in einem Museum. Sofort fuhren wir ins Pflegeheim, um uns von ihm zu verabschieden. Es schmerzt mich heute noch, wenn ich daran denke. 😦 Mein Mann, meine Kinder samt Freunden, meine Mutter – wir standen um sein Bett, waren leise, streichelten ihn im Gesicht, sagten ihm, wiesehr wir ihn liebten und sprachen ihm zu, dass er „gehen“ dürfe. Dann bat ich meine ganze Familie, mich doch noch allein mit meinem Vater zu lassen. Und was dann folgte, erstaunt mich bis heute. Ich erzählte meinem Vater, wiesehr ich ihn liebe, erinnerte ihn an gemeinsam Erlebtes, sprach ihm Vergebung zu für Versäumtes, betete mit ihm, las ihm aus der Bibel Psalm 23 vor, küsste , streichelte ihn, verabschiedete mich ganz bewusst von ihm – und staunte bei allem über meine Kraft und Stärke. Mein Vater schaute mit seinen Augen liebevoll und aufmerksam, voll wach auf mich. Da war ein unausgesprochenes Verstehen zwischen uns. Nie mehr war er so präsent, wie nach meiner Zeit bei ihm…. Ich schluchzte und weinte nicht – und beobachtete dabei mich selber wie von aussen – war aber gleichzeitig total bei mir selber. Noch heute kommt es mir unglaublich vor, wie gefasst ich diese Verabschiedung meines geliebten Vaters so gestaltete. Als ich mich wieder zu meiner Familie gesellte, waren alle Augen auf mich gerichtet. Würde ich heulend aus dem Zimmer treten? Ich aber konnte zu ihnen sagen: „Es ist gut.“ Es war alles gesagt, es gibt nichts, was ich noch hätte klären müssen mit meinem Vater. Ich konnte mich im Frieden von ihm verabschieden. Die Trauer und die Tränen über den Verlust kamen erst später. In diesem Moment mochte ich ihm in allererster Linie gönnen, dass seine Schmerzen, sein Leiden ein Ende fanden. Sein Heimweh konnte Erfüllung finden, indem er in ein grösseres, schöneres Zuhause heimkehren konnte, wo er bereits liebevoll erwartet wurde, wie ich im zusagte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich in so einem Moment derart die Gesprächsführung übernehmen könnte und nicht weinend und schluchzend zusammenbrechen würde. Ich bin überzeugt davon, dass dies damals die Gegenwart und Hilfe Gottes war, welche mich und das ganze Zimmer erfüllte. Von mir aus hätte ich diese Kraft nie gehabt.

In den kommenden Tagen betete ich ein Gebet, das ich früher auch nie für möglich gehalten hätte: „Bitte Gott, lass meinen Vater bald sterben. Nimm ihn zu dir. Setz dem Leiden ein Ende.“  4 Tage kämpfte mein Vater – er war Zeit seines Lebens ein grosser Kämpfertyp. Es kam uns aber auch so vor, dass er meiner mittleren Tochter ihr Geburtstagsfest noch gönnen möchte und wartete mit seinem Abschied. Denn als sie ihm am Sterbebett erzählte, sie hätte bald Geburtstag, machte er grosse Augen. Er war Zeit seines Lebens immer da für andere und rücksichtsvoll. Ich bin überzeugt davon, dass er meiner Tochter nicht den Geburtstag damit verderben wollte, dass er in Zukunft mit seinem Todestag verknüpft gewesen wäre. Zwei Tage nach dem Geburtstag meiner Tochter, am 7. Oktober 2015 starb mein Vater, 88jährig.

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Ich vermisse ihn sehr. Ich denke so oft an ihn und wünschte, er könnte dieses oder jenes miterleben.

Ich leide mit der Einsamkeit meiner Mutter mit. Niemand kann ihr den geliebten Mann ersetzen, mit dem sie 63 Jahre treu durch Hohes und Tiefes ging. 63 Jahre – man stelle sich das vor!

Ich bin traurig. Und ich kann erst jetzt – ein halbes Jahr nach seinem Tod darüber schreiben. Es kostet mich viel in diesem Moment.

Vor einem Jahr war mein Handgelenk noch gesund

Im August 2015 erlitt ich einen Velounfall. Zwei Tage nach der Beerdigung meines Vaters wurde mein Handgelenk operiert. Es folgten viele, viele Arztbesuche, Therapien, die Spitex unterstützte mich im Haushalt. Es war eine turbulente Zeit, welche mich ganzheitlich herausforderte.

