In Wirklichkeit ist die Realität anders.

Facebook hat die Angewohnheit, mich von Zeit zu Zeit an Dinge zu erinnern, welche ich vor 1 oder mehreren Jahren mit meinen Mitlesern geteilt habe.

Heute erinnerte mich Facebook an einen Streit mit einer damaligen Nachbarin und alles kam mir „obsi“, wie wir Schweizer zu sagen pflegen, wenn einen die Erinnerungen zu überrollen drohen und so frisch sind, als ob das Ganze erst heute geschehen wäre.

Der Streit begann, als unsere Nachbarn, mit denen wir bis anhin fast 10 Jahre lang in Frieden und sogar freundschaftlich verbunden im selben Miethaus lebten, ihren 3 jährigen Sohn unbeaufsichtigt im und ums Haus herum streunen liessen. Ich beobachtete mehr als eine kritische Gefahrensituation, denn die Strasse und ein Bach, dessen Bachbett glitschig war und der manchmal zu einem Wildbach mutieren konnte, befanden sich in unmittelbarer Nähe. Der kleine Junge zerstörte meine Gartenbepflanzungen. Die Nachbarn, welche sich bisher an die Hausordnungen hielten, verstiessen von einem Tag auf den anderen gegen mehrere solcher Ordnungen. Ich stand in der Funktion der Hausabwartin und hatte klare Aufträge seitens unseres Vermieters. Gespräche mit dem Jungen und mit seinen Eltern brachten keine Einigung – auch nicht, als sich der Vermieter einschaltete. Sie wurden immer dreister, ja sogar gegenüber dem Vermieter so frech, dass er ihnen nach mehreren Gesprächsversuchen und Mahnungen kündigte. Natürlich gaben die Nachbarn mir die Schuld daran, als ob ich unseren Vermieter dermassen hätte beeinflussen können. Sie waren felsenfest davon überzeugt, ich hätte ihn dazu überredet.

Ja, das war schwierig damals vor 5 Jahren. Das Ganze gipfelte darin, dass sie unseren drei Kindern schrieben, was für eine elend miese, heuchlerische und unfähige Frau ich sei und wie sie zu bedauern wären mit so einer Mutter. Meine eine Tochter, damals ein Teenager, schrieb ihnen zurück, dass sie stolz auf „so eine Mutter“ sei. In einem persönlichen „Abschiedsgespräch“ warf mir der Mann vor, ich sei doch überhaupt keine „richtige Frau“. So ein absurder Vorwurf wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen gewesen wäre. Ein sachliches Gespräch war unmöglich, diese Leute waren auf „Krieg“ aus.

Ich getraute mich damals kaum mehr, einen Fuss vor die Türe zu setzen, aus Angst, ihnen zu begegnen. Bevor ich zur Haustüre hinaus trat, bat ich Gott immer um Liebe für meine Nachbarn. So brachte ich es fertig, ihnen von meiner Seite her immer freundlich zu begegnen, sie stets zu grüssen und mit dem kleinen Jungen weiterhin unbeschwert zu plaudern. Aber seine Eltern schalteten auf stur und grüssten nie mehr zurück. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich damals einen tausendfachen Tod gestorben. Ich glaube, meine Freundlichkeit war ihnen ein weiterer Dorn im Auge. Es muss für sie so gewesen sein, wie es die Bibel beschreibt:

Sprüche 25, 21Wenn dein Feind Hunger hat, dann gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, dann gib ihm zu trinken.

22Denn dadurch wirst du ihn zutiefst beschämen, und dich wird der HERR belohnen.

In einer anderen, älteren  Übersetzung steht, dass es sei, wie wenn man mit Freundlichkeit bei denen, welche einem feindlich gesinnt seien, „glühende Kohlen aufs Haupt sammle“. 

Ich wollte sie mit Freundlichkeit bestimmt nicht provozieren, sondern meinte es echt. Die Kraft dazu kam aber aus der Verbindung mit Gott.

