Intensive Chemowoche

Die 1. Chemoeinheit liegt hinter „uns“. Es war eine emotional und körperlich anstrengende Zeit. Jetzt wissen wir etwas besser, was Chemo heisst. Bisher konnte ich persönlich mir nie so recht ein Bild machen, wie genau so eine Therapie vor sich geht. Und so sieht Chemo also nun aus:

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Während ein paar Stunden tröpfeln verschiedene Medikamente in den Körper des Patienten. Im Kantonsspital Luzern ist es so, dass entweder Zweierzimmer oder eine Art Lounge für die Tagesklinikpatienten zur Verfügung stehen.

Unsere Woche sah so aus:
Am Montag, 6. März 17 fährt mein Mann per ÖV auf 8 Uhr ins Kantonsspital und erhält über 9.5 Stunden eine Immuntherapie, als Vorbereitung auf die Chemo. Diese erträgt er ohne Nebenwirkungen. Als ich ihn um 17.30 Uhr per Auto abhole, wirkt er ziemlich fit. Für mich ist es eine Herausforderung, das Auto durch den Stadtverkehr zu lenken, bin ich doch nicht eine wirklich geübte Autofahrerin.

Dienstag, 7. März: mein Mann und ich fahren auf 8 Uhr per Postauto, Zug und Bus ins Kantonsspital. Der Grund, warum wir nicht per Auto fahren ist, dass wir das Auto nicht über so lange Stunden im Parkhaus stehen lassen wollen. Wir rechneten mit hohen Gebühren. Erst am Abend erfahren wir, dass ab 3 Std. Aufenthalt der Patient das Ticket auf der Tagesklinikstation umtauschen kann und dann nur noch 5.– bezahlen muss. Manchmal wäre man froh, man hätte gewisse Infos im Vorfeld. Ich bin mir diese Informationspolitik eigentlich nicht gewohnt vom Kantonsspital Luzern. Wenn ich mal was hatte, habe ich immer einen Zettel mit allem Wissenswerten im voraus erhalten. Wir nahmen zum Beispiel auch an, dass wir per Auto nicht direkt vor den Haupteingang fahren dürften. Denn vor der Schranke ist ein allgemeines Fahrverbot und zusätzlich heisst es: „Nur für Notfälle“. Also, jemand abzuholen, ist für mich kein Notfall. Und dennoch fuhren soviele Autofahrer durch diese Schranke hindurch? Alles akute Notfälle? Ich hatte mich am Montagabend nicht dafür, meinen Mann dort abzuholen und wartete auf ihn bei der Einfahrt der Mitarbeiterparkplätze. Die Dame am Infoschalter aber klärte mich dann auf meine Frage hin auf: doch für ca. 15 Min. darf man vor dem Haupteingang und dem Platz rundherum parkieren, um jemand auszuladen oder abzuholen. Warum wird einem das nicht vorher gesagt?
Ich leiste meinem Mann bis nach dem Mittagessen Gesellschaft. Es sollte das letzte volle Menü sein, dass er und ich für längere Zeit geniessen können. Doch das ahnen wir da noch nicht. Ich erhalte das komplette Menü mit Getränk als Angehörige eines Patienten gratis. Sehr grosszügig!
Nach dem Mittagessen versuche ich mich ein wenig abzulenken, indem ich in die nahe Stadt etwas lädelen gehe. Mein Mann hält ein Nickerchen.
Später geniessen wir unser Zusammensein trotz allen widrigen Umständen und werden um 17.30 Uhr von unserer lieben Nachbarin per Auto abgeholt. Auch an diesem Tag klagt mein Mann über keine negativen Nebenwirkungen der Chemo.

