Eines Tages sterben wir – aber an allen anderen Tagen nicht.

Kurz vor Weihnachten erhielt mein Mann die Diagnose CLL. Altersleukämie. Nach dem ersten Schock erholten wir uns, denn wenn man googelt, ist der 1. Treffer Köbi Kuhn, welcher Entwarnung gibt. Er lebt seit 3 Jahren gut mit dieser Diagnose. Viele Menschen in unserem Umfeld, welche von der Diagnose meines Mannes hörten, beruhigten uns dann auch in diese Richtung. Lieb gemeint. Nur ist erstens Köbi Kuhn 20 Jahre älter als mein Mann und fällt somit in die Statistik, nach dem die CLL hauptsächlich Männer ab 70 ig trifft. Wenn dann solche Menschen noch 10 oder vielleicht ein paar Jahre länger leben können, ist das für sie ein Glück. Wenn mein Mann das Glück hat, noch 10 Jahre leben zu können, hätte er noch nicht mal das Pensionsalter erreicht. Zweitens verläuft die Krankheit bei meinem Mann aggressiver. Die CLL wird in die Stufen A, B, C eingeteilt. Nach der ersten Untersuchung im Spital Stans, hiess es, er sei in der Stufe A. Wir atmeten auf. Denn dies hätte bedeutet, dass über Jahre bloss die Blutwerte hätten kontrolliert werden müssen – ohne Therapiebedarf. Am 6. Januar 2017 hatten wir unser erstes Gespräch und Untersuch im Kantonsspital Luzern. Dort hiess es, mein Mann sei in der Stufe B. Ein Schock. Denn das bedeutet, dass ein Therapiebedarf in nächster Zeit gegeben sein könnte. Doch es kam schlimmer – ein weiterer Schlag: im Arztbericht des Spezialisten an den Hausarzt schrieb er mehrfach von Stufe C. Wir konnten es irgendwie gar nicht glauben – aber es ist Tatsache. Das heisst, die Krankheit verläuft aktiv, die Blutwerte verschlechtern sich drastisch. Deshalb ist eine Chemo- und eine Antikörpertherapie ab März nun unumgänglich. Zusätzlich hoffen wir auf eine Unterstützung per Komplementärmedizin und sind bei Paramed angemeldet. Wie das finanziell mit unserer Versicherung aussehen wird. wissen wir noch nicht.

Was bewirkt diese Situation in uns? Mein Mann, der Betroffene, ist seit Diagnosestellung in einer Ruhe, Gelassenheit und Zuversicht. Er meint, es bringe nichts, sich Sorgen zu machen, sondern wir sollen das Leben nun erst recht geniessen, solange wir das könnten. Ein Wunder ist, dass er ausser schlechten Blutwerten, keine Beschwerden hat. Ok – zur Zeit leidet er zwar unter Husten. Aber er kann skifahren, wandern, in die Turnstunden gehen – ohne Einschränkung. Rabenau in der heutigen Zeitung

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trifft es also. Was die Chemo angeht, macht er sich im voraus keine Gedanken. Er lässt es auf sich zukommen und nimmt Tag für Tag. Ich habe ein Bild von Snoopy gesehen und wollte es posten, aber ich weiss nicht, ob dessen Verwendung auf meinem Blog legal ist. Deshalb hier einfach ein Link dazu. Mein Mann ist wie der Snoopy – und ich wie Charlie Brown. An manchen Tagen bin ich zuversichtlich, fühle mich getragen – oder verdränge erfolgreich die Situation. An anderen Tagen bin ich sorgenvoll, fühle mich einsam und tieftraurig. Ich möchte doch noch soviele Jahre mit meinem geliebten Mann zusammen verbringen! Noch soviel mit ihm entdecken. Wir sind ein derart tolles Team. Ohne ihn kann ich mir das Leben gar nicht vorstellen. 😦 Dieses Jahr feiern wir unseren 30 igsten Hochzeitstag… Im Grunde genommen wollten wir uns deshalb eine USA Reise gönnen, welche wir schon lange gebucht haben… 😦 Mir hilft in tieftraurigen, einsamen Momenten, das Wissen, dass viele Menschen für uns beten, die Zuflucht zu Gott im Gebet, Bibellesen und Lobpreislieder singen und auch Postkarten, Besuche von lieben Menschen oder Einladungen zu Freunden, sind Lichtblicke. Kein Mensch kann rund um die Uhr für mich da sein, auch wenn mir viele Menschen im Umfeld versichert haben, sie seien für mich/uns da. So gibt es dennoch Momente der Einsamkeit, in denen ich froh bin, meine Traurigkeit und meine Ängste zu Gott bringen zu können. Denn ER kann das, was kein Mensch kann: rund um die Uhr da sein für mich. Er schläft und schlummert nicht. Seine Sprechstundenzeit ist immer JETZT.

