Chuchichäschtli

Was würde es erzählen, wenn es könnte, unser mindestens 150 Jahre altes Chuchichäschtli? Von Fröhlichkeit, Gelächter, Familienfesten, gemeinsamen Singens, aber auch Kummer und Tränen, die es erlebte, wenn meine Vorfahren um den Küchentisch versammelt waren und Leben teilten?

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Meine Urgrossmutter (Ur-Ur-Grossmutter unserer Kinder), wohnte in der alten Mühle in Subingen und das Chuchichäschtli wurde wahrscheinlich für diesen Wohnsitz gebaut. Es muss vor 1890 geschreinert worden sein, denn in diesem Jahr baute mein Grossvater das Nachbarhaus des Elternhauses meines Vaters. Meine Mutter erinnert sich, dass dieses Küchenmöbel in diesem Nachbarhaus stand und dass mein Grossvater erzählte, seine Mutter habe es von der alten Mühle gezügelt. Später bewohnten meine Grosseltern und mein Vater das Haus nebenan.

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Das Chuchichäschtli fristete ein paar Jahrzehnte wohl ein eher tristes Leben im Tenn, das als Estrich (Dachboden) diente.

Weil meine Mutter in ein Alterszentrum umzieht und nicht alle Möbel mitnehmen kann, wurden wir mit diesem uralten Familienmöbel beschenkt. Es passt wie angegossen in eine Stubenecke und ich liebe es.

Nun beherbergt es ein paar meiner Familienschätze und es wäre fast ein kleiner Museumsecken, aber das ist es nicht, weil unser „Museum“ lebt. 😉

Im Chuchichäschtli fanden zum Beispiel Guetzlidosen meiner Grossmutter ihren Ehrenplatz.

Ihr Anblick ist mit einem Duft verbunden: demjenigen von frischgebackenen Bretzeli aus dem Bretzeleisen meiner Grossmutter… Mmmmmm…

Ich besitze ein paar Blechbehältnisse. Meine Mutter sagt, meine Urgrossmutter und Grossmutter hätten darin unter anderem Pudding gekocht.

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Diese sehr zierliche Uhr meiner Grossmutter erhält nun ebenfalls einen Ehrenplatz:

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Und auch die Tabakpfeife meines Grossvaters:

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Einträchtig nebeneinander stehen die Fotokamera meines Grossvaters, Vaters und meine erste Fotokamera. 

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Auch ein Geheimnis birgt dieses Küchenmöbel. Mein Vater entdeckte nämlich eines Tages, als es schon längst in der neugebauten Stube meiner Eltern stehen durfte, ein Geheimfach unter einer Schublade mit irgendwelchen Dokumenten. 😀

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Handgeschmiedete Nägel liegen neben dem ersten Schuletui meines Vaters und neben einer uralten „Rechnungsmaschine“, namens „mein Freund“.

Hoffentlich fühlt sich das Chuchichäschtli in unserer Stube wohl und wird auch unsere Generation überleben und weiterhin geschätzt werden.

Geschichtsträchtiges Haus sucht neuen Liebhaber

Der Titel mag sich anhören wie so ein Partnersuch-Inserat. Aber die 108-jährige „Dame“ hat einen neuen Liebhaber verdient. Jemand, der dieses alte Haus liebt, wie es alle seine Bewohner seit Generationen taten und alles gaben, um es zu unterhalten und behalten.

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Der Titel mag sich anhören wie so ein Partnersuch-Inserat. Aber die 108-jährige „Dame“ hat einen neuen Liebhaber verdient. Jemand, der dieses alte Haus liebt, wie es alle seine Bewohner seit Generationen taten und alles gaben, um es zu unterhalten und behalten. Wieviel hat es erlebt! Es wurde geboren und gestorben in diesem Haus. Gelacht, gesungen mit Handorgelbegleitung und geweint, ja auch gestritten.

Erbaut wurde es 1911 im schönen Solothurner-Stil und wurde zuerst von meiner Grosstante und meinem Grossonkel bewohnt.