Im Grunde genommen taten mir diese Nachbarn leid. Es muss hart sein, so voller Hass zu leben. Die Wucht ihres Hasses blies mich manchmal fast um. Weh tat es mir ums Ungeborene (die Frau war mit dem 2. Kind schwanger). Denn diese Frau war derart verbittert, ihr Gesicht nahm stark verhärmte Züge an – sie war sichtbar ebenfalls unglücklich und ich fragte mich ernsthaft, was für Auswirkungen dies auf ihr Kind im Leib haben würde.

Ich bin froh, muss ich mir selber nichts vorwerfen in dieser Angelegenheit. Ich habe meine Pflichten als Hausabwartin erfüllt, was diese Nachbarn partout nicht einsehen wollten.

Mich hat damals erschreckt, wiesehr ein Mensch seine eigene „Wirklichkeit“ bauen und daran festhalten kann. Sie waren sosehr überzeugt von ihrer Sicht der Dinge. Für sie entsprach ihre Sicht der unumstösslichen Realität. Sie haben sich gegenseitig hochgeschaukelt, sich bestärkt in ihrer Meinung, Bestätigung in ihrem Familien- und Freundeskreis geholt und verstrickten sich immer mehr in ihre eigenen Lügengebilde. Und logisch kann man dann nicht einfach sagen: eure Sicht der Dinge stimmt nicht – sie hätten es nie geglaubt.

Wir wohnen seit einem Jahr an einem anderen Ort, das damalige Haus wurde abgerissen. Mit den Nachfolgern dieser Streithähne hatten wir es dann sehr harmonisch.

Nie vorher in meinem über 50 jährigen Leben und seitdem auch nicht mehr, habe ich solch krasse Anschuldigungen an meine Persönlichkeit hören müssen.

Ich habe unseren ehemaligen Nachbarn vergeben. Aber vergessen will ich bewusst nicht. Das Erlebnis soll mich immer wieder mal fragen lassen: wann bin ich in der Gefahr, Dinge als unverrückbar wahr zu sehen und dabei nicht zu merken, dass ich mir meine eigene Realität aufgebaut habe, welche nicht übereinstimmt mit der realen Wirklichkeit? Ich möchte eine Frau sein, welche sich sagen lässt: pass auf, du hast dich da möglicherweise in etwas verrannt – könnte es sein, dass dein Blick auf die Realität getrübt ist?

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Bild mit freundlicher Genehmigung von „Nur positive Nachrichten“

Wenn ich Gedanken des Neids, der Ablehnung, des Misstrauens über meine Mitmenschen füttere, wird diese Sicht auf meine Mitmenschen meine Realität. Ich kann dann gar nicht anders, als zu glauben, dass sie mir Böses wollen, mich beabsichtigen zu hintergehen. Wenn ich meinen Mitmenschen fortlaufend vergebe, Gutes von ihnen erwarte, dankbar für kleine Liebeszeichen bin und sehe, dass jeder Mensch ein wertvolles Geschöpf ist, verändert das meine Sicht auf sie.

Deshalb will ich diese Lebenserfahrung nicht vergessen. Nicht, um Groll und Bitterkeit zu hegen und pflegen, sondern als Mahnmal für mich selber.

 

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Zeitreise

Aufräumen, ausmisten, entrümpeln, loslassen und dabei wie bei einer Zeitreise in längst Vergangenes einzutauchen, ist mein „Lebensthema“ seit mindestens einem Jahr.

Zuerst entrümpelten wir unser Zuhause samt Estrich (Dachboden) aufgrund des bevorstehenden Umzugs und aktuell helfen wir meiner Mutter beim Sichten von Dokumenten, Büchern, Sammlungen meines im Oktober 15 verstorbenen Vaters.

Es kann lustig sein oder berührend, auf alte Fotos zu stossen. Und es ist interessant und aufregend zu merken, dass mein Grossvater gerne Gedichte schrieb und auf diese Weise ungeschminkt und mutig seine Sicht der Dinge über die Hochkonjunktur und die Macht des Geldes selbst vor seinem Chef nicht verbarg.

