FAKE News, die wir glauben: Ich muss mit allen Menschen versöhnt leben

Unterschied Vergebung – Versöhnung


Definitionen von Vergebung

Rachel Scott sass 1999 mit einem Freund auf dem Rasen des Schulgeländes in Columbine, USA, als zwei jugendlichen Täter auf sie schossen. Als sie noch nicht sofort tot war, fragte einer von ihnen: «Glaubst du noch an Gott?» Ohne zu zögern bejahte sie; der nächste Schuss brachte ihr den Tod. Die Mutter von Rachel konnte dem Mörder vergeben. Das war überhaupt nicht einfach, doch weiss sie, dass die Vergebung letztlich ihr selbst zugutekommt. «Wenn ich vergebe, sage ich damit: ‚Das, was du mir angetan hast, ist nicht normal, aber ich entscheide mich dafür, dir zu vergeben, weil ich nicht den Rest meines Lebens von dem Schmerz dominiert werden möchte. Er wird mich nicht kontrollieren, weil ich nicht zulassen werde, dass mich dies für den Rest meines Lebens definiert!’»

Ich weiss nicht, ob ihr auch schon mal einem Mörder vergeben musstest. Aber in unseren Leben werden wir oft innerlich verletzt und erleben mehr oder weniger dramatisch Schlimmes. Ein Mensch wie diese Mutter, der vergibt, verzichtet auf den Schuldvorwurf, auf jegliches Nachtragen des erlittenen Unrechts. Dies meint Vergebung. Dieser Mensch spricht das vor Gott aus.

Die Bibel sagt: Roemer 1218Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. 19Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR.“…

Gott möchte, dass wir dem Frieden gegen jedermann nachjagen, so wie es Hebräer 12,14 sagt und dass wir schnell bereit sind zu vergeben. Es liegt ihm viel an bereinigten Beziehungen, denn er sagt: Johannes 13, 34 und 35: Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: Liebt einander! So wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr euch auch untereinander lieben. 35 An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid.«

Aber wie können wir denn das leben, wozu uns die Bibel aufruft.

Zuerst ist es wichtig zu sehen, dass auch wenn die Wörter Vergebung und Versöhnung häufig synonym gebraucht werden, sich doch ein feiner Unterschied hinter ihnen verbirgt.

Es gibt auch zum Thema Vergebung Fakes und Fakten.

Ver-geben: Vergeben hat etwas mit “geben” zu tun, also mit “Gabe”. Man kann das Wort auch in völlig anderem Kontext nutzen, etwa “Ein Stipendium vergeben”. Es geht also darum, dass jemand etwas erhält. In diesem Fall erhält jemand, der irgendetwas falsch gemacht hat, den Erlass seiner Schuld.

Fakes zum Thema Vergebung: 

– du kannst als Täter, Vergebung nicht einfordern, nur darum bitten. Die Gefahr besteht, wenn du Vergebung befiehlst, im Stil von: weil du Christ bist, musst du mir ja vergeben –  dass der andere sagt: jaja, ich vergebe dir, aber die Vergebung ist nicht wirklich so gemeint und dass das Opfer die Verletzung irgendwann wieder auf den Tisch bringt.
– Du kannst vergeben, auch wenn der Täter keine Reue zeigt.
– Vergeben bedeutet nicht vergessen. Es kann sein, dass Gott hilft zu vergessen und verletzte Gefühle heilt, aber es kann auch sein, dass ich mich, trotzdem ich vergeben habe, ein Leben lang schmerzhaft an erlittenes Unrecht erinnere. Und trotzdem darf ich daran festhalten, dass ich vergeben habe.
– Wenn ich vergebe, heisst das nicht, dass ich gut heisse, was der Täter mir angetan hat.
– Vergebung ist nicht gleich Versöhnung

Definition von Versöhnung 

Was ist denn der Unterschied? Versöhnung bedeutet zusätzlich zur Vergebung, dass beide Seiten die Beziehung fortsetzen wollen.  Zum Versöhnen gehören alle Beteiligten. Es ist ein Prozess, der voraussetzt, dass Schuld eingestanden wird.

Wenn die Bibel von Versöhnung spricht, meint sie in 1. Linie die Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Durch Jesus hat Gott Versöhnung möglich gemacht. Jesus hat die Schuld von dir und mir getragen, so dass eine versöhnte Beziehung zu Gott möglich ist. Aber die Bibel spricht auch davon, wie wichtig Gott versöhnte zwischenmenschliche Beziehungen ist.