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Heute kann ich wieder den Wäschekorb tragen, kochen, mich pflegen, Wäsche zusammenfalten, Hände zur Begrüssung schütteln, mit Messer und Gabel essen, das 10 Fingersystem am Compi einsetzen, fotografieren (vorher war die Kamera zu schwer, ich konnte sie nicht halten), den Tisch abputzen (ich war nicht imstande, die Hand auf eine ebene Fläche zu halten und gleichzeitig Druck auszuüben), aber in Ordnung ist dieser Arm noch nicht. 😦 Bei gewissen Bewegungen bin ich eingeschränkt, spüre eine Art „Sperre“, bei einer Drehung des Unterarms knackt es dauernd störend und Schmerzen treten hie und da auch noch auf. Seit dem August 15 habe ich mich nicht wieder auf ein Velo gewagt. Diese innerliche Blockade möchte ich in nächster Zeit bestimmt mal überwinden. Sollte das Knacken im Unterarm bis im Juni nicht aufhören, müsste es erneut im Spital abgeklärt werden.

Vor einem Jahr waren wir grad umgezogen

Nach 14 Jahren glücklichem Wohnen in einem 100 jährigen Haus, mussten wir jenes Zuhause Ende März 2015 verlassen, weil der Vermieter einen Neubau plante.

Wir fanden eine neue Wohnung im selben Ort, so dass wir unsere Beziehungen nicht aufgeben und unser Sohn die Schule nicht für sein letztes Schuljahr wechseln musste. Die Wohnung ist mit ihren weissen Wänden heller als die vorherige, welche rundum mit Holz ausgekleidet war. Doch mir hat dieses Holz in der alten Wohnung sehr gut gefallen. Ich fand es heimelig und es war diese Art Wohnung, nach der ich mich in der Kindheit immer sehnte. Deshalb konnte ich auch nicht einstimmen in die überschwänglichen Rufe aller Besucher des neuen Zuhauses. Ausnahmslos jeder Gast meinte: „Hier habt ihr es doch viel schöner als am alten Ort. Die Wohnung dort war so dunkel. Diese ist hell und geräumig. Ihr habt einen guten Tausch gemacht!“ Wir wollten aber gar nie tauschen. Wir haben uns in der alten Wohnung rundum wohl gefühlt. Uns selber kam sie nie zu dunkel vor, die grosse Terrasse mit uneingeschränkter Seesicht, die ruhige Lage, die lieb gewonnenen Nachbarn – es brauchte Zeit, sich von all dem innerlich zu lösen.

Ja, die neue Wohnung gefiel mir ebenfalls auf Anhieb. Sie IST heller, sie bietet weiterhin einen Ausblick auf See und Berge, ist ruhig, aber gleichzeitig zentraler gelegen als die vorherige. Doch es dauerte mindestens ein halbes Jahr, bis ich sagen konnte: ich fühle mich nicht nur wie in den Ferien hier – es ist ein Heimkommen, wenn ich zur Haustüre hineintrete. Glücklicherweise begann der ehemalige Vermieter nicht sofort mit dem Abbriss des alten Hauses, so dass ich Zeit fand, mich langsam zu verabschieden. Jedesmal, wenn ich mit dem Postauto am alten Ausstiegsort vorbeifuhr, wendete sich mein Kopf automatisch, um einen Blick auf das alte Zuhause zu erhaschen und das Herz füllte sich mit Wehmut. Heute klafft am Standort unterhalb der Ridlikapelle ein grosses Loch – die Bauarbeiten zum grossen, modernsten Minergiehauses haben begonnen. Der Anblick schmerzt mich nicht mehr – es ist aber immer noch ein seltsames Gefühl.

Heute geniesse ich es, auf dem Küchenbalkon zu sitzen und meine Nachbarn so nahe zu haben, dass ich mit ihnen vom Balkon aus plaudern kann. Wir haben eine gute, herzliche, aber nicht zu nahe Beziehung untereinander. Balkone rund um die Wohnung geben uns die Möglichkeit, entweder an der Sonne oder dem Schatten zu sitzen, entweder Berg- oder Seesicht zu geniessen. Wie im alten Zuhause, so haben wir auch hier wieder einen Gartensitzplatz und drei Gartenbeete. Und seit diesem Winter sind wir frohe Chéminéebesitzer.

Unserer Katze Minouch geht es am neuen Ort besser. Vorher getraute sie sich bloss, die Katzentreppe runter zu laufen, aber nicht hoch. Heute läuft sie problemlos rauf- und runter, geht zur Katzentüre rein- und raus, wie es ihr beliebt. Die Strasse am neuen Ort ist im Gegensatz zu früheren, fast autofrei. Sie hat sich prima befreundet mit den anderen vielen Katzen der Nachbarschaft.