Das Gebetsanliegen, welches mir zur Zeit am nächsten liegt ist, dass wir als Familie unsere Ferien in Oesterreich antreten könnten. (Ende Februar) Wir haben vor etwa einem halben Jahr gebucht. Ob mein Mann reisefähig sein wird, entscheidet der Arzt 3 Tage vor Ferienbeginn. :-O

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Ich versuche es – diese Zuversicht und dieses Vertrauen festzuhalten….

Danke allen, welche uns in irgend einer Form mittragen.

 

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Blogparade Dankbarkeit

Via Twitter wurde ich auf auf eine Blogparade zum Thema Dankbarkeit aufmerksam.

Ich bezeichne mich selber als dankbare Frau. Ich muss mich dazu nicht extra bemühen, sondern es ist seit langem mein Lebensstil. Und selbst in der schwierigen Zeit, in der wir aktuell stehen, gibt es viel Grund zur Dankbarkeit.

Ich bin Gott dankbar dafür, dass:

  • ich IHN (Gott) mit 18 Jahren kennenlernen durfte und seitdem ganz bewusst als sein Kind auf dem Lebensweg unterwegs sein darf. Er ist mein bester Freund, hält, trägt, tröstet, stärkt, ermutigt, fördert, berät und kennt mich.
  • mein Mann und ich in diesem Jahr unseren 30. Hochzeitstag feiern dürfen. Er ist mein Lieblingsmensch und ich hoffe, dass wir uns noch lange geniessen können.
  • Andy und ich drei gesunde, zwäge Kinder haben, welche alle einen guten Weg gehen.
  • wir so schön wohnen. Wir haben See- und Bergsicht, wohnen in einem ruhigen Quartier und pflegen gute und teilweise freundschaftliche Kontakte zu unseren Nachbarn. Im Sommer sind wir in 5 Gehminuten am See und können jeden Tag ein paarmal schwimmen. Im Winter erreichen wir die Talstation zum Hausberg der Klewenalp, wo man toll Wintersport ausüben kann, innert 10 Gehminuten.
  • unser Kater Minouch seit 5 Jahren zu unserer Familie gehört. Er entlockt uns hie und da ein herzliches Lachen oder ein „jöööö“.
  • wir so gute Jobs haben, welche wir gerne ausüben. Seit August 16 habe ich eine zweite Stelle als Freelancerin beim Nidwaldner Blitz (die erste beim SCM Bundes-Verlag Schweiz). Beim Blitz erhalte ich viele spannende Aufträge und das kommt unserem Familienbudget sehr zugute.
  • wir gute Freunde haben, welche in jeder Not für uns da sind, aber auch mit uns die schönen Seiten des Lebens teilen, denn „geteilte Not ist halbe Not, geteilte Freude ist doppelte Freude.“
  • er uns die Musik geschenkt hat. Wie oft stellt mich ein Lied auf und wie wohl tut das Singen. Bald startet zum Glück wieder das Ennetbürger Chorprojekt. Dieses Jahr zum Thema „Mundartlieder“.
  • ich über Facebook, Twitter, Blog und Co. soviele wertvolle Kontakte knüpfen konnte.
  • mir das danken nie ausgeht und ich hier noch zehntausend andere Gründe aufzählen könnte. Danke Gott, dass eine gute Perspektive gibt. Danken zieht nach „oben“. Deshalb habe ich das Beitragsbild gewählt: Wofür kann ich danken – dies zu fokussieren, ins Visier zu nehmen, tut gut.

Ich bin gespannt auf eure Dankbarkeitsberichte. Ich denke, es ist wie ein Ping-Pong-Spiel: wenn ich aufzähle, wofür ich dankbar bin, löst das beim Gegenüber auch Dankbarkeit aus. Es hilft, sein Leben nach Dankbarkeitsgründen zu durchforschen – und wenn man dies teilt, wirkt es ansteckend. Also: wofür bist du dankbar? Mach doch auch mit.

