Die alte Dame und der verlorene Fünfliber – eine Kindergeschichte

Eine Bettmümpfeligeschichte

Oh nein! Schon wieder begegnet Marion auf dem Kindergartenweg dieser seltsamen alten Frau. Sie ist schwarz angezogen, läuft gebückt an einem Stock und murmelt dauernd leise was vor sich hin. Gerade schimpft sie mit Kindern und fuchtelt mit ihrem Stock! Marion fürchtet sich vor ihr. Sie duckt sich in einen Hauseingang, bis die Frau humpelnd und murmelnd vorübergezogen ist.
»Mami, kennst du die alte schwarzgekleidete Frau? Ist das eine Hexe?«, will Marion am Mittagstisch wissen. »Aber nein«, antwortet die Mutter. »Diese Frau war früher Besitzerin eines Schmuckgeschäftes und ist eine sehr feine Dame. Ihr Mann ist kürzlich verstorben und nun fühlt sie sich wahrscheinlich einsam und spricht deswegen mit sich selber. Angst vor ihr brauchst du bestimmt nicht zu haben – eher ein bisschen Mitleid.« Am nächsten Morgen schneit es auf dem Weg zum Kindergarten ganz fest. Marion möchte so gerne eine der grossen, weissen Schneeflocken mit den Händen auffangen. Aber das geht nicht, denn in ihrer rechten Hand, welche in dicken Handschuhen steckt, hält sie ein Fünfliberstück fest umklammert. Das Geld muss sie im Kindergarten abgeben für die bevorstehende Kindergartenreise. Sie wollen zusammen eine Schlittenfahrt unternehmen. Das Geld hätte sie eigentlich in das Kindergartentäschchen packen sollen. Doch das war nicht zu finden, also trägt sie das Geld einfach so in ihrer Hand. Nun streckt sie die Zunge heraus und versucht so, eine Schneeflocke in den Mund zu bekommen.

Das Geld ist weg!
Aber was ist denn das? Noch ehe Marion versteht, was geschieht, liegt sie kopfvoran im tiefen Schnee neben dem Weg. Pascal und Severin, zwei Buben aus ihrer Kindergartenklasse, haben sie von hinten derart heftig geschubst, dass sie in den Schnee gefallen ist! Die Jungen johlen und werfen ein paar Schneebälle in ihre Richtung. Dann verziehen sie sich schleunigst. Denn von Weitem sehen sie die schrullige alte Frau! Marion steht langsam auf. Ihr Gesicht ist nass und fühlt sich sehr kalt an. Sie wischt sich mit den Händen den Schnee von der Kleidung und schluchzt leise. Aber wo ist denn der Fünfliber geblieben? Durch den Sturz hat sie ihn verloren und nun kann sie ihn nicht sehen im tiefen Schnee. »Hast du was verloren, Kind?«, hört sie plötzlich die alte Frau sagen. Ihre Stimme tönt angenehm beruhigend. Marion schaut auf und blickt ins Gesicht der Frau, von der sie sich doch fürchtet. »J– ja-a«, stammelt sie. »Mein Geld für die Kindergartenreise.« Die alte Frau stellt ihre Handtasche auf den Boden und stochert nun mit ihrem Stock im Schnee herum. »Hm – hast du es wirklich hier verloren? Es scheint aber nicht da zu sein?«, murmelt sie fragend. Marion schiessen erneut die Tränen in die Augen. Wenn sie die fünf Franken nicht im Kindergarten abgibt, kann sie nicht mitgehen zur Schlittenfahrt! Und was soll sie zuhause erzählen? Dass sie das Geld nicht in das Kindergartentäschchen gesteckt hat? Wie ein Häufchen Elend hockt sie sich nun in den Schnee. Zu allem Kummer wird sie nun auch noch zu spät in den Kindergarten kommen!