Dichtkunst Felix Fankhauser 1Dichtkunst Felix Fankhauser

Und ich lese, wie mein Vater die Zeit seines Abschieds von seinem Vater in Worten festhielt und auf diese Weise verarbeitete. Die Liebe zum Schreiben, zum Wort, aber auch zur Wahrheit und meinen Gerechtigkeitssinn habe ich geerbt und das zu entdecken, berührt mich auf eine wohltuende Weise. Ich habe Gedichte meines Grossvaters und dieses Schreiben meines Vaters nie zuvor zu Gesicht bekommen. Weil es sehr persönlich ist, publiziere ich letzteres hier nicht.

Wie wertvoll ist es doch, dass wir nicht in Eile aufräumen müssen, sondern in aller Ruhe alles durchsehen und dabei in der Familienrunde über Vergangenes und Familienerlebnisse austauschen können.

Meine Gefühle fahren aber dabei Achterbahn. Erst noch gefreut und gelacht über Grossvaters Gedichte, bin ich im nächsten Moment wieder fassungslos wie damals, als ich auf Hilferufbriefe eines Familienmitglieds stosse. Wir erlebten, dass jemand der Familie durch die Hölle ging, mehrmals fast ermordet wurde und jeweils nur knapp entkam. Mein Herz pocht auch jetzt wieder heftig, wenn ich darüber schreibe. :-O Und wie sehr schmerzt es mich, als ich auf einen Ordner stosse, in dem mein Vater Unrecht, das ihm seitens von Familienmitgliedern (nicht von meiner Mutter oder uns Kindern) fortwährend geschah, dokumentierte. Ebenfalls wurde er beim Umbau seines Elternhauses von Handwerkern regelmässig übers Ohr gehauen. Zwar hat er sich gewehrt, als ihm aber nur noch der Rechtsweg übrig geblieben wäre, hat er immer bezahlt, was er überhaupt nicht hätte bezahlen müssen… Er war einfach zu gutmütig, hat des lieben Friedens willen geschwiegen, geschluckt, akzeptiert, dass er den „Kürzeren“ zog. Wahrscheinlich hatte er als überzeugter Christ auch die Auffassung, dass es sich so gehöre, nicht für sein Recht zu streiten. Aber ich weiss jetzt, warum ich als Kind oft eine miese, undefinierbare Stimmung wahrgenommen hatte. So manches, was ich als Kind und Jugendliche nicht einordnen konnte, wird mir jetzt wie „entschlüsselt“, was es aber nicht einfacher macht für mich. Jetzt bin ich nämlich gefragt, ob ich diese Dokumente, welche Unrecht belegen, aufbewahren oder vergeben und loslassen will.

Andere Trouvaillen sind Zeitdokumente, welche nicht nur mich faszinieren, sondern ebenfalls meine gute Bekannte, welche in der Budgetberatung tätig ist. Denn mein Vater stellte die Haushaltsausgaben der Jahre 1953 und 1964 sorgfältig grafisch dar. Ich halte die alten Aufzeichnungen in den Händen und höre dazu die Geschichten meiner Mutter, wie sie derart sparen mussten, dass sie sich als Familie kaum mal ein Yoghurt leisten konnten – und wenn, dann wurde dieses eine Yoghurt geteilt. Nicht zum ersten Mal höre ich, wie mein Bruder als Säugling derart krank war, dass er ins Spital eingeliefert werden und meine Mutter täglich abgepumpte Muttermilch einschicken musste. Das Porto dafür war ihnen aber mit der Zeit zu teuer und so holten sie meinen Bruder auf ihre Verantwortung wieder nach Hause zurück, was Gott-sei-Dank gut ging. Es hiess, Bananen würden ihm gut tun, aber Bananen waren damals ein Luxusgut! Wie die Zeiten sich änderten, kaum zum glauben – innert weniger Jahrzehnte… Ein Drittel des Lohns musste damals für Nahrung eingerechnet werden…..