 

Zu Weihnachten gibts Diagnose Krebs

Krebs, das war für mich schon immer ein Schreckenswort.

Meine damals 18 jährige Cousine starb innert Tagen an Leukämie. Das war damals ein Riesenschock für mich.
Als ich ein Teenie war, erkrankte meine Mutter an Krebs. Wir wussten nicht, ob sie’s überlebt. Meine Schulleistungen gingen den Bach runter und niemand fragte nach dem Grund. Meine Lehrerin fand, bei mir seien „Hopfen und Malz verloren“, als ich eine einfache Geometriaufgabe an der Tafel nicht lösen konnte und stattdessen vor der gesamten Klasse in Schluchzen ausbrach. Meine Mutter wurde geheilt. Für uns ein Wunder. Aber vorher war es wochenlang eine ganz schlimme Zeit der Ungewissheit. Und ich war als Kind allein mit allen Ängsten.
Mein Schwiegervater hatte Magenkrebs – ihm musste der gesamte Magen entfernt werden.
In unserer Familie ist Hautkrebs seit Jahrzehnten ein Thema. Wir kennen sämtliche Hautkrebsarten aus eigenen Erfahrungen, gut- und bösartige Flecken, welche aber bisher gut entfernt werden konnten. Meine Mutter hatte mal ein Melanom der ganz schlimmsten Art – und wurde wieder geheilt. Meinem Vater (verstorben im Oktober 15) musste ein grosser, bösartiger Tumor am Kiefer entfernt werden. Damit begann seine grosse Leidenszeit.
Mit einer lieben Bekannten fieberten wir über Jahre nach der ersten Brust-OP aufgrund von Brustkrebs. Sie verlor den Kampf leider.
Ein befreundeter Jugendpastor kämpft ebenfalls seit Jahren mit diesem Ungetüm. Er hat alle düsteren Prognosen der Ärzte überlebt. Sein Zustand ist momentan stabil, aber geheilt ist er nicht.

Und nun das: mein geliebter Mann hat am 19. Dezember die Diagnose Leukämie erhalten. Pünktlich auf die Weihnachtszeit, wenn man sich auf „oh du Fröhliche“ einstimmen möchte. Ein Schock. Es klingt so unreal und ist doch brutale Realität. Dabei wollten wir zusammen alt und grau werden. Mindestens 90ig. Und wir haben für den Juli 2017 eine dreiwöchige USA Reise gebucht. Zu unserem 30. Hochzeitstag, der nächstes Jahr stattfindet. Auf einen Schlag in die Magengrube ist alles ungewiss. Werden wir den 30. Hochzeitstag noch miteinander feiern können? Falls ja: wie wird der Gesundheitszustand meines Mannes dann sein? Können wir noch irgendwelche Pläne miteinander machen? Uns noch auf etwas freuen, das in der Zukunft liegt? Ich wollte die Reise annullieren, aber mein Mann sagte: „Jetzt erst recht. Wir feiern und geniessen das Leben und die Liebe, solange es geht.“

Er ist derjenige, der von dieser fiesen Krankheit betroffen ist und bleibt gelassen. Manchmal ist er etwas „duuuch“, aber das kann auch nur die Müdigkeit sein, welche vielleicht aufgrund der Krankheit vermehrt spürbar ist. Sonst spürt er noch keine Beschwerden. Wir hoffen, dass dies möglichst lange so bleibt. Die Altersleukämie betrifft laut Statistik vor allem Männer ab 70. Wie fies für einen 54 jährigen. Sie verläuft nicht so aggressiv wie in jungen Jahren. Köbi Kuhn, welcher seit 3 Jahren mit dieser Krankheit lebt, schenkt mir Hoffnung. Doch genaue Prognosen über die zu erwartende Lebenszeit und über den Krankheitsverlauf, kann niemand geben, zumal das Infektionsrisiko aufgrund der zu grossen Menge an weissen Blutkörperchen erhöht ist.

