Fake News, die wir glauben: Ein guter Christ ist nicht zornig, besorgt oder deprimiert.

Was sind Fake News

Wenn man vom schwierigen Verhältnis des aktuellen US Präsidenten zu den Medien etwas hört, dann wird immer wieder das Schlagwort Fake News verwendet. Dies meint ganz einfach: Lügengeschichten. Lügen-Neuigkeiten.

Die meisten von uns besuchen keine Krisengebiete um uns vor Ort einen Eindruck der Lage zu verschaffen und mit CEOs von grossen Unternehmen und Wissenschaftlern verbringen wir auch eher selten Zeit. Trotzdem brauchen wir Informationen über die Politik, laufende Konflikte, die Wirtschaft und die Wissenschaft. Daraus ziehen wir nämlich unser Bild über die Welt, über die aktuellen Probleme, merken, wie unsere Meinung dazu aussehen mag und die möglichen Lösungen dafür – und darum wollen wir verlässliche News und keine Fake-News. Wir erwarten dies gerade von Zeitungen, TV, Ansprachen von Politikern.

Religiöse Lügen

Auch im christl. Glauben gibt es Lügen. Fake News, die nicht immer sofort als solche erkannt werden. Sie tarnen sich heilig, biblisch, klingen gut und kleiden sich in einem christlichen Kleid.

Eine solche christlich getarnte Lüge lautet: Ein guter Christ ist nicht zornig, besorgt oder deprimiert. Denn Gott schaut ja für ihn und sollte ein Christ solche Gefühle verspüren, hat er mangelnden Glauben oder es fehlt ihm an einem geheiligten Charakter.

Stell dir vor: Du bist im Begriff, die Strasse auf dem Fussgängerstreifen zu überqueren, es kommt grad kein Auto. Du setzt den ersten Fuss auf die Strasse, da rast ein Auto auf dich zu, du kannst dich grad noch mit einem Sprung zurück aufs Trottoir retten. Dein Puls geht hoch, der Atem stossweise, die Muskeln haben sich extrem schnell angespannt, um sich retten zu können, denn der Körper hat einen Extraschuss Adrenalin bekommen. Du wirst zornig auf einen solch rücksichtslosen oder unaufmerksamen Autofahrer. Würdest du nun sagen: ich hätte als guter Christ ruhiger bleiben müssen, denn im Vertrauen auf Gott sollte ich immer ruhig und gelassen bleiben? Ich bezweifle das. Du hast eine ganz natürliche Reaktion gezeigt. Der Situation angemessen.

Viele Menschen, egal ob Christ oder nicht, unterscheiden zwischen guten und negativen Emotionen. Positive Gefühle seien Freude, Hoffnung, Glaube, Vertrauen und die sind christlich. Zorn, Sorge, Trauer seien nicht «christlich», so meinen viele. Ich sage: das sind FAKE NEWS.

Wenn es wahr wäre, dass wir nicht fühlen dürften, was wir fühlen, müssten wir diese sogenannten «negativen Gefühle» verdrängen, runterschlucken, verleugnen, oder versuchen, sie Gott abzugeben, damit wir sie nicht mehr empfinden würden. Aber empfundene Gefühle bleiben stets im Unterbewussten. Sie sind bereit, jederzeit wieder hervor zu brechen und zwar dann, wenn wir zu müde, erschöpft oder krank sind. Es kann dann vorkommen, dass wir in einer relativ harmlosen Situation urplötzlich völlig unangemessen «explodieren» oder es kann sein, dass unterdrückte Trauer oder Besorgnis zu einer Depression führt. Letzteres ist mir übrigens passiert. Ich litt lange Jahre an einer Depression, unter anderem deswegen, weil ich Traurigkeit nicht zuliess.

Gott hat uns eine ganze Bandbreite von Emotionen geschenkt. Er hat sich als Schöpfer etwas dabei gedacht, als er uns mit der Fähigkeit ausstattete zornig zu sein, sorgenvoll oder sehr traurig.