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Als Grosstantes Mann Dominik 1918 starb, zog meine Grossmutter zu ihr ins Haus und verrichtete alle Hausarbeiten für sie. Sie war damals 16-jährig und lebte bis zu ihrem Einzug zur Tante, als Verdingkind bei der Bauernsfamilie Küng in Grosswil. Das war  ihr Glück, denn bei der Bauersfamilie Küng wurde sie leider wie eine Kindersklavin gehalten. Sie hat mir viel erzählt aus dieser Zeit.

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Item – meine Grossmutter lernte den lieben Felix kennen und als sie heirateten, übergab meine Grosstante das Haus dem glücklichen neuen Ehepaar.

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Die Tante blieb noch manches Jahr im Haus wohnen und half, die drei Buben von Felix und Bertha aufzuziehen. Viele Jahre zogen ins Land, das Haus erlebte den Todesfall des kleinen Kurt, der noch im Säuglingsalter starb, aber auch viele Familienfeste.

Aber es wurde auch zu einem kleinen Lädeli, das es im Läubeli beherbergte. In diesem Lädeli konnten die Subinger Strümpfe, Elektroartikel, Seife, Bier, Mineralwasser und vieles mehr erwerben. Wenn ein Hausierer vorbeizog, kauften Fankhausers ihm grad die ganze Ware ab und verkauften sie im Dorf weiter. Das heisst, nicht nur im kleinen Lädeli konnte man so manches erwerben, sondern die Kinder (mein Vater und meine Onkel) wurden auf Botengang im ganzen Dorf herum geschickt. Fast täglich mussten die Zeitschriftenhefte an die Abonnenten vertragen werden. Am Montag war das „Leben und Glauben“ dran, am Dienstag die „Schweizer Familie“ etc. Wenn jemand gern ein Bier ins Haus geliefert bekommen hätte, wurde ebenfalls ein Junge geschickt und wenn die Grossmutter wieder mal ein paar handgestrickte Strumpfhosen oder Socken fertig hatte, so mussten diese ebenfalls einer ihrer Buben ausliefern. Meine Grossmutter hütete nebenbei noch einen anderen Laden im Dorf, ging bei den Dorfleuten putzen und übernahm die Kleiderwäsche für so manche Haushaltung. Dazu beherbergte sie zeitlebens stets sogenannte „Zimmerherren“. Meist waren dies Mitarbeiter der SBB, denn der Bahnhof Subingen lag sehr nah an ihrem Haus. Diese jungen Männer bewohnten ein Zimmer im Haus und erhielten Vollpension. Zudem erledigte meine Grossmutter die Kleiderwäsche für sie.  Mein Grossvater war als Heizer in der Kammgarnfabrik angestellt. In der „Freizeit“, welche es so nicht gab, war er als „Stromer“ und Sanitärinstallateur auf Stör, ohne dies gelernt zu haben. Immer wenn jemand einen Handwerker im oder ums Haus herum benötigte, wurde „de Fankhuser“ gerufen. Und stets, wenn ein Kind ein Knie aufschlug und sich damit nicht nach Hause getraute, weil es dort nur Schelte erwartete, ging es lieber zum Berthi und liess sich verarzten. Denn meine Grossmutter hatte den Sanitätsposten des roten Kreuzes inne. Mein Vater erzählte mir, dass alle Dorfbewohner bei ihnen baden kamen, denn sie hatten lange Zeit als einzige eine Badewanne im Waschhaus. So mussten er und seine Brüder die Wanne für die Besucher herrichten, was Kübel für Kübel heisses Wasser schleppen bedeutete. Und nach dem Besuch galt es, die Wanne zu schrubben, damit sie bereit für den nächsten Besucher war. Auch das Telefon war eines der ersten im Dorf und so läutete einfach jeder den Fankhausers an, welche Nachrichten im Dorf weiter trugen oder auch mal jemanden ans Telefon heranrufen gingen.