Mittwoch, 8. März: die Chemo dauert an diesem Tag nur am Vormittag. Die letzten zwei Tage lag mein Mann dazu in einem Zweierzimmer. Heute wird er gefragt, ob er bereit wäre, das Bett mit einer Art bequemem Fernsehsessel in einer Tageskliniklounge zu tauschen. Er findet es grad so bequem und kurzweilig, wie im Zweierbettzimmer. Auf mich wirkt diese „Lounge“ futuristisch. Es kommt mir so vor wie ein Blick in die Zukunft: da liegen Menschen ganz bequem und lassen sich per Infusion das Nötige einflössen. Vielleicht in der Zukunft Vitamine, Mineralstoffe oder gar Nahrungsmittel? :-O Dieser Teil der Tagesklinik wirkt für mich nicht wie ein Spital. Aber der Besucherstuhl ist unbequem. Am Abend habe ich derart Nackenschmerzen, dass ich eine Schmerztablette benötigte. Bequemere Sitzgelegenheiten für Angehörige, wären kein Luxus. Dort stundenlang zu sitzen, hängt mit der Zeit an.
Zuhause kann es vorkommen, dass ich ausser meiner Familie keinen einzigen Menschen sehe. Ein Kantonsspital ist ein Ort, an dem ein Riesenbetrieb herrscht. Als hochsensible Persönlichkeit (HSP) prasseln diverse Gerüche (Desinfektionsmittel? Medi? Menschen, Essens- und Teegerüche), Geräusche, aber auch wahrgenommene Emotionen meiner Mitmenschen ungefiltert auf mich ein. Ich stehe vor der Caféteria und beobachte medizinisches Personal. Sie tauschen miteinander aus. Was besprechen sie? Sie sehen so seriös aus. Gehen ihnen die Schicksale ihrer Patienten zu Herzen oder nicht? Dort sitzt eine Frau, sehr bekümmert. Besucht sie jemanden? Hat sie eine schlechte Diagnose erhalten? Plötzlich ein Notfall in der Caféteria: ein Senior bricht zusammen und eine handvoll Ärzte sind sofort zur Stelle. Der Mann wird mit wachsfarbenem Gesicht auf eine Caféteriabank gelegt. Oh nein! Wie tut mir dieser arme „Grossdädi“ leid. Hoffentlich überlebt er dies schadlos. Auf der Station meines Mannes liegen ein Manager, der während der Infusion am Laptop arbeitet, mit der Sekretärin telefoniert und was wegen „Codierungen“ abmacht. Vis-à-vis liegt ein Jugendlicher, der seine Schularbeiten erledigt und der medizinischen Pflegefachkraft erzählt, am Nachmittag gehe er arbeiten (ist wohl ein Lehrling). Weiter hinten im Raum erklärt ein Arzt einer älteren Patientin, dass die Chemo ganz sicher, aber eine Operation vielleicht auch noch nötig sei. Alle Schicksale berühren mich. Die Krankheit Krebs macht vor keinem Status, keinem Alter Halt. Sie kann jeden treffen. Was ich in diesem Abschnitt geschrieben habe, geht mir in Minutenbruchteilen durch den Kopf und durchs Herz. Am Ende der Woche bin ich erschöpft. Weil ich innerlich mitleide mit meinem Mann – und auch den anderen Patienten, weil ich soviel aufnehme mit allen Sinnen und weil ich jeden Tag den für mich ungewohnten und zudem enorm dichten Verkehr per Auto bewältige. Aber zudem auch noch, weil zuhause unterdessen alles liegenbleibt. Zudem habe ich grad zur Zeit enorm viele Schreibaufträge.

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Aussicht vom 11. Stockwerk. Tagesklinik Kantonsspital Luzern. Im Bild der Rotsee.

Zurück zum Mittwoch: am Mittag darf ich meinen Mann heim chauffieren und zuhause grad sofort an den Herd stehen, um für uns als Familie zu kochen. Am späteren Nachmittag gehts an eine Redaktionssitzung.

Donnerstag, 9. März: meinem Mann ist es wie angerührt schlecht. Geplant wäre gewesen, dass er per ÖV am Mittag ins Spital anreisen und ich ihn am Abend abholen würde. Doch es ist ihm so übel, dass ich ihn sowohl hin- wie auch retour fahre. Der Verkehr ist derart überlastet und das Parkhaus überbelegt, so dass wir für einen Autoweg, der innert 20 Minuten bewältigt werden könnte, eine geschlagene Stunde benötigen. Deshalb tue ich mir das nicht an, diesen Weg mehr als nötig unter die Räder zu nehmen und bleibe lieber im Spital. Ich habe den Laptop von zuhause mitgenommen und der Plan ist, dass ich an einem Schreibauftrag im Spital arbeiten könnte. Doch der „cheiben“ Laptop lässt sich nicht starten. Eine Pflegefachkraft bemüht sich, mein Problem zu bewältigen. Ich drücke meine Dankbarkeit aus, aber auch, dass sie ja bestimmt andere Aufgaben zu erledigen hätte, als ausgerechnet noch bei meinem Laptopproblem eingreifen zu müssen. Sie verlässt, sich einverstanden erklärend, das Zimmer und ich beginne zu schluchzen. Meinen Mann so elend zu sehen, ist der Hauptgrund. Dass der Laptop nicht läuft und zuhause die Arbeit liegen bleibt, sind die Tropfen, welche das Fass zum überlaufen bringen. Meinem Mann geht es nach einer Tablette schnell besser und auch der Laptop startet doch noch.