Wenn unsere schmerzhaften und unangenehmen Emotionen ein Zeichen von falschem Glauben oder schwacher, mangelhafter Nachfolge wären, wie sollten wir denn die starken Gefühle von Jesus erklären, die er manchmal zeigte? Er weinte, als Lazarus starb. Im Garten von Gethsemane sagte er zu seinen Jüngern: «Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.» Matth. 26.38. Er schrie und stiess Tische um, als er die Händler und Wechsler aus dem Tempel vertrieb. Das sind ziemlich starke Gefühlsäusserungen, oder seht ihr das anders?

Viele Christen sagen: aber das waren heilige Gefühle, das kann man nicht mit uns Menschen vergleichen, weil Jesus zwar fühlte wie wir, aber sündlos war. Ja, als Jesus zornig reagierte, tat er das, weil er sich darüber aufregte, dass im Tempel Dinge geschahen, die nicht mit der Idee Gottes übereinstimmten. Aber die Tatsache, dass er Zorn empfinden konnte zeigt, dass es nicht so unheilig sein kann, so zu empfinden.

Ich mag es zwar nicht, wenn ich spüre, dass mich etwas aufregt, oder dass sich mein Gegenüber über mich aufregt, weil wir doch alle Harmonie anstreben. Dabei zeigt meine Wut, die ich empfinde, einfach nur an, dass da jemand eine Grenze bei mir überschritten hat. Dass er etwas getan oder gesagt hat, dass ich als grenzüberschreitend empfunden habe. Es ist sehr wichtig, das wahr zu nehmen und zu äussern. Denn wer seine Aggressionen verleugnet und verdrängt, schadet sich und seinen Mitmenschen. Die Gefahr besteht, dass diese sich zu einem Hass weiterentwickelt. Denn Hass ist eine Steigerung von Zorn/Ärger. Es ist akzeptabel Dinge zu hassen, die Gott hasst; das ist tatsächlich ein guter Beweis für die richtige Einstellung zu Gott. „Die ihr den Herrn liebet, hasset das Arge!“ (Psalm 97,10a). Allerdings ist der Hass, der gegen andere gerichtet wird, sicherlich negativ. Der Herr erwähnt Hass in der Bergpredigt: Hass ist so abscheulich für Gott, dass man sagt, dass ein Mensch, der hasst in Dunkelheit geht, im Gegensatz zum Licht (1.Johannes 2,9 & 11).
Hass ist eine Position, die von innen zerstört, sie produziert Bitterkeit, die sich in unsere Herzen und in den Verstand frisst. Daher sagt uns die Heilige Schrift, “keine bittere Wurzel” in unserem Herz aufwachsen zu lassen (Hebräer 12,15).

Soweit zum Thema Wut/Zorn, Hass. Aber es geht mir allgemein um alle unsere Gefühle. Bitte versteht mich richtig. Ich sage nicht, dass ihr nun dauernd im «Fühlsch-mi-gschpürsch-mi-Modus» leben sollen. Dies meint, sich stets nur auf sich selber zu besinnen, mit sich selber zu beschäftigen, jedes noch so kleinste Gefühl hypersensibel zu analysieren. Nein! Aber ich sage: Es ist gut, wenn man starke Gefühle der Sorge, Traurigkeit, Wut oder ähnlicher Gefühle, über folgende Punkte nachzudenken und mit Gott und seinen Mitmenschen in einen Dialog über diese Fragen zu kommen:

Warum fühle ich jetzt so?

Was genau stimmt mich traurig, hoffnungslos, zornig?

Welche Werte, die mir wichtig sind, wurden missachtet?

Wurden meine Rechte in Frage gestellt?

Wie stark ist diese Empfindung? Achtung: es gibt natürlich die Problematik, dass starke Gefühle, welche sehr schmerzhaft und andauernd vorkommen, krankhaft sind und einer Behandlung bedürfen. Wenn ich mich ständig deprimiert oder sorgenvoll fühle, KANN das auf einen Mangel an Vertrauen in Gott hindeuten. Sei ehrlich vor Gott.

Seit wann fühle ich so?