Ich weiss, dass unsere Leben in Gottes Hand liegen. Manchmal aber überkommt mich eine riesengrosse Angst. Ich will meinen Mann nicht verlieren. Wir lieben uns, sind glücklich verheiratet. Gerade in den letzten paar Monaten verspürten wir die Dankbarkeit über unsere Beziehung vermehrt. Mein Mann deckte mich mit Zärtlichkeiten ein und versicherte mir, wie hübsch ich sei. Wir kennen einander durch und durch. Müssen einander fast nicht mal mehr anschauen, um zu spüren, wie es dem anderen geht, geschweige denn etwas sagen – wir wissen es so oder so. Ich habe vor ein paar Wochen bereits Veränderungen an A. festgestellt und ihn gefragt, ob er sich fiebrig oder sonst krank fühle. Auch unser Kater lag in letzter Zeit vermehrt ganz laut schnurrend bei ihm. Ich möchte nie ohne meinen Liebsten leben. Die Angst vermischt sich mit einer grossen Traurigkeit. Vorgestern liefen mir im Postauto auf einmal Tränen die Wangen runter. Ich konnte sie nicht stoppen. Ich glaube, es hat niemand von den anderen Fahrgästen was bemerkt.

Was wird auf uns zukommen? Ich weiss nicht, ob ich das jetzt überhaupt wissen möchte. Lieber jetzt jeden Tag für sich allein nehmen. Die gegenseitige Liebe geniessen. Aber das ist leichter gesagt, als getan – mit dem Damoklesschwert der Krankheit und des Todes über uns. Klar, jeder weiss, dass er mal gehen muss von dieser Erde. Aber 54 Jahre – das ist doch noch kein Alter, oder? Wir glauben, dass Gott heilen kann – nur wird er es tun, will er es tun? Ich bitte an dieser Stelle, uns von geistlichen Belehrungen zu verschonen. Unser Glaube ist stark und das theologische Wissen gross. Zudem sind wir gut betreut durch die Vineyard Luzern.

Das genaue Ausmass des Krankheitsbefalls wissen wir übrigens noch nicht genau. Mein Mann hat eine Untersuchung beim Hausarzt und zwei im Kantonsspital Stans hinter sich. Wir warten als nächstes auf ein Aufgebot zu einer noch genaueren Untersuchung in der Onkologie des Kantonsspitals Luzern.Diese sollte nächste Woche statt finden.

Wir werden Weihnachten feiern. Denn sie mag vielleicht nicht so unbeschwert sein wie früher, aber der Sinn von Weihnachten wird durch die Krankheit nicht genommen. Das Licht kam in die grösste Dunkelheit. Ohne Jesus wäre alles nichts.

Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt.
Friedrich von Bodelschwingh
deutscher Pastor und Theologe
* 06.03.1831, † 02.04.1910

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Dieses Bild entstand im Februar dieses Jahres. Es zeigt Seifenblasen auf der Hand meines Mannes. Mein Beitrag wurde im Buch von Fatima Vidal „Dieser Moment“ veröffentlicht.

Vor einem Jahr…

Wie sich ein Leben in einem Jahr verändern kann!

Vor einem Jahr lebte mein Vater noch.

Wir waren zuversichtlich, dass er sich von seinem Schlaganfall, den er drei Monate zuvor erlitten hatte, noch besser erholen würde. Er trainierte hart, geduldig und mit dem Ziel vor Augen, wieder nach Hause zurückkehren zu können. Er stagnierte in seinen Fortschritten nicht, sondern machte wöchentlich Fortschritte. Noch konnte er zwar nur ein paar wenige Schritte an der Haltestange der Wand entlang humpeln und einzelne Worte wie „Adieu“, „Danke“, Hallo“ sagen, aber es konnte vorkommen, dass er uns plötzlich alle wieder mit einem neuen Wort überraschte. Wir kauften ihm ein iPad mit einem Sprachprogramm und ganz zögerlich setzte er es manchmal ein. Schade, dass sich das Pflegepersonal damals nicht mehr Mühe gab, ihn mit dieser Technik zu unterstützen. Aber sonst war die Pflege aufmerksam, das Zimmer überdurchschnittlich gross und hell  – und trotzdem  fühlte er sich dort nie zuhause. Ich besuchte ihn wöchentlich und mein Herz fühlte sich bei jedem Abschied an, als wolle es zerreissen. Er schluchzte jeweils, hielt mich fest und sass wie ein Häufchen Elend da. Er wollte einfach nur zurück in sein Heim gehen – zu seiner geliebten Frau – und tat alles in seiner Macht stehende dazu – aber es reichte nicht. Meine Mutter mit Jahrgang 1930, war gesundheitlich ausserstande, ihn zu pflegen. Eine Spitex kann auch nicht 24 Stunden und 7 Tage präsent sein – und diese Stunden, in denen sie allein mit meinem Vater gewesen wäre, bereiteten ihr zu grosse Sorgen und Ängste. Mein Bruder, meine Schwester und ich verstanden sie. Doch die Situation war für alle Beteiligten emotional sehr anstrengend.