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Vor einer Minute noch weinte ich, wie wenn die Welt untergehen würde. Mobiler Arbeitsplatz im Kantonsspital Luzern. Mein Mann hat mich vom Bett aus fotografiert.

Ich darf wissen: meine liebe Nachbarin kümmert sich ja wenigstens ums Zusammenfalten unserer Wäsche. Doch zuhause angekommen, erwartet uns eine grosse Überraschung: nicht nur die Wäsche ist zusammengefaltet, auch alle Böden sind staubgesaugt, feucht aufgenommen und das Parket glänzt, weil die Nachbarin es mit Parkettpflegemittel bearbeitet hat. Es ist so schön, von so lieben Mitmenschen umgeben zu sein.

Freitag, 10. März: meinem Mann ist es trotz Medis gegen Übelkeit immer noch schlecht. Wir schaffen es, wenigstens einen Spaziergang ins Dorfcafé zu machen und treffen eine liebe Bekannte. Ich fahre ihn zum Coiffeur zu einer anderen Bekannten im Nachbardorf. Auch das geht ihm gut, trotz flauem Magen. Ich nehme einen Interviewtermin wahr. Heute ist zum Glück chemofrei. Die erste Woche ist geschafft. Jetzt gibt es drei Wochen Pause und dann werden wieder 3 Tage Chemoeinheiten dran sein. Dieser Rhythmus wird bis September unseren Alltag prägen.

Samstag, 11. März: noch immer ist es meinem Mann übel. Seit Donnerstag mag niemand von unserer Familie richtig essen. Keiner hat wirklichen Appetit. Mein Mann hat 6 kg abgenommen und das ist nicht so ideal. Wir erholen uns alle etwas an der Sonne auf dem Balkon. Ich pflanze Primeln in Kistchen und hoffe, dass ihre Farben auch uns etwas Lebensfreude bringen. Unsere älteste Tochter macht ein Krankenbsüechli bei ihrem Vater.

Sonntag, 12. März: meinem Mann geht es etwas besser. Die andere Tochter besucht uns. WhatsApp Image 2017-03-12 at 12.04.54Wir schaffen es in den Nachmittagsgottesdienst unserer Freikirche, wo wir immer viel Liebe erfahren und auftanken können.

Montag, 13. März: mein Mann nimmt die Arbeit wieder auf, nachdem er letzte Woche krank geschrieben war. Es geht ihm „ordeli“ (ordentlich/zufriedenstellend). Noch haben wir alle nicht denselben Appetit wie sonst, aber es kommt glaub langsam wieder besser.

Wir sind von vielen lieben Menschen umgeben welche sagen: wenn ihr was braucht, meldet euch. Wir sind gern für euch da. Ihr seid nicht alleine. Was für ein Glück!
Aber es ist schon eine Ausnahmesituation, in der wir stehen. Das Ganze trägt für meine Empfindungen was Surreales. Ich wähne mich manchmal einfach im falschen Film. Nicht als Zuschauerin, sondern mit meinem Mann zusammen als Schauspieler. Das was hier passiert, ist doch nicht wirklich real, oder? Leider aber schon. Die Leukämie und der Kampf gegen sie, ist brutale Realität.

Mascha Kaleko
„Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treibe…
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr –
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andren muss man leben!“

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Vor einem Jahr…

Wie sich ein Leben in einem Jahr verändern kann!

Vor einem Jahr lebte mein Vater noch.