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Diese vielen Einkünfte waren nicht einfach da, weil meine Grosseltern Freude daran gehabt hätten, viel zu verdienen. Nein, es war so, dass mein Grossvater und seine zwei Brüder eine Bürgschaft für einen Cousin übernahmen. Dieser ging leider Konkurs und die Bürgen mussten die Schulden übernehmen. Die Brüder meines Grossvaters beteiligten sich nicht an der Schuldentilgung. Mein Grossvater nahm alle Schuld auf sich und bezahlte bis an sein Lebensende Rappen für Rappen zurück.

Als die Tante und der Mann meiner Grossmutter starben, fühlte sie sich alleine im grossen Haus. Ihre Söhne waren ausgezogen und hatten ihre eigenen Familien. Im Haus war es zu still. Auf den Wunsch meiner Grossmutter hin, wurde im unteren Stock umgebaut und aus einem Einfamilien- wurde ein Zweifamilienhaus. Dies war ungefähr 1966 und die Familie Lönne zog ein, mit zwei kleinen Mädchen. Sie blieben fast ihr ganzes Leben lang im Haus wohnen, feierten Familienfeste mit und gehörten fast zur Familie dazu. Marianne Lönne kümmerte sich noch lange um das Wohl meiner Grossmutter.

Meine Grossmutter überschrieb das Haus ihren drei Söhnen. Als der eine von ihnen Konkurs machte und selber aus dem Leben schied, forderte das Konkursamt, dass die zwei verbliebenen Brüder seinen Teil des Hausanteils zurückkaufen würden. Sonst wäre ein familienexterner Dritter Hausteilbesitzer geworden. Dies, obwohl bisher noch kein Geld geflossen war, denn das Haus wurde ja von der Tante an die Grossmutter und von da an die Söhne einfach weitergegeben.

1988 musste der verbliebene Bruder meines Vaters, eine neue Druckmaschine kaufen. Er konnte seinen Hausanteil nicht mehr halten und bat meinen Vater, ihm seinen Teil abzukaufen. Meine Eltern standen damals vor Vertragsabschluss, um ein Haus in Emmen zu kaufen. Sie gaben diesen geplanten Kauf auf, zugunsten des Elternhauses meines Vaters. Mein Vater kaufte also den gesamten Teil seines Bruders auf, mitsamt Wäschehaus. Doch dieses Wäschehaus schenkte er seinem Bruder zurück. Einfach, weil er so gutgläubig war und dieser Bruder sich mitsamt seiner Familie eh schon in besagtem Wäschehaus eingerichtet hatte. Das heisst, er hat es ohne Absprache mit meinem Vater umgebaut in ein Wochenendhaus. Mein Vater fand, dann solle er es halt haben. Viele Jahrzehnte später verkaufte es meine Tante nach dem Tod meines Onkels für 300’000.– ….

Das Haus erlebte manchen Um- und Anbau. Für Lönnes entstand aus dem ungeheizten Wintergarten eine grosse Stube und ein neues Schlafzimmer. Dafür konnte im ersten Stock eine Terrasse gebaut werden. Im Keller bauten meine damals noch zwei Onkel und Herr Lönne sogar einen kleinen Kinosaal! Mein Vater war gegen dieses Projekt, aber er wurde überstimmt. Ich erinnere mich an ganz viel Streit und dass mein Vater oft gesundheitliche Probleme hatte, wegen all dem Umbauärger, das dieses Haus mit sich brachte. Das heisst, vor allem deshalb, weil er immer zu kurz kam, über- und leider oft hintergangen wurde. Mein Vater baute eine Doppelgarage und so entstand im oberen Stock eine wunderbar schön grosse Stube. Das kleine Stübli im oberen Stock erhielt eine Aufwertung durch den Einbau einer Dachlukarne.

Unser Zuhause war in Emmenbrücke in einer Hochhauswohnung. Jahrelang reisten meine Eltern per Zug Wochenende für Wochenende nach Subingen, um dort umzubauen, zu räumen, der Grossmutter mit Haus und Garten zu helfen. Meist begleitete ich sie. Stets mit einem Buch unter dem Arm. Doch lesen durfte man nur im Versteckten. Es galt zu arbeiten, zu „schaffen“. Lesen war etwas für Faule oder wenn man für die Schule lernen sollte. In meiner Erinnerung rieche ich das Feuer, das stets brannte, wenn wir in Subingen waren. Denn alles, was man nicht mehr brauchen konnte – bestimmt so manch schönes Möbel, wurde verbrannt.