Im Oktober 15 erlitt mein Vater einen zweiten Schlaganfall, war total gelähmt, konnte nicht mal mehr schlucken. Glücklicherweise hatte er uns eine Entscheidung per Patientenverfügung abgenommen, in der stand, dass er in so einem Fall keine lebensverlängernden Massnahmen mehr wünsche. Die Nachricht, dass mein Vater im Sterben lag, erreichte uns in Mailand, in einem Museum. Sofort fuhren wir ins Pflegeheim, um uns von ihm zu verabschieden. Es schmerzt mich heute noch, wenn ich daran denke. 😦 Mein Mann, meine Kinder samt Freunden, meine Mutter – wir standen um sein Bett, waren leise, streichelten ihn im Gesicht, sagten ihm, wiesehr wir ihn liebten und sprachen ihm zu, dass er „gehen“ dürfe. Dann bat ich meine ganze Familie, mich doch noch allein mit meinem Vater zu lassen. Und was dann folgte, erstaunt mich bis heute. Ich erzählte meinem Vater, wiesehr ich ihn liebe, erinnerte ihn an gemeinsam Erlebtes, sprach ihm Vergebung zu für Versäumtes, betete mit ihm, las ihm aus der Bibel Psalm 23 vor, küsste , streichelte ihn, verabschiedete mich ganz bewusst von ihm – und staunte bei allem über meine Kraft und Stärke. Mein Vater schaute mit seinen Augen liebevoll und aufmerksam, voll wach auf mich. Da war ein unausgesprochenes Verstehen zwischen uns. Nie mehr war er so präsent, wie nach meiner Zeit bei ihm…. Ich schluchzte und weinte nicht – und beobachtete dabei mich selber wie von aussen – war aber gleichzeitig total bei mir selber. Noch heute kommt es mir unglaublich vor, wie gefasst ich diese Verabschiedung meines geliebten Vaters so gestaltete. Als ich mich wieder zu meiner Familie gesellte, waren alle Augen auf mich gerichtet. Würde ich heulend aus dem Zimmer treten? Ich aber konnte zu ihnen sagen: „Es ist gut.“ Es war alles gesagt, es gibt nichts, was ich noch hätte klären müssen mit meinem Vater. Ich konnte mich im Frieden von ihm verabschieden. Die Trauer und die Tränen über den Verlust kamen erst später. In diesem Moment mochte ich ihm in allererster Linie gönnen, dass seine Schmerzen, sein Leiden ein Ende fanden. Sein Heimweh konnte Erfüllung finden, indem er in ein grösseres, schöneres Zuhause heimkehren konnte, wo er bereits liebevoll erwartet wurde, wie ich im zusagte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich in so einem Moment derart die Gesprächsführung übernehmen könnte und nicht weinend und schluchzend zusammenbrechen würde. Ich bin überzeugt davon, dass dies damals die Gegenwart und Hilfe Gottes war, welche mich und das ganze Zimmer erfüllte. Von mir aus hätte ich diese Kraft nie gehabt.

In den kommenden Tagen betete ich ein Gebet, das ich früher auch nie für möglich gehalten hätte: „Bitte Gott, lass meinen Vater bald sterben. Nimm ihn zu dir. Setz dem Leiden ein Ende.“  4 Tage kämpfte mein Vater – er war Zeit seines Lebens ein grosser Kämpfertyp. Es kam uns aber auch so vor, dass er meiner mittleren Tochter ihr Geburtstagsfest noch gönnen möchte und wartete mit seinem Abschied. Denn als sie ihm am Sterbebett erzählte, sie hätte bald Geburtstag, machte er grosse Augen. Er war Zeit seines Lebens immer da für andere und rücksichtsvoll. Ich bin überzeugt davon, dass er meiner Tochter nicht den Geburtstag damit verderben wollte, dass er in Zukunft mit seinem Todestag verknüpft gewesen wäre. Zwei Tage nach dem Geburtstag meiner Tochter, am 7. Oktober 2015 starb mein Vater, 88jährig.

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Ich vermisse ihn sehr. Ich denke so oft an ihn und wünschte, er könnte dieses oder jenes miterleben.