Wir waren zuversichtlich, dass er sich von seinem Schlaganfall, den er drei Monate zuvor erlitten hatte, noch besser erholen würde. Er trainierte hart, geduldig und mit dem Ziel vor Augen, wieder nach Hause zurückkehren zu können. Er stagnierte in seinen Fortschritten nicht, sondern machte wöchentlich Fortschritte. Noch konnte er zwar nur ein paar wenige Schritte an der Haltestange der Wand entlang humpeln und einzelne Worte wie „Adieu“, „Danke“, Hallo“ sagen, aber es konnte vorkommen, dass er uns plötzlich alle wieder mit einem neuen Wort überraschte. Wir kauften ihm ein iPad mit einem Sprachprogramm und ganz zögerlich setzte er es manchmal ein. Schade, dass sich das Pflegepersonal damals nicht mehr Mühe gab, ihn mit dieser Technik zu unterstützen. Aber sonst war die Pflege aufmerksam, das Zimmer überdurchschnittlich gross und hell  – und trotzdem  fühlte er sich dort nie zuhause. Ich besuchte ihn wöchentlich und mein Herz fühlte sich bei jedem Abschied an, als wolle es zerreissen. Er schluchzte jeweils, hielt mich fest und sass wie ein Häufchen Elend da. Er wollte einfach nur zurück in sein Heim gehen – zu seiner geliebten Frau – und tat alles in seiner Macht stehende dazu – aber es reichte nicht. Meine Mutter mit Jahrgang 1930, war gesundheitlich ausserstande, ihn zu pflegen. Eine Spitex kann auch nicht 24 Stunden und 7 Tage präsent sein – und diese Stunden, in denen sie allein mit meinem Vater gewesen wäre, bereiteten ihr zu grosse Sorgen und Ängste. Mein Bruder, meine Schwester und ich verstanden sie. Doch die Situation war für alle Beteiligten emotional sehr anstrengend.

Im Oktober 15 erlitt mein Vater einen zweiten Schlaganfall, war total gelähmt, konnte nicht mal mehr schlucken. Glücklicherweise hatte er uns eine Entscheidung per Patientenverfügung abgenommen, in der stand, dass er in so einem Fall keine lebensverlängernden Massnahmen mehr wünsche. Die Nachricht, dass mein Vater im Sterben lag, erreichte uns in Mailand, in einem Museum. Sofort fuhren wir ins Pflegeheim, um uns von ihm zu verabschieden. Es schmerzt mich heute noch, wenn ich daran denke. 😦 Mein Mann, meine Kinder samt Freunden, meine Mutter – wir standen um sein Bett, waren leise, streichelten ihn im Gesicht, sagten ihm, wiesehr wir ihn liebten und sprachen ihm zu, dass er „gehen“ dürfe. Dann bat ich meine ganze Familie, mich doch noch allein mit meinem Vater zu lassen. Und was dann folgte, erstaunt mich bis heute. Ich erzählte meinem Vater, wiesehr ich ihn liebe, erinnerte ihn an gemeinsam Erlebtes, sprach ihm Vergebung zu für Versäumtes, betete mit ihm, las ihm aus der Bibel Psalm 23 vor, küsste , streichelte ihn, verabschiedete mich ganz bewusst von ihm – und staunte bei allem über meine Kraft und Stärke. Mein Vater schaute mit seinen Augen liebevoll und aufmerksam, voll wach auf mich. Da war ein unausgesprochenes Verstehen zwischen uns. Nie mehr war er so präsent, wie nach meiner Zeit bei ihm…. Ich schluchzte und weinte nicht – und beobachtete dabei mich selber wie von aussen – war aber gleichzeitig total bei mir selber. Noch heute kommt es mir unglaublich vor, wie gefasst ich diese Verabschiedung meines geliebten Vaters so gestaltete. Als ich mich wieder zu meiner Familie gesellte, waren alle Augen auf mich gerichtet. Würde ich heulend aus dem Zimmer treten? Ich aber konnte zu ihnen sagen: „Es ist gut.“ Es war alles gesagt, es gibt nichts, was ich noch hätte klären müssen mit meinem Vater. Ich konnte mich im Frieden von ihm verabschieden. Die Trauer und die Tränen über den Verlust kamen erst später. In diesem Moment mochte ich ihm in allererster Linie gönnen, dass seine Schmerzen, sein Leiden ein Ende fanden. Sein Heimweh konnte Erfüllung finden, indem er in ein grösseres, schöneres Zuhause heimkehren konnte, wo er bereits liebevoll erwartet wurde, wie ich im zusagte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich in so einem Moment derart die Gesprächsführung übernehmen könnte und nicht weinend und schluchzend zusammenbrechen würde. Ich bin überzeugt davon, dass dies damals die Gegenwart und Hilfe Gottes war, welche mich und das ganze Zimmer erfüllte. Von mir aus hätte ich diese Kraft nie gehabt.