Als meine Grossmutter ins Altersheim zog, war das Haus in Subingen drei Jahre lang Zweitwohnung und Ferienhaus für unsere Familie. Am 15. November 1991 zogen meine Eltern von Emmenbrücke ins Elternhaus meines Vaters um. Mein Vater liess sich frühpensionieren. Für ihn war es ein Heimkommen. Meine Mutter tat sich schwer mit diesem Schritt, fühlte sie sich doch nach 40 Jahren in Emmenbrücke mittlerweile dort mehr zuhause als in ihrem ehemaligen Heimatort. Denn auch sie wuchs ja in Subingen auf, allerdings im unteren Dorfteil. Ihr eigenes Haus, in dem sie aufwuchs, wurde mittlerweile dem Erdboden gleich gemacht, ohne dass sie das so wollte. Auch sie wurde übergangen…. Dort, wo sie früher auf ihre einzige Kuh aufpasste, steht nun der Coop mit Wohnüberbauung. Wo das Geld für dieses Land blieb, ist ihr ein Rätsel. Sie hatte also nicht so gute Erinnerungen an Subingen, zumal die Eltern meines Vaters (Fabrikler) damals gegen die Heirat waren mit einem Mädchen aus dem unteren Dorfteil (Bauern). Als junges Ehepaar flüchteten meine Eltern geradezu aus Subingen und mein Vater fand eine Lebensanstellung im Flugzeugwerk Emmen. Und nun sollte sie zurückkehren? Sie tat es, lebt mittlerweile seit fast 30 Jahren wieder dort und fühlt sich wiederum in Subingen mehr zuhause, als in Emmenbrücke, wo alte Bekannte mehr und mehr „weg sterben“. Seit dem Tod meines Vaters 2015 lebt meine Mutter alleine im grossen Haus. Mit ihren nun bald 90 Jahren ist es ihr nun leider einfach alles zuviel. Zuviel an Treppen, zuviel an Arbeit – um und im Haus. Wir unterstützen sie, so gut es geht, aber sie hat nun selber gefunden, dass es Zeit für einen Auszug aus dem Haus ist. Sie tat sich sehr schwer damit. Und wir ebenfalls. Wenn ich mir vor Augen führe, wiesehr die Familie meines Vaters für das Haus gekämpft hat, wird mir ganz weh. Ich weiss, dass mein Vater dagegen wäre, das Haus aus der Hand der Familie zu geben. Wir haben alle Möglichkeiten über Jahre hinweg hin- und her diskutiert und überlegt. Keiner meiner Geschwister will und kann das Haus kaufen und die anderen ausbezahlen. Auch keinem unserer Kinder ist dies möglich. Die Pensionskasse würde uns finanziell helfen – aber nur dann, wenn wir selber im Haus wohnen würden. Leider aber befindet es sich geografisch nicht ideal, damit Andy die paar kurzen Jahre zu seiner Pensionierung von dort aus nach Hergiswil arbeiten gehen könnte. Und in seinem Alter in Solothurn eine neue Stelle zu finden, wäre sehr schwierig. So bleibt uns trotz schwerem Herzen nur der Verkauf dieses geschichtsträchtigen Hauses. Und wir hoffen, wie eingangs beschrieben, einen Käufer zu finden, der dieses Haus lieben wird.

Die Verkaufsdokumentation befindet sich hier: https://api.casaone.ch/faehrhof/orig/_slash_prince_slash_dossier_5710e4b0-16a3-11ea-9cb0-a4bf01195aaa_cf138c0e29e2724c808b0362f07ed627.pdf?dname=Dokumentation.pdf

Oder auf der Webseite des Immobilienhändlers. Im Suchfeld (Lupe) Subingen eingeben.