Vor einem Jahr wohnte unsere älteste Tochter noch bei uns

Mit dem Umzug in die neue Wohnung, verabschiedete sich unsere älteste Tochter von uns. Sie zog mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung. Zum Glück im Nachbardorf und lustigerweise ins Nachbarhaus unseres ehemaligen Zuhauses, in dem sie ihre ersten paar Lebensjahre verbrachte, bevor wir aufgrund der Geburt unseres Nachzüglers in das 100jährige Holzhaus umzogen, in dem wir eben 14 Jahre lang wohnten. Sie ist von der Wohnsituation zurückgekehrt zu den Wurzeln ihrer früheren Kindheit. 😉

Wir pflegen weiterhin guten Kontakt, aber es ist nicht mehr dasselbe, wie wenn sie zuhause wohnen würde. Sie lebt nun ein eigenständiges Leben, als junge, erwachsene Frau und ich bin als Mutter herausgefordert, sie wieder ein Stück mehr loszulassen.

Vieles hat sich zwischen dem April 15 bis April 16 verändert, das Thema „Abschied“ zog sich durch alles hindurch: Abschied von meinem geliebten Vater, der uneingeschränkten Gesundheit des Handgelenks, des Zuhauses, der Tochter, welche auszog – doch es ist gut so, wie es ist. Meine Familie und ich sind glücklich – samt Katze. Es gibt Neuanfänge – neue Kontakte in der Nachbarschaft zum Beispiel. Nur traurig und schade, dass mein Vater uns nicht besuchen kommen kann in der neuen Wohnung. Doch ich bin sicher, er schaut sie sich vom „Himmel“ aus an, geniesst aber dort sein eigenes, noch besseres und schöneres Zuhause und freut sich auf ein Wiedersehen mit seinen Lieben.

 

 

 

Herzschmerz

Mein Herz schmerzt.

Im Januar 2014 wurde meinem Vater (bald 88 Jahre alt) ein bösartiger Ohrspeicheldrüsenkrebs entfernt. DIe OP und Bestrahlungen haben ihn sehr mitgenommen und erst Ende 2014 hatte er sich einigermassen von allem erholt. Das Jahr 2014 war also geprägt von seiner schweren Krankheit. Langsam sah man über den Berg, meine Eltern konnten das Leben kurz wieder geniessen, sogar kurze Ausflüge lagen drin – bis am 24. Januar 2015 sein und unser Leben wieder auf einen Schlag verändert wurde. Ein Schlaganfall. Leider verursacht durch das Spital. Er wollte auf eigenen Wunsch auf die Notfallstation eingeliefert werden, weil er einen grossen Druck auf seinem Herzen verspürte. Im Spital untersuchten sie sofort auf Herzinfarkt (es war keiner) und da löste sich entweder ein Luftbläschen oder ein kleines Kalkplättchen, wanderte Richtung Hirn und verursachte dort einen Hirnschlag.

Seitdem ist mein Vater halbseitig gelähmt und kann nur ein paar wenige Worte aussprechen. Er macht in der Reha täglich Fortschritte, aber eben bloss kleine. Gestern wurden wir vor die Tatsache gestellt, dass er am 2. April die Reha verlassen muss. Es muss damit gerechnet werden, dass er sich nicht mehr ohne Rollstuhl wird fortbewegen können. Meine Mutter wird in 14 Tagen 85 Jahre alt und fühlt sich altersbedingt nicht in der Lage, ihren Mann zuhause zu pflegen. So müssen wir uns mit der Tatsache abfinden, dass wir meinen Vater bald in einem Pflegeheim werden unterbringen müssen.

Schlimm war gestern diese Szene: mein Vater zeigte uns freudestrahlend, was er in der Physio gelernt und welche Fortschritte er gemacht hatte. Als meine Mutter ihn mit der Tatsache konfrontierte, sie könne ihm zuhause nicht diese Unterstützung geben, welche er momentan vom Pflegeteam erhält, brach für ihn eine Welt zusammen. Damit hatte er nicht gerechnet, das war ein grosser Schock für ihn. Er brach weinend zusammen und auch mein Herz brach.

Es ist eine sehr traurige, belastende Situation für alle Familienmitglieder.

Etwas noch Schlimmeres wird auf meinen Vater zukommen: meine Eltern werden mit grosser Wahrscheinlichkeit ihr schuldenfreies Haus verkaufen müssen. Es ist der ganze Stolz, das Lebenswerk meines Vaters und sein Elternhaus. Sie haben es leider verpasst, uns Kindern das Ganze vor Jahren zu überschreiben und nun wird es mit der Zeit an die Pflegekosten gehen müssen, denn zuerst wird ein Vermögen aufgebraucht, bevor die öffentliche Hand die Pflege bezahlen wird. Das wird ihm und auch mir nochmals das Herz brechen.

Mein Vater ist 88 Jahre alt. Ein stolzes Alter. Nicht immer ein einfaches, aber ein erfülltes Leben. Dass er seinen Lebensabend im Pflegeheim verbringen muss, fast stumm und halbseitig gelähmt, ist traurig. Ich hoffe, dass er den Verkauf seines Hauses nicht mehr erleben muss.