In den kommenden Tagen betete ich ein Gebet, das ich früher auch nie für möglich gehalten hätte: „Bitte Gott, lass meinen Vater bald sterben. Nimm ihn zu dir. Setz dem Leiden ein Ende.“  4 Tage kämpfte mein Vater – er war Zeit seines Lebens ein grosser Kämpfertyp. Es kam uns aber auch so vor, dass er meiner mittleren Tochter ihr Geburtstagsfest noch gönnen möchte und wartete mit seinem Abschied. Denn als sie ihm am Sterbebett erzählte, sie hätte bald Geburtstag, machte er grosse Augen. Er war Zeit seines Lebens immer da für andere und rücksichtsvoll. Ich bin überzeugt davon, dass er meiner Tochter nicht den Geburtstag damit verderben wollte, dass er in Zukunft mit seinem Todestag verknüpft gewesen wäre. Zwei Tage nach dem Geburtstag meiner Tochter, am 7. Oktober 2015 starb mein Vater, 88jährig.

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Ich vermisse ihn sehr. Ich denke so oft an ihn und wünschte, er könnte dieses oder jenes miterleben.

Ich leide mit der Einsamkeit meiner Mutter mit. Niemand kann ihr den geliebten Mann ersetzen, mit dem sie 63 Jahre treu durch Hohes und Tiefes ging. 63 Jahre – man stelle sich das vor!

Ich bin traurig. Und ich kann erst jetzt – ein halbes Jahr nach seinem Tod darüber schreiben. Es kostet mich viel in diesem Moment.

Vor einem Jahr war mein Handgelenk noch gesund

Im August 2015 erlitt ich einen Velounfall. Zwei Tage nach der Beerdigung meines Vaters wurde mein Handgelenk operiert. Es folgten viele, viele Arztbesuche, Therapien, die Spitex unterstützte mich im Haushalt. Es war eine turbulente Zeit, welche mich ganzheitlich herausforderte.

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Heute kann ich wieder den Wäschekorb tragen, kochen, mich pflegen, Wäsche zusammenfalten, Hände zur Begrüssung schütteln, mit Messer und Gabel essen, das 10 Fingersystem am Compi einsetzen, fotografieren (vorher war die Kamera zu schwer, ich konnte sie nicht halten), den Tisch abputzen (ich war nicht imstande, die Hand auf eine ebene Fläche zu halten und gleichzeitig Druck auszuüben), aber in Ordnung ist dieser Arm noch nicht. 😦 Bei gewissen Bewegungen bin ich eingeschränkt, spüre eine Art „Sperre“, bei einer Drehung des Unterarms knackt es dauernd störend und Schmerzen treten hie und da auch noch auf. Seit dem August 15 habe ich mich nicht wieder auf ein Velo gewagt. Diese innerliche Blockade möchte ich in nächster Zeit bestimmt mal überwinden. Sollte das Knacken im Unterarm bis im Juni nicht aufhören, müsste es erneut im Spital abgeklärt werden.

Vor einem Jahr waren wir grad umgezogen

Nach 14 Jahren glücklichem Wohnen in einem 100 jährigen Haus, mussten wir jenes Zuhause Ende März 2015 verlassen, weil der Vermieter einen Neubau plante.

Wir fanden eine neue Wohnung im selben Ort, so dass wir unsere Beziehungen nicht aufgeben und unser Sohn die Schule nicht für sein letztes Schuljahr wechseln musste. Die Wohnung ist mit ihren weissen Wänden heller als die vorherige, welche rundum mit Holz ausgekleidet war. Doch mir hat dieses Holz in der alten Wohnung sehr gut gefallen. Ich fand es heimelig und es war diese Art Wohnung, nach der ich mich in der Kindheit immer sehnte. Deshalb konnte ich auch nicht einstimmen in die überschwänglichen Rufe aller Besucher des neuen Zuhauses. Ausnahmslos jeder Gast meinte: „Hier habt ihr es doch viel schöner als am alten Ort. Die Wohnung dort war so dunkel. Diese ist hell und geräumig. Ihr habt einen guten Tausch gemacht!“ Wir wollten aber gar nie tauschen. Wir haben uns in der alten Wohnung rundum wohl gefühlt. Uns selber kam sie nie zu dunkel vor, die grosse Terrasse mit uneingeschränkter Seesicht, die ruhige Lage, die lieb gewonnenen Nachbarn – es brauchte Zeit, sich von all dem innerlich zu lösen.