Bitte Anfragen nicht über mich, sondern über Herrn Bachmann laufen lassen – danke:

Fährhof AG Immobilien
Schänzlistrasse 14
4500 Solothurn

Mobile +41 78 604 67 03
Telefon +41 32 623 05 50

e.bachmann@faehrhof.ch
http://www.fährhof.ch

S’Fankhuser Berti us Subige

Verdingkind

Wie oft hat mir meine Grossmutter, als ich ein Kind war, von ihrer Zeit als Verdingkind erzählt. Weil ihre Mutter am „Kindbettfieber“ starb, wurden alle vier Kinder weg gegeben. Meine Grossmutter verbrachte ihre Kindheit und Jugendzeit beim Bauern Künsch in Graswil. Sie klagte mir oft, dass ihre Füsse derart deformiert seien, weil sie erst an der Konfirmation ihre ersten Lederschuhe erhielt, deren Anschaffungskosten sie notabene abarbeiten musste. Diese Schuhe waren beide genau gleich. Es gab also keinen linken oder rechten Schuh. Ihre Füsse waren sich an Schuhe aber eh nicht gewöhnt, denn im Frühling, Sommer und Herbst lief sie barfuss, im Winter taten es „Holzböden“, auch Zoggeli genannt, welche an besonders kalten Tagen mit Heu zur Isolation ausgestopft wurden. Sie konnte ihre Konfirmation, das erste Fest, das zu ihren Ehren gefeiert wurde, nicht geniessen vor lauter Blasen an den Füssen. Die „gute Stube“ durfte sie nie betreten, selbst an Weihnachten nicht. Die Pflegemutter behandelte sie wie eine Magd. Schlafen durfte sie im „Stöckli“, zusammen mit der Mutter des Bauern. Diese war liebevoll und wurde zum Mutterersatz. Ihre Geschwister kannte meine Grossmutter nicht, obwohl sie mit ihrem Bruder Fritz in dieselbe Klasse ging. Der Lehrer verplapperte sich und gab so das Geheimnis preis. Erst als Erwachsene lernte sie noch ihre zwei Schwestern kennen und der Kontakt zu ihren Geschwistern und zur Frau des Bruders, riss Zeit ihres Lebens nie ab.

Die wahre Erfinderin der Onlineshops und des Bed and Breakfast

Sie heiratete 1921 Felix und gebar 4 Söhne. Einer starb leider als Einjähriger. Dies verkraftete sie nie und das Foto, wie er als lebloser Säugling in seinem Bettchen lag, mit Blumen umrankt, zeigte sie mir hie und da. Sie trug ihn in einem Medaillon am ❤ en. Der Sohn, welcher ihr als nächstes nach dem Walterli geboren wurde, bekam seinen Namen. Als Walter erwachsen war und sein Geschäft drohte in den Konkurs zu geraten, entschied er sich für den Freitod, was wiederum ein unendlich grosser Schock für meine Grossmutter war. Zwei Walter-Söhne hat sie verloren!