Haushaltungsgeld 1964Haushaltungsausgaben 1954 monatlichHaushaltungsgeld 1953

Haushaltungsgeld 1953 1

Ein unerklärlicher „Gluscht“ (Appetit) holt mich aus meinen Überlegungen ins Jahr 2016 zurück. Schnell nehme ich mir ein Bananenyoghurt aus dem Kühlschrank. 😉

Gast bei Blendstufe.de

Auf Facebook bin ich verbunden mit blendstufe.de Dort wurde die Frage aufgeworfen, ob jemand für sich das analoge Fotografieren entdeckt habe. Sofort kamen mir meine alten Kameras in den Sinn, welche ich anlässlich unseres Umzugs wieder entdeckt hatte. Ich wurde ermutigt, diese Schätze auszuprobieren und von meinem „analogen Abenteuer“ zu erzählen. So entstand ein Gastbeitrag. Herzlichen Dank für diese Plattform

Fazit meines analogen „Abenteuers“: als einmaliges Experiment war es ein absolut aufregendes, spannendes, lustiges Erlebnis. Ich habe insgesamt für Batterien, Filme und Bildentwicklung, Spesen für die Auslandüberweisung rund 150.– Fr. ausgegeben. Dies war es mir für einmal wert. Aber dies als regelmässiges Hobby zu betreiben, ohne etwas dabei einzunehmen, kommt für mich finanziell nicht in Frage. Online kann man hauptsächlich in Deutschland alte Filme kaufen – und das wage ich als Schweizerin nicht mehr. Für meine Kleinmenge, welche ich beziehen würde, lohnen sich Bankspesen, Zoll- und andere Kosten nicht. Ich kann nicht ausschliessen, dass ich wieder mal einen Film in die Regula oder Stafetta legen werde – dann müsste es aber ein „spezieller“ Anlass wie die Teilnahme an einer Hochzeit, eine etwas aussergewöhnlichere Auslandreise oder Ähnliches sein. Weil ich für die Canon teure Batterien gekauft habe, sollte ich wohl auch diese Kamera nicht ganz vergessen. Aber auf die morgige Schneeschuhtour wird mich unsere Digital-Spiegelreflexkamera Nikon begleiten.

 

 

Vor einem Jahr…

Wie sich ein Leben in einem Jahr verändern kann!

Vor einem Jahr lebte mein Vater noch.

Wir waren zuversichtlich, dass er sich von seinem Schlaganfall, den er drei Monate zuvor erlitten hatte, noch besser erholen würde. Er trainierte hart, geduldig und mit dem Ziel vor Augen, wieder nach Hause zurückkehren zu können. Er stagnierte in seinen Fortschritten nicht, sondern machte wöchentlich Fortschritte. Noch konnte er zwar nur ein paar wenige Schritte an der Haltestange der Wand entlang humpeln und einzelne Worte wie „Adieu“, „Danke“, Hallo“ sagen, aber es konnte vorkommen, dass er uns plötzlich alle wieder mit einem neuen Wort überraschte. Wir kauften ihm ein iPad mit einem Sprachprogramm und ganz zögerlich setzte er es manchmal ein. Schade, dass sich das Pflegepersonal damals nicht mehr Mühe gab, ihn mit dieser Technik zu unterstützen. Aber sonst war die Pflege aufmerksam, das Zimmer überdurchschnittlich gross und hell  – und trotzdem  fühlte er sich dort nie zuhause. Ich besuchte ihn wöchentlich und mein Herz fühlte sich bei jedem Abschied an, als wolle es zerreissen. Er schluchzte jeweils, hielt mich fest und sass wie ein Häufchen Elend da. Er wollte einfach nur zurück in sein Heim gehen – zu seiner geliebten Frau – und tat alles in seiner Macht stehende dazu – aber es reichte nicht. Meine Mutter mit Jahrgang 1930, war gesundheitlich ausserstande, ihn zu pflegen. Eine Spitex kann auch nicht 24 Stunden und 7 Tage präsent sein – und diese Stunden, in denen sie allein mit meinem Vater gewesen wäre, bereiteten ihr zu grosse Sorgen und Ängste. Mein Bruder, meine Schwester und ich verstanden sie. Doch die Situation war für alle Beteiligten emotional sehr anstrengend.