Ja, die neue Wohnung gefiel mir ebenfalls auf Anhieb. Sie IST heller, sie bietet weiterhin einen Ausblick auf See und Berge, ist ruhig, aber gleichzeitig zentraler gelegen als die vorherige. Doch es dauerte mindestens ein halbes Jahr, bis ich sagen konnte: ich fühle mich nicht nur wie in den Ferien hier – es ist ein Heimkommen, wenn ich zur Haustüre hineintrete. Glücklicherweise begann der ehemalige Vermieter nicht sofort mit dem Abbriss des alten Hauses, so dass ich Zeit fand, mich langsam zu verabschieden. Jedesmal, wenn ich mit dem Postauto am alten Ausstiegsort vorbeifuhr, wendete sich mein Kopf automatisch, um einen Blick auf das alte Zuhause zu erhaschen und das Herz füllte sich mit Wehmut. Heute klafft am Standort unterhalb der Ridlikapelle ein grosses Loch – die Bauarbeiten zum grossen, modernsten Minergiehauses haben begonnen. Der Anblick schmerzt mich nicht mehr – es ist aber immer noch ein seltsames Gefühl.

Heute geniesse ich es, auf dem Küchenbalkon zu sitzen und meine Nachbarn so nahe zu haben, dass ich mit ihnen vom Balkon aus plaudern kann. Wir haben eine gute, herzliche, aber nicht zu nahe Beziehung untereinander. Balkone rund um die Wohnung geben uns die Möglichkeit, entweder an der Sonne oder dem Schatten zu sitzen, entweder Berg- oder Seesicht zu geniessen. Wie im alten Zuhause, so haben wir auch hier wieder einen Gartensitzplatz und drei Gartenbeete. Und seit diesem Winter sind wir frohe Chéminéebesitzer.

Unserer Katze Minouch geht es am neuen Ort besser. Vorher getraute sie sich bloss, die Katzentreppe runter zu laufen, aber nicht hoch. Heute läuft sie problemlos rauf- und runter, geht zur Katzentüre rein- und raus, wie es ihr beliebt. Die Strasse am neuen Ort ist im Gegensatz zu früheren, fast autofrei. Sie hat sich prima befreundet mit den anderen vielen Katzen der Nachbarschaft.

Vor einem Jahr wohnte unsere älteste Tochter noch bei uns

Mit dem Umzug in die neue Wohnung, verabschiedete sich unsere älteste Tochter von uns. Sie zog mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung. Zum Glück im Nachbardorf und lustigerweise ins Nachbarhaus unseres ehemaligen Zuhauses, in dem sie ihre ersten paar Lebensjahre verbrachte, bevor wir aufgrund der Geburt unseres Nachzüglers in das 100jährige Holzhaus umzogen, in dem wir eben 14 Jahre lang wohnten. Sie ist von der Wohnsituation zurückgekehrt zu den Wurzeln ihrer früheren Kindheit. 😉

Wir pflegen weiterhin guten Kontakt, aber es ist nicht mehr dasselbe, wie wenn sie zuhause wohnen würde. Sie lebt nun ein eigenständiges Leben, als junge, erwachsene Frau und ich bin als Mutter herausgefordert, sie wieder ein Stück mehr loszulassen.

Vieles hat sich zwischen dem April 15 bis April 16 verändert, das Thema „Abschied“ zog sich durch alles hindurch: Abschied von meinem geliebten Vater, der uneingeschränkten Gesundheit des Handgelenks, des Zuhauses, der Tochter, welche auszog – doch es ist gut so, wie es ist. Meine Familie und ich sind glücklich – samt Katze. Es gibt Neuanfänge – neue Kontakte in der Nachbarschaft zum Beispiel. Nur traurig und schade, dass mein Vater uns nicht besuchen kommen kann in der neuen Wohnung. Doch ich bin sicher, er schaut sie sich vom „Himmel“ aus an, geniesst aber dort sein eigenes, noch besseres und schöneres Zuhause und freut sich auf ein Wiedersehen mit seinen Lieben.