Mein Grossvater hat sich tief verschuldet, weil er sich genötigt fühlte, eine Bürgschaft zu übernehmen. Der Mann für den er bürgte – ich glaube, es war ein Cousin, ging pleite und mein Grossvater musste die Schulden tilgen. Die ganze Familie litt fortan darunter, solange ich denken kann. Auswirkungen des Familienzwists, welcher daraus resultierte, sind bis heute in unserer Familie spürbar. Eine Liegenschaft musste veräussert werden, die Familie musste schauen, wie sie sich über Wasser halten konnte. Ich bin so stolz auf meine erfinderische Grossmutter, denn sie fand so allerlei, womit sie zusätzlich zum Geld, welches ihr Mann von der Fabrik nach Hause brachte, etwas verdienen konnte. So ging sie putzen ins  Nachbarhaus, zu ihrer Tante. In ihrem Haus befindet sich immer noch ein Läubeli-Abstellkämmerchen. Sie füllte dieses mit Sicherungen, Lampenbirnen, Nähzeug, Seifen und vielem anderem, Nützlichen. Ein kleines Tante-Berti-Lädeli. So ging jeder Subinger schnell zum Berti, wenn eine Sicherung im Haus durchgebrannt war. Sie konnte immer aushelfen. Frauen stöberten in Magazinen über Damenenunterwäsche und bestellten bei ihr Unterhosen, Unterhemden Nylonstrumpfhosen, aber auch ganze Deux-Pieces für Frauen oder gar Herrenanzüge. Die Bestellungen wurden von ihren drei Söhnen ausgetragen. Sie hat sozusagen LeShop, Amazon und Co. erfunden, lange vor dem Onlinehandel. Die drei Söhne meiner Grossmutter betrieben einen Hauslieferdienst mit Bier. Und auch Mineralwasser und diverse Heftli, wie die „Schweizer Familie“ , das „Leben und Glauben“ oder die „Schweizer Illustrierte„, konnten über meine Grossmutter bezogen werden. Bei ihr lernte ich das Ginger Ale Mineralwasser und später das Rivella lieben. Zuhause gab es doch kein „Blötterliwasser“. Mein Vater hat oft erzählt, dass er nicht wirklich Freizeit hatte. Nur für die Jungschar, deren Leiter er wurde und hie und da eine Geigenstunde, da durfte er sich frei nehmen. Ausgang war ein Fremdwort. Es galt, Botendienste im ganzen Dorf zu erledigen, oder das Badehaus zu reinigen. Denn im Waschhaus neben dem Hühnerhaus, hatte meine Grossmutter, als einzige von Subingen, eine Badewanne! Wenn ein Kunde kam, musste mein Vater Wasser einlassen und den Raum und Badewanne nachher reinigen. Meine Mutter erzählte, dieses Haus sei vor 70 Jahren ein wahrer Treffpunkt des gesamten Dorfes gewesen.

Ihr Haus befand sich in Nachbarschaft des Bahnhofs. Und so kam es, dass bei ihr immer ein sogenannter „Zimmerherr“ oder „Bähnler“ logierte. Mal für kürzere, mal für längere Aufenthalte. Das heisst, sie führte ein Bed and Breakfast, lange bevor man dieses Wort kannte. Sie hatte, bis sie etwa 80 Jahre alt und ins Pflegeheim wechseln musst, einen Zimmerherrn. Einmal war der junge Willy Fischer bei ihr einquartiert und lernte die Schwester meiner Mutter kennen, welche damals bereits mit meinem Vater „liiert“ war. Willy und Miggy heirateten, bekamen drei Kinder und leben heute noch glücklich miteinander.

Wenn ein Kind im Dorf sich ein Knie aufgeschlagen hatte, ging es meistens lieber zum Tante Berti, wie alle Kinder sie nannten, als nach Hause, wo es womöglich Schelte erhielt. Mein Grossmuetti hatte den offiziellen Samariterposten des Dorfes, als solchen mit einem Schild am Gartenzaun vor dem Haus gekennzeichnet. 45 Jahre lang war sie treues Mitglied des Samaritervereins Subingen – und die Kinder liebten sie. Aber auch wenn ein Erwachsener sich den halben Finger abschnitt oder sich gröber verletzte, suchte er als erstes meine Grossmutter auf, denn einen Arzt gab es lange Zeit keinen in Subingen. Erst wenn meine Grossmutter fand, eine Wunde müsse genäht werden, schickte sie den Patienten in ein Nachbardorf, zum Beispiel Langendorf zu einem Arzt.

Die Medizin der Musik

Sie sang oft und gern. Alleine oder im Chor. Wenn ich das schreibe, habe ich noch ihre im Alter etwas zittrige, aber schöne Stimme im Ohr  und ich höre, wie sie „I Muetters Stübeli“ oder „Stägeli uf, Stägeli ab“ singt. Der Schalk sass ihr im Nacken, wenn sie sang: „jo du bruchsch mir nit z’trotze, ja suscht trotz i dir au. Sones Bürchteli wie du eis bisch, sones Meiteli bini au.“ Deshalb war es für mich ein besonders ergreifendes Erlebnis, als wir solche Lieder im letzten Chorprojekt Ennetbürgen sangen. Sie hätte mir mit Tränen der Rührung in den Augen zugehört, da bin ich mir sicher. Und ich höre sie sagen: „Jo, s’Regeli, die Liebe zum Singen, hast du von mir geerbt….“

Scan 1.jpegSie war regelmässig bei uns in den Ferien. Dann sass sie auf meinem Bett und hörte mir aufmerksam und mit Genuss und Begeisterung beim klassischen Gitarrespiel zu. Genauso hätte sie mir beim MundArt-Konzert des Chorprojekts zugehört.