Ich leide mit der Einsamkeit meiner Mutter mit. Niemand kann ihr den geliebten Mann ersetzen, mit dem sie 63 Jahre treu durch Hohes und Tiefes ging. 63 Jahre – man stelle sich das vor!

Ich bin traurig. Und ich kann erst jetzt – ein halbes Jahr nach seinem Tod darüber schreiben. Es kostet mich viel in diesem Moment.

Vor einem Jahr war mein Handgelenk noch gesund

Im August 2015 erlitt ich einen Velounfall. Zwei Tage nach der Beerdigung meines Vaters wurde mein Handgelenk operiert. Es folgten viele, viele Arztbesuche, Therapien, die Spitex unterstützte mich im Haushalt. Es war eine turbulente Zeit, welche mich ganzheitlich herausforderte.

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Heute kann ich wieder den Wäschekorb tragen, kochen, mich pflegen, Wäsche zusammenfalten, Hände zur Begrüssung schütteln, mit Messer und Gabel essen, das 10 Fingersystem am Compi einsetzen, fotografieren (vorher war die Kamera zu schwer, ich konnte sie nicht halten), den Tisch abputzen (ich war nicht imstande, die Hand auf eine ebene Fläche zu halten und gleichzeitig Druck auszuüben), aber in Ordnung ist dieser Arm noch nicht. 😦 Bei gewissen Bewegungen bin ich eingeschränkt, spüre eine Art „Sperre“, bei einer Drehung des Unterarms knackt es dauernd störend und Schmerzen treten hie und da auch noch auf. Seit dem August 15 habe ich mich nicht wieder auf ein Velo gewagt. Diese innerliche Blockade möchte ich in nächster Zeit bestimmt mal überwinden. Sollte das Knacken im Unterarm bis im Juni nicht aufhören, müsste es erneut im Spital abgeklärt werden.

Vor einem Jahr waren wir grad umgezogen

Nach 14 Jahren glücklichem Wohnen in einem 100 jährigen Haus, mussten wir jenes Zuhause Ende März 2015 verlassen, weil der Vermieter einen Neubau plante.

Wir fanden eine neue Wohnung im selben Ort, so dass wir unsere Beziehungen nicht aufgeben und unser Sohn die Schule nicht für sein letztes Schuljahr wechseln musste. Die Wohnung ist mit ihren weissen Wänden heller als die vorherige, welche rundum mit Holz ausgekleidet war. Doch mir hat dieses Holz in der alten Wohnung sehr gut gefallen. Ich fand es heimelig und es war diese Art Wohnung, nach der ich mich in der Kindheit immer sehnte. Deshalb konnte ich auch nicht einstimmen in die überschwänglichen Rufe aller Besucher des neuen Zuhauses. Ausnahmslos jeder Gast meinte: „Hier habt ihr es doch viel schöner als am alten Ort. Die Wohnung dort war so dunkel. Diese ist hell und geräumig. Ihr habt einen guten Tausch gemacht!“ Wir wollten aber gar nie tauschen. Wir haben uns in der alten Wohnung rundum wohl gefühlt. Uns selber kam sie nie zu dunkel vor, die grosse Terrasse mit uneingeschränkter Seesicht, die ruhige Lage, die lieb gewonnenen Nachbarn – es brauchte Zeit, sich von all dem innerlich zu lösen.

Ja, die neue Wohnung gefiel mir ebenfalls auf Anhieb. Sie IST heller, sie bietet weiterhin einen Ausblick auf See und Berge, ist ruhig, aber gleichzeitig zentraler gelegen als die vorherige. Doch es dauerte mindestens ein halbes Jahr, bis ich sagen konnte: ich fühle mich nicht nur wie in den Ferien hier – es ist ein Heimkommen, wenn ich zur Haustüre hineintrete. Glücklicherweise begann der ehemalige Vermieter nicht sofort mit dem Abbriss des alten Hauses, so dass ich Zeit fand, mich langsam zu verabschieden. Jedesmal, wenn ich mit dem Postauto am alten Ausstiegsort vorbeifuhr, wendete sich mein Kopf automatisch, um einen Blick auf das alte Zuhause zu erhaschen und das Herz füllte sich mit Wehmut. Heute klafft am Standort unterhalb der Ridlikapelle ein grosses Loch – die Bauarbeiten zum grossen, modernsten Minergiehauses haben begonnen. Der Anblick schmerzt mich nicht mehr – es ist aber immer noch ein seltsames