Im Oktober 15 erlitt mein Vater einen zweiten Schlaganfall, war total gelähmt, konnte nicht mal mehr schlucken. Glücklicherweise hatte er uns eine Entscheidung per Patientenverfügung abgenommen, in der stand, dass er in so einem Fall keine lebensverlängernden Massnahmen mehr wünsche. Die Nachricht, dass mein Vater im Sterben lag, erreichte uns in Mailand, in einem Museum. Sofort fuhren wir ins Pflegeheim, um uns von ihm zu verabschieden. Es schmerzt mich heute noch, wenn ich daran denke. 😦 Mein Mann, meine Kinder samt Freunden, meine Mutter – wir standen um sein Bett, waren leise, streichelten ihn im Gesicht, sagten ihm, wiesehr wir ihn liebten und sprachen ihm zu, dass er „gehen“ dürfe. Dann bat ich meine ganze Familie, mich doch noch allein mit meinem Vater zu lassen. Und was dann folgte, erstaunt mich bis heute. Ich erzählte meinem Vater, wiesehr ich ihn liebe, erinnerte ihn an gemeinsam Erlebtes, sprach ihm Vergebung zu für Versäumtes, betete mit ihm, las ihm aus der Bibel Psalm 23 vor, küsste , streichelte ihn, verabschiedete mich ganz bewusst von ihm – und staunte bei allem über meine Kraft und Stärke. Mein Vater schaute mit seinen Augen liebevoll und aufmerksam, voll wach auf mich. Da war ein unausgesprochenes Verstehen zwischen uns. Nie mehr war er so präsent, wie nach meiner Zeit bei ihm…. Ich schluchzte und weinte nicht – und beobachtete dabei mich selber wie von aussen – war aber gleichzeitig total bei mir selber. Noch heute kommt es mir unglaublich vor, wie gefasst ich diese Verabschiedung meines geliebten Vaters so gestaltete. Als ich mich wieder zu meiner Familie gesellte, waren alle Augen auf mich gerichtet. Würde ich heulend aus dem Zimmer treten? Ich aber konnte zu ihnen sagen: „Es ist gut.“ Es war alles gesagt, es gibt nichts, was ich noch hätte klären müssen mit meinem Vater. Ich konnte mich im Frieden von ihm verabschieden. Die Trauer und die Tränen über den Verlust kamen erst später. In diesem Moment mochte ich ihm in allererster Linie gönnen, dass seine Schmerzen, sein Leiden ein Ende fanden. Sein Heimweh konnte Erfüllung finden, indem er in ein grösseres, schöneres Zuhause heimkehren konnte, wo er bereits liebevoll erwartet wurde, wie ich im zusagte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich in so einem Moment derart die Gesprächsführung übernehmen könnte und nicht weinend und schluchzend zusammenbrechen würde. Ich bin überzeugt davon, dass dies damals die Gegenwart und Hilfe Gottes war, welche mich und das ganze Zimmer erfüllte. Von mir aus hätte ich diese Kraft nie gehabt.

In den kommenden Tagen betete ich ein Gebet, das ich früher auch nie für möglich gehalten hätte: „Bitte Gott, lass meinen Vater bald sterben. Nimm ihn zu dir. Setz dem Leiden ein Ende.“  4 Tage kämpfte mein Vater – er war Zeit seines Lebens ein grosser Kämpfertyp. Es kam uns aber auch so vor, dass er meiner mittleren Tochter ihr Geburtstagsfest noch gönnen möchte und wartete mit seinem Abschied. Denn als sie ihm am Sterbebett erzählte, sie hätte bald Geburtstag, machte er grosse Augen. Er war Zeit seines Lebens immer da für andere und rücksichtsvoll. Ich bin überzeugt davon, dass er meiner Tochter nicht den Geburtstag damit verderben wollte, dass er in Zukunft mit seinem Todestag verknüpft gewesen wäre. Zwei Tage nach dem Geburtstag meiner Tochter, am 7. Oktober 2015 starb mein Vater, 88jährig.