Ein Glaube, der „verthebt“ wie bei den Hugenotten

Ihr Glaube war mir ein Vorbild. Ihren Lieblingspsalm, der ihr Konfirmandenspruch war, hat sie öfters rezitiert: Psalm 23,4: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Diesen Psalm habe ich vor zwei Jahren meinem Vater auf seinem Sterbebett vorgelesen…

Sie trug stets ein goldenes Kettchen mit einem Anhänger um den Hals. Einmal sagte sie zu mir: „Wenn du die Bedeutung des Anhängers kennst, dann schenke ich dir das Ketteli.“ Da ich gerade von einem Ferienlager der Jungen Kirche Schweiz mit dem Titel „Auf den Spuren der Hugenotten“, aus der Provence nach Hause kam, wusste ich die Antwort: es war ein Hugenottenkreuz. Dieses Kreuz hat eine besondere Symbolik durch das Leid, das damit verbunden ist. Die Hugenotten wurden verfolgt und viele von ihnen mussten fliehen.   Grossmutter hielt ihr Wort. Sorgsam legte sie mir das Goldkettchen mit Anhänger in meine Hände und sagte: „Halte es in Ehren. Denke immer an dein Grossmuetti.“ Und das tue ich bis heute.

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Grossmuetti war eine Frau, welche Emotionen zeigte. Wie herzhaft und ansteckend sie lachen konnte! Niemals aber lachte sie jemanden aus. Aber sie war auch oft traurig, ich glaube, manchmal litt sie unter Depressionen. Wenn ich sie als Kind fragte: „Grossmuetti, warum bist du traurig?“, dann erzählte sie mir eben von ihrem traurigen Leben als Verdingkind.

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Warum ich jetzt über meine Grossmutter schreibe? Ich bin immer noch am Sichten von Ordnern meines Vaters. Dabei kam dieser Nachruf zum Vorschein, den er für seine Mutter verfasste:

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Auf dass meine Grossmutter und ihr Sohn Eugen, mein Vater niemals vergessen gehen!

So ein lieber Kommentar via Facebook, wo ich meine Gmerkigs-Beiträge ebenfalls veröffentliche:

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Aktualisierung am 17. September 2018: heute las ich in der Zeitung über die deutschen Kinder, welche nach dem 2. Weltkrieg für Monate in die Schweiz zur Erholung reisen durften. Meine Grossmutter nahm auch ein Mädchen namens Lore auf. Zu ihr und ihrer Familie hielt sie bis zu ihrem Tod freundschaftlichen Kontakt.

Zeitreise

Aufräumen, ausmisten, entrümpeln, loslassen und dabei wie bei einer Zeitreise in längst Vergangenes einzutauchen, ist mein „Lebensthema“ seit mindestens einem Jahr.

Zuerst entrümpelten wir unser Zuhause samt Estrich (Dachboden) aufgrund des bevorstehenden Umzugs und aktuell helfen wir meiner Mutter beim Sichten von Dokumenten, Büchern, Sammlungen meines im Oktober 15 verstorbenen Vaters.

Es kann lustig sein oder berührend, auf alte Fotos zu stossen. Und es ist interessant und aufregend zu merken, dass mein Grossvater gerne Gedichte schrieb und auf diese Weise ungeschminkt und mutig seine Sicht der Dinge über die Hochkonjunktur und die Macht des Geldes selbst vor seinem Chef nicht verbarg.