Eine ganz schöne Versöhnungsgeschichte erzählt uns die Bibel im 1. Mose 33. In seiner Jugend war Jakob so eifersüchtig auf Esau, den Erstgeborenen und Liebling des Vaters, dass er ihm hinterlistig das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen stahl. Aus Angst vor Esaus Zorn floh Jakob. Als sich viele Jahre später eine Begegnung mit Esau anbahnte, geriet Jakob in Panik vor lauter Angst, der Bruder könnte ihn und seine Familie umbringen. Jakob überlegte, ob er seinen Bruder vielleicht mit einem Geschenk besänftigen könnte.

… Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.

Auch die Josefsgeschichte erzählt eine schöne Versöhnung zwischen den Brüdern.

Zur Versöhnung bedurfte es auch zu biblischer Zeit schon der Bereitschaft auf beiden Seiten.

„Versöhnung fordert, dass die Parteien ihr Vertrauen zueinander erneuern.“ Bei Vergewaltigung oder physischer bzw. emotionaler Gewalt, kann das Opfer sich zur Vergebung entschließen. „Wenn der Täter keinerlei Reue zeigt und sich nicht ändert, ist Versöhnung sehr schwierig, wenn nicht sogar ausgeschlossen.“

Dieser Vorgang kann mit einem Brückenbau verglichen werden. Vergebung ist die eine Brückenhälfte und Reue die andere. Manchmal glauben wir, die Sache abkürzen zu können. Vergeben und abhaken, bevor die Sache überhaupt richtig benannt ist. Ich denke, dass ist vor allem unter uns Christen eine häufig begangene Schwierigkeit. Ich rede jetzt nicht von Kleinigkeiten, sondern dann, wenn etwas Schwerwiegendes vorgefallen ist oder Verletzungen sich öfters wiederholen.

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Denn ein Mensch braucht Zeit, um sich mit einer Kränkung auseinander zu setzen, sie zu verarbeiten und sie richtig einzuordnen, gefühlsmässig und gedanklich. Um sich versöhnen zu können, muss jeder der Beteiligten bei sich selber einen Verarbeitungsprozess durchmachen. Dies ist auch deshalb wichtig, weil sich sonst ähnliche Situationen immer wiederholen, ohne dass sie wirklich gelöst werden.

Problemfelder zum Thema Versöhnung – mit Andy zusammen vorspielen – 

Es gibt Menschen, mit denen man sich – selbst als «ernsthaften» Christ nicht versöhnen kann. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und anwesenden Personen ist zufällig! 😉

  1. Mit Menschen, die nur oberflächlich und zu schnell vergeben. Sie nehmen bei nächster Gelegenheit alles Alte wieder raus. Die Beziehung ist dann nicht wirklich versöhnt. Glücklicherweise bin ich ein sehr versöhnlicher Mensch! Sonst wäre diese Beziehung schon längst gescheitert. Dabei übersehen sie, dass sie dauernd den Kürzeren ziehen, dass ihr Selbstwertgefühl ständig abgewertet wird. Ihren Ärger nehmen sie selber nicht ernst und übersehen und überspielen die Verletzung, den Schmerz, die Wut, die Scham und Neid. Man muss den Partner nicht ansprechen, nicht an der Beziehung arbeiten, sondern es ist bequemer zu sagen: «Ich vergebe dir.» Die Angst besteht darin: Wenn ich nicht ständig gute Miene zum bösen Spiel mache, dann liebt mich mein Gegenüber eventuell nicht mehr. Es gibt Menschen, die meinen dabei sogar, sie seien dabei besonders gute Christen und Gott verlange von ihnen ein solches «Martyrium». Sie sehen nicht, dass es Gottes Wunsch wäre, Beziehungen auf gleicher Augenhöhe zu pflegen.
  2. Mit Menschen, die Vergebung nicht annehmen können. Sie unterstellen mir, dass ich nicht vergeben hätte, weil ihre Schuld zu gross sei. Sie leiden sosehr unter dem, was sie falsch gemacht haben und bereuen es zutiefst, so dass sie sich selber nicht vergeben können, die Schuldgefühle nicht loslassen können. Solche Menschen können nicht daran glauben, dass andere Menschen ihnen verzeihen und dass auch Gott vergeben hat. Wer Gottes Vergebung nicht annehmen kann, unterstellt Ihm, dass er ein böser, nachtragender Gott ist. Und einer, der die Vergebung eines anderen Menschen nicht annehmen kann, unterstellt diesem Menschen genau dasselbe: dass er ein böser, nachtragender Mensch sei. Ein solcher Mensch blockiert sich und andere mit dem Problem, dem Konflikt. Eine versöhnte Beziehung ist so unmöglich. Sobald der andere Mensch sich in einer neuen Situation über ihn aufregt, bricht es heraus aus dem Menschen: «Ich habe ja immer gewusst, dass du mir nicht vergeben hast.» Was sie dabei vergessen: sie bleiben dem Gegenüber dabei immer etwas schuldig: nämlich das mitmenschliche Wohlwollen, das Vertrauen (ich vertraue dir, dass du es gut mit mir meinst und vergeben hast)
  3. Mit Menschen, die ihren eigenen Anteil nicht sehen wollen. Täter, die keine Reue zeigen. Mit Menschen, die ein Zugeben eines Fehlers als Verlieren sehen und stets Gewinnen wollen. Sie wollen so perfekt sein, dass dies in ihrer Welt nicht vorkommen darf. So suchen sie die Fehler beim anderen und erwarten, dass der andere um Vergebung bittet.
  4. Mit Menschen, die sich nicht auf einen Versöhnungsprozess einlassen wollen. (Keine Zeit, Nerven, zu unwichtig, zu bequem) Sie ziehen sich lieber zurück, wechseln die Kirche – gehen dem Konflikt aus dem Weg.