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Ich vermisse ihn sehr. Ich denke so oft an ihn und wünschte, er könnte dieses oder jenes miterleben.

Ich leide mit der Einsamkeit meiner Mutter mit. Niemand kann ihr den geliebten Mann ersetzen, mit dem sie 63 Jahre treu durch Hohes und Tiefes ging. 63 Jahre – man stelle sich das vor!

Ich bin traurig. Und ich kann erst jetzt – ein halbes Jahr nach seinem Tod darüber schreiben. Es kostet mich viel in diesem Moment.

Vor einem Jahr war mein Handgelenk noch gesund

Im August 2015 erlitt ich einen Velounfall. Zwei Tage nach der Beerdigung meines Vaters wurde mein Handgelenk operiert. Es folgten viele, viele Arztbesuche, Therapien, die Spitex unterstützte mich im Haushalt. Es war eine turbulente Zeit, welche mich ganzheitlich herausforderte.

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Heute kann ich wieder den Wäschekorb tragen, kochen, mich pflegen, Wäsche zusammenfalten, Hände zur Begrüssung schütteln, mit Messer und Gabel essen, das 10 Fingersystem am Compi einsetzen, fotografieren (vorher war die Kamera zu schwer, ich konnte sie nicht halten), den Tisch abputzen (ich war nicht imstande, die Hand auf eine ebene Fläche zu halten und gleichzeitig Druck auszuüben), aber in Ordnung ist dieser Arm noch nicht. 😦 Bei gewissen Bewegungen bin ich eingeschränkt, spüre eine Art „Sperre“, bei einer Drehung des Unterarms knackt es dauernd störend und Schmerzen treten hie und da auch noch auf. Seit dem August 15 habe ich mich nicht wieder auf ein Velo gewagt. Diese innerliche Blockade möchte ich in nächster Zeit bestimmt mal überwinden. Sollte das Knacken im Unterarm bis im Juni nicht aufhören, müsste es erneut im Spital abgeklärt werden.

Vor einem Jahr waren wir grad umgezogen

Nach 14 Jahren glücklichem Wohnen in einem 100 jährigen Haus, mussten wir jenes Zuhause Ende März 2015 verlassen, weil der Vermieter einen Neubau plante.

Wir fanden eine neue Wohnung im selben Ort, so dass wir unsere Beziehungen nicht aufgeben und unser Sohn die Schule nicht für sein letztes Schuljahr wechseln musste. Die Wohnung ist mit ihren weissen Wänden heller als die vorherige, welche rundum mit Holz ausgekleidet war. Doch mir hat dieses Holz in der alten Wohnung sehr gut gefallen. Ich fand es heimelig und es war diese Art Wohnung, nach der ich mich in der Kindheit immer sehnte. Deshalb konnte ich auch nicht einstimmen in die überschwänglichen Rufe aller Besucher des neuen Zuhauses. Ausnahmslos jeder Gast meinte: „Hier habt ihr es doch viel schöner als am alten Ort. Die Wohnung dort war so dunkel. Diese ist hell und geräumig. Ihr habt einen guten Tausch gemacht!“ Wir wollten aber gar nie tauschen. Wir haben uns in der alten Wohnung rundum wohl gefühlt. Uns selber kam sie nie zu dunkel vor, die grosse Terrasse mit uneingeschränkter Seesicht, die ruhige Lage, die lieb gewonnenen Nachbarn – es brauchte Zeit, sich von all dem innerlich zu lösen.