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Und ich lese, wie mein Vater die Zeit seines Abschieds von seinem Vater in Worten festhielt und auf diese Weise verarbeitete. Die Liebe zum Schreiben, zum Wort, aber auch zur Wahrheit und meinen Gerechtigkeitssinn habe ich geerbt und das zu entdecken, berührt mich auf eine wohltuende Weise. Ich habe Gedichte meines Grossvaters und dieses Schreiben meines Vaters nie zuvor zu Gesicht bekommen. Weil es sehr persönlich ist, publiziere ich letzteres hier nicht.

Wie wertvoll ist es doch, dass wir nicht in Eile aufräumen müssen, sondern in aller Ruhe alles durchsehen und dabei in der Familienrunde über Vergangenes und Familienerlebnisse austauschen können.

Meine Gefühle fahren aber dabei Achterbahn. Erst noch gefreut und gelacht über Grossvaters Gedichte, bin ich im nächsten Moment wieder fassungslos wie damals, als ich auf Hilferufbriefe eines Familienmitglieds stosse. Wir erlebten, dass jemand der Familie durch die Hölle ging, mehrmals fast ermordet wurde und jeweils nur knapp entkam. Mein Herz pocht auch jetzt wieder heftig, wenn ich darüber schreibe. :-O Und wie sehr schmerzt es mich, als ich auf einen Ordner stosse, in dem mein Vater Unrecht, das ihm seitens von Familienmitgliedern (nicht von meiner Mutter oder uns Kindern) fortwährend geschah, dokumentierte. Ebenfalls wurde er beim Umbau seines Elternhauses von Handwerkern regelmässig übers Ohr gehauen. Zwar hat er sich gewehrt, als ihm aber nur noch der Rechtsweg übrig geblieben wäre, hat er immer bezahlt, was er überhaupt nicht hätte bezahlen müssen… Er war einfach zu gutmütig, hat des lieben Friedens willen geschwiegen, geschluckt, akzeptiert, dass er den „Kürzeren“ zog. Wahrscheinlich hatte er als überzeugter Christ auch die Auffassung, dass es sich so gehöre, nicht für sein Recht zu streiten. Aber ich weiss jetzt, warum ich als Kind oft eine miese, undefinierbare Stimmung wahrgenommen hatte. So manches, was ich als Kind und Jugendliche nicht einordnen konnte, wird mir jetzt wie „entschlüsselt“, was es aber nicht einfacher macht für mich. Jetzt bin ich nämlich gefragt, ob ich diese Dokumente, welche Unrecht belegen, aufbewahren oder vergeben und loslassen will.

Andere Trouvaillen sind Zeitdokumente, welche nicht nur mich faszinieren, sondern ebenfalls meine gute Bekannte, welche in der Budgetberatung tätig ist. Denn mein Vater stellte die Haushaltsausgaben der Jahre 1953 und 1964 sorgfältig grafisch dar. Ich halte die alten Aufzeichnungen in den Händen und höre dazu die Geschichten meiner Mutter, wie sie derart sparen mussten, dass sie sich als Familie kaum mal ein Yoghurt leisten konnten – und wenn, dann wurde dieses eine Yoghurt geteilt. Nicht zum ersten Mal höre ich, wie mein Bruder als Säugling derart krank war, dass er ins Spital eingeliefert werden und meine Mutter täglich abgepumpte Muttermilch einschicken musste. Das Porto dafür war ihnen aber mit der Zeit zu teuer und so holten sie meinen Bruder auf ihre Verantwortung wieder nach Hause zurück, was Gott-sei-Dank gut ging. Es hiess, Bananen würden ihm gut tun, aber Bananen waren damals ein Luxusgut! Wie die Zeiten sich änderten, kaum zum glauben – innert weniger Jahrzehnte… Ein Drittel des Lohns musste damals für Nahrung eingerechnet werden…..

Haushaltungsgeld 1964Haushaltungsausgaben 1954 monatlichHaushaltungsgeld 1953

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Ein unerklärlicher „Gluscht“ (Appetit) holt mich aus meinen Überlegungen ins Jahr 2016 zurück. Schnell nehme ich mir ein Bananenyoghurt aus dem Kühlschrank. 😉