Das Gefühl, man sei ein schlechter Christ, weil man mit jemandem unversöhnt lebt, ist FAKE NEWS, eine Lüge. Es ist nicht in allen Fällen möglich, es liegt nicht immer in meiner Macht.

Ich ermutige uns: gehen wir Versöhnungsprozessen nicht aus dem Weg. Das bedeutet:

– Sei selber ein Mensch, der von Herzen vergibt und nicht bloss oberflächlich. Sprich deutlich aus: «Ich vergebe dir.» Und dann: nimm Altes, das du vergeben hast, nicht wieder hervor.

– Sei ein Mensch, der Vergebung annimmt – zuerst von Gott.

Und dann nimm Vergebung auch von Menschen an. Vertraue, dass Menschen fähig sind, dir zu vergeben.

– Sei ein Mensch, der bereit ist, deinen eigenen Anteil zu sehen. Das Zugeben eines Fehlers bedeutet nicht, dass ich verloren habe, sondern es ist ein Zeichen von Stärke. Lerne es auszusprechen: «Ich bitte dich um Vergebung.»

Eine passende Bibelstelle für die obigen Menschentypen ist: 1. Johannes 1,8 Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. 9 Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. 10 Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

Manchmal nützt es nichts, auch wenn ich selber ein Mensch bin, dem Versöhnung am Herzen liegt.

Was mache ich mit der Situation, wenn ich zwar Versöhnung wünschte, dies aber aus den gezeigten Gründen nicht möglich ist?

Dann bleibt aber immer noch das innerliche Sich-Aussöhnen mit der Situation: Wir akzeptieren, dass wir uns nicht versöhnen könne, wir lassen aber unseren Groll los, vergeben dem Menschen. Manchmal ist es nötig, sich von einer Beziehung zu verabschieden, den Menschen los zu lassen. Und dazu gehört dann auch das Zulassen von Trauergefühlen. Beispiel NW Blitz. Da waren Missverständnisse, Schuldvorwürfe seitens an mich. Keine Gesprächsbereitschaft.

Gott sieht deine Bemühungen und spricht dir zu: «Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Frieden geben» (Matthäus Kapitel 11, Vers 28).

Verurteile nicht, wenn Versöhnung nicht möglich ist.

Zusammenfassung

Vergebung geschieht von meiner Seite aus und dafür ist keine Reue des Gegenübers Voraussetzung. Versöhnung hingegen führt einen Schritt weiter. Es ist ein Prozess, der mehr oder weniger Zeit benötigt, damit die Beziehung wieder auf Augenhöhe, vertrauensvoll, ohne gegenseitige Schulzuweisungen und respektvoll funktionieren wird. Vergeben kann ich alleine – zusammen mit Gott – zur Versöhnung sind alle am Konflikt Beteiligten nötig. Reue gehört zu diesem Prozess.

Es ist ein Fake, wir bringen uns selber und andere damit unter einen Druck, wenn wir meinen, ein guter Christ müsse zwangsläufig mit allen Mitmenschen versöhnt leben. Es ist aus den genannten Gründen nicht immer möglich. Seien wir barmherzig zueinander.

Ich schliesse mit meinen Lesetipps:– dieses Mal habe ich mich vom Buch von Verena Kast «Wenn wir uns versöhnen» inspirieren lassen. Es gehört nicht zur Katgegorie «christliche oder theologische Literatur», gab mir aber bereits vor Jahren wertvolle Impulse. ….


Diese Predigt hielt ich am 24. November 19 in der Vineyard Luzern.