Unerwartete Hilfe
»Na, na«, brummt die alte Dame. »So schlimm ist kein Problem, dass man derart fest weinen und verzweifeln muss.« »Komm, ich gebe dir einen Fünfliber von mir. Wenn du mich das nächste Mal siehst, gibst du ihn mir einfach zurück. Einverstanden?« Was bleibt Marion anderes übrig, als zu nicken? Sie wird im Kindergarten das Geld abgeben können, aber zu Hause alles ihrer Mami erzählen müssen. Ihr bangt jetzt schon vor dem Donnerwetter. Seufzend steht Marion auf. Die alte Frau will ihr Portemonnaie aus der Tasche zücken und hebt sie deshalb vom Boden hoch. Doch was glänzt da an der Sonne, welche nun hinter den Wolken hervorblinzelt im von der Tasche plattgedrückten Schnee? Richtig! Der Fünfliber! Die Frau hatte, ohne es zu merken, ihre Tasche auf das Geldstück gestellt. Erleichtert lachen sie nun beide. Die alte Frau, die nicht mehr so „gfürchig“ wirkt, hilft Marion den Fünfliber in die Jackentasche zu versorgen. »So kannst du ihn nicht mehr verlieren, und wenn du schnell rennst, so bist du auch noch pünktlich!« Wie der Blitz rennt Marion in den Kindergarten. Froh gibt sie das Geld bei ihrer Kindergärtnerin ab.

Regula Aeppli-Fankhauser


Diese Geschichte von mir erschien in der Anthologie „An der Sonne“, Vidal Verlag  und im Nidwaldner Blitz vom 1. März 2018/Kinderbeilage

Bildschirmfoto 2018-02-28 um 16.44.30.png

Advertisements

R. Hood ;-)

Ich spüre, wie mich belustigte, neugierige, aber auch erboste Blicke treffen, als mein Sohnemann und ich aus der Gondelkabine der Emmetten-Stockhüttebahn treten. Wir wollen heute nicht mit Blicken treffen, sondern mit Pfeil und Bogen – dies auf dem Bogenpark Nidwalden.

Mein 14-jähriger Sohn ist Mitglied der Bogenschützen Nidwalden. An einem 3 D Parcour, erkämpfte er sich 2013 den Schweizermeistertitel in der Schülerkategorie. Das Campus-Surseemagazin hat ihn damals interviewt. Heute darf ich mich in Begleitung dieses Profis also das zweite Mal überhaupt auf einen Bogenparcour begeben, denn ich erhielt von unserem Sohn einen Gutschein geschenkt.

Gutschein von Tobias Aeppli, Bogenschiessen

Der Bogenpark Nidwalden besteht aus 34 Plastiktieren, welche verstreut im Wald aufgestellt sind. Es gilt also, bergauf- und bergab zu wandern, über Stock und Stein. Bei diesem Sport übt man die Beobachtungsgabe (wo sieht mein Sohn den nächsten Posten – also ich sehe nichts?), die Ausdauer (was – wir haben noch nicht mal die Hälfte absolviert?), die Konzentration und mentale Stärke (och, der hat mit dem 1. Pfeil getroffen und meine zwei ersten Pfeile liegen im Dickicht), die Muskeln des gesamten Körpers (Bein-, Arm-, Schultermuskulatur), die Atmungstechnik (atmen während es Aufziehens nicht vergessen) und wenn man gemeinsam unterwegs ist, ist das Gemeinschaftserlebnis wohltuend und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich kann diesen Parcour auch für einen Teambildungsanlass wärmstens empfehlen.