 

Sollte ich die meine Gefühle als Anstoss nehmen, etwas zu verändern? Gerade Wut kann einen Kraftschub geben. Stellt euch vor, niemand wäre wütend gewesen, dass es die Sklaverei oder die Apartheid gibt. Ungerechtigkeit zu erleben oder zu beobachten, kann wirklich ZU RECHT wütend machen.

Oder bin ich wütend, weil ich in meinem Stolz verletzt bin? Das wäre was anderes und Ehrlichkeit gegenüber von mir könnte heilsame Veränderung bewirken

Frage dich: warum bin ich besorgt? Befindet sich ein Mitmensch oder ich selber, in Gefahr, eine Dummheit zu machen? Dann sollte ich Vorkehrungen treffen. Oder sorge ich mich, weil mir Vertrauen in Gottes Möglichkeiten fehlt?

Bin ich deprimiert, weil mir vieles misslingt und ich mich als ständiges Opfer fühle? Die Einsicht darüber, könnte der erste Schritt zu einem Weg aus dieser Depression sein. Oder fühle ich mich traurig, weil ich einen tiefen Verlust erlitten habe? Dann sollte ich geduldiger mit mir sein.

Es kann bei allen genannten Gefühle sein, dass ich überempfindlich, egoistisch, zu perfektionistisch bin.

Die Frage ist natürlich, wie ich meine Gefühle angemessen ausdrücke, so dass dies sowohl mir wie meinen Mitmenschen auf irgendeine Art weiterhilft.

Nicht hilfreich sind -und ich spreche jetzt insbesondere von Wut: schreien, Schuldzuweisungen, den anderen verletzen ob mit Worten oder gar Taten, Altes hervorholen und die «Immer-tust-du-das-Form».

Hilfreich ist, wenn man ruhig an ein solches Gespräch geht, vorher betet, in der «Ich-Form» spricht und auch Toleranz, Empathie, Grosszügigkeit walten lässt – und Vergebung. Auf das Thema Vergebung/Versöhnung werde ich in einem extra Teil meiner Trilogie eingehen.

Zusammenfassung:

Verdammen wir uns selber und andere nicht, wenn wir wütend werden, unsere Sorge oder deprimierte Gefühle ausdrücken. Meiden wir Apelle wie: «Aber als Christ solltest du nicht so empfinden….» Denn diese Gefühle haben seinen Sinn. Gefühle, welche du negativ nennst, können ein Geschenk Gottes sein in Form eines Stopp-Schildes oder roten Ampel. Sie könnten den Motor sein, der dich antreibt, etwas zu verändern. Wenn ich aber nicht fühlen darf, was ich fühle, weil es sich als guter Christ nicht gehört, bin ich in Gefahr, dieses Stopp-Schild von Gott oder eine Aufforderung zu einer Handlung gar nicht wahr zu nehmen.

Es ist gut und hilfreich, auf die Gefühle zu hören und zwar nicht erst dann, wenn sich aus einem kleinen Ärger ein Riesenzorn oder gar Hass entwickeln konnte oder aus einer Besorgnis oder Traurigkeit eine Depression..

Machen wir uns nicht lustig darüber, wenn jemand von uns Ärger ausdrückt. Nehmen wir das Gefühl des Gegenübers wahr, ernst und fassen wir es nicht per se als persönlichen Angriff auf. Es hat einen Grund, warum mein Gegenüber so empfindet, wie er oder sie es das grad ausdrückt. Versuchen wir, wenn die Wogen sich etwas gelegt haben, dem Ursprung auf den Grund zu gehen…. Dies kann eine Chance für unsere Beziehung sein.

Dass ein guter Christ keine Gefühle wie Zorn, Sorge, Trauer spüren und ausdrücken dürfte, ist eine Lüge. Wenn wir der Lüge aber glauben, kann uns das krank machen. Die Wahrheit hingegen macht frei (Johannes 8,32 Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen)


Dies war meine erste Predigt, die ich in der Vineyard Luzern hielt (am 10. Nov. 19). Kein Fake 😉