Ja, die neue Wohnung gefiel mir ebenfalls auf Anhieb. Sie IST heller, sie bietet weiterhin einen Ausblick auf See und Berge, ist ruhig, aber gleichzeitig zentraler gelegen als die vorherige. Doch es dauerte mindestens ein halbes Jahr, bis ich sagen konnte: ich fühle mich nicht nur wie in den Ferien hier – es ist ein Heimkommen, wenn ich zur Haustüre hineintrete. Glücklicherweise begann der ehemalige Vermieter nicht sofort mit dem Abbriss des alten Hauses, so dass ich Zeit fand, mich langsam zu verabschieden. Jedesmal, wenn ich mit dem Postauto am alten Ausstiegsort vorbeifuhr, wendete sich mein Kopf automatisch, um einen Blick auf das alte Zuhause zu erhaschen und das Herz füllte sich mit Wehmut. Heute klafft am Standort unterhalb der Ridlikapelle ein grosses Loch – die Bauarbeiten zum grossen, modernsten Minergiehauses haben begonnen. Der Anblick schmerzt mich nicht mehr – es ist aber immer noch ein seltsames Gefühl.

Heute geniesse ich es, auf dem Küchenbalkon zu sitzen und meine Nachbarn so nahe zu haben, dass ich mit ihnen vom Balkon aus plaudern kann. Wir haben eine gute, herzliche, aber nicht zu nahe Beziehung untereinander. Balkone rund um die Wohnung geben uns die Möglichkeit, entweder an der Sonne oder dem Schatten zu sitzen, entweder Berg- oder Seesicht zu geniessen. Wie im alten Zuhause, so haben wir auch hier wieder einen Gartensitzplatz und drei Gartenbeete. Und seit diesem Winter sind wir frohe Chéminéebesitzer.

Unserer Katze Minouch geht es am neuen Ort besser. Vorher getraute sie sich bloss, die Katzentreppe runter zu laufen, aber nicht hoch. Heute läuft sie problemlos rauf- und runter, geht zur Katzentüre rein- und raus, wie es ihr beliebt. Die Strasse am neuen Ort ist im Gegensatz zu früheren, fast autofrei. Sie hat sich prima befreundet mit den anderen vielen Katzen der Nachbarschaft.

Vor einem Jahr wohnte unsere älteste Tochter noch bei uns

Mit dem Umzug in die neue Wohnung, verabschiedete sich unsere älteste Tochter von uns. Sie zog mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung. Zum Glück im Nachbardorf und lustigerweise ins Nachbarhaus unseres ehemaligen Zuhauses, in dem sie ihre ersten paar Lebensjahre verbrachte, bevor wir aufgrund der Geburt unseres Nachzüglers in das 100jährige Holzhaus umzogen, in dem wir eben 14 Jahre lang wohnten. Sie ist von der Wohnsituation zurückgekehrt zu den Wurzeln ihrer früheren Kindheit. 😉

Wir pflegen weiterhin guten Kontakt, aber es ist nicht mehr dasselbe, wie wenn sie zuhause wohnen würde. Sie lebt nun ein eigenständiges Leben, als junge, erwachsene Frau und ich bin als Mutter herausgefordert, sie wieder ein Stück mehr loszulassen.

Vieles hat sich zwischen dem April 15 bis April 16 verändert, das Thema „Abschied“ zog sich durch alles hindurch: Abschied von meinem geliebten Vater, der uneingeschränkten Gesundheit des Handgelenks, des Zuhauses, der Tochter, welche auszog – doch es ist gut so, wie es ist. Meine Familie und ich sind glücklich – samt Katze. Es gibt Neuanfänge – neue Kontakte in der Nachbarschaft zum Beispiel. Nur traurig und schade, dass mein Vater uns nicht besuchen kommen kann in der neuen Wohnung. Doch ich bin sicher, er schaut sie sich vom „Himmel“ aus an, geniesst aber dort sein eigenes, noch besseres und schöneres Zuhause und freut sich auf ein Wiedersehen mit seinen Lieben.