Obwohl wir in drei Stunden nur etwas mehr als die Hälfte aller Posten schaffen, bin ich zufrieden mit mir. In dieser Zeit absolviert ein durchschnittlicher Bogenschütze den gesamten Parcour, aber ich bin ja Anfängerin und benötige mehr Zeit und mehr Pfeile bei jedem einzelnen Posten. 3 Pfeile pro 3 D Tier dürfen geschossen werden, wenn man mit dem 1. Pfeil trifft, gibt es mehr Punkte, als bei einem Treffer mit einem der nächsten Pfeile. Meine Schulter schmerzt ausgerechnet seit dem Vortag. Ich habe mir irgendso eine Verspannung zugezogen. Der ausgeliehene Bogen war nicht ideal für mich – ich vermochte die Sehne nicht ganz nach hinten zu ziehen. Mit dem Bogen meines Sohnes kam ich besser zurecht, aber auch dieser war nicht wirklich auf mich „zugeschnitten“. Auch wegen meinem Schulterhandicap und der nicht „personifizierten“ Ausrüstung bin ich stolz auf mich, doch einige Male ganz gut getroffen zu haben. Es hat mehr Spass gemacht, als ich mir im Vorfeld ausgemalt habe und ich verstehe nun die Faszination und Begeisterung meines Sohnes und anderer Schützen für diesen Sport besser.

11754352_10204835340504585_7819316598447584381_o (2) 11807405_10204835340344581_822121458240998977_o (1) 11782368_10204835340944596_1268053659610211047_o (1) 11224557_10204835340304580_3373419432587952120_o (2) 11807580_10204835341264604_6110792950631409603_o (1) 11705756_10204835341304605_5162660734091345049_o (1) 11822938_10204835341704615_5789703210963613410_o (1) 10562742_10204835341944621_7361342757437051278_o (1) 11792045_10204835341984622_4242358011172851952_o (1) 11816154_10204835342464634_4854096487220481416_o (1)

In der Gondelfahrt retour konfrontieren uns zwei Mitfahrer mit einem Vorurteil, dem sich die Schützen oft gegenüber sehen. Nachdem ich ihnen erzählte, dass ich einen Pfeil verloren habe, heisst es zynisch: „Haha, der steckt bestimmt im Bauch eines Wanderers! Wenn der Verein diesen Parcour professionell aufstellen würde, dann hätten sie die Wege rundum mit Netzen gesichert und abgesperrt!“ Ich vermute, dass dieser Herr den Bogenpark noch nie wirklich abgelaufen ist, denn was er verlangt, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die 3 D Tiere stehen auf einer derart grossen Fläche verteilt, dass eine Rundumabsperrung eine Illusion ist. Aber wie es auf der Homepage des Bogenparks steht, so habe auch ich es erlebt:

„Das Sicherheitskonzept des Bogenparks Nidwalden wurde von der FAAS Field Archery Association abgenommen und für sicher befunden.
Sämtliche Wanderwege/Strassen/öffentlich zugängliche Wege werden nie durch die Flugbahn eines Pfeils tangiert.“

Es ist gut gekennzeichnet, dass hier ein Bogenparkweg beginnt, dass es sich nicht um einen öffentlichen Wanderweg handelt.

Der Vorwurf, man schiesse auf Tiere und selbst wenn diese nur aus Plastik seien, bestünde die Gefahr, dass ein Bogenschütze auf den Geschmack käme, auch auf lebende Tiere zu schiessen, weise ich zurück. Ich kenne viele Bogenschützen persönlich und könnte mir bei keinem vorstellen, dass er irgendeinem Tier etwas zuleide tun könnte. Unser Sohn liebt Tiere, knuddelt unsere Katze und sieht kein Tier gern leiden.

Die Betreiber des Bogenpark Nidwalden schreiben:

„Wir möchten uns auch von jeglichen Aussagen wie “ Was machen Die denn jetzt hier im Wald….ballern die auf Tiere? “ distanzieren.
Denn das Bogenschiessen ist eine sehr alte Tradition und setzt Verantwortungsbewusstsein und Naturschutz in den Vordergrund.
Der Bogenpark Nidwalden will auch in Zukunft mit der NATUR zusammen arbeiten und unterstützt deshalb
folgende Institutionen:
WWF (Eisbär-Adoption)
Sea Sheperd (Spende)
Pro Natura (Spende für die Pärke, eine Chance für Mensch und Natur)
Tierheim Paradiesli in Ennetmoos (Spende)“

Ich war sicher nicht das letzte Mal auf diesem Bogenpark und wünsche mir selber und allen anderen Bogenschützen

„Gut Schuss und alle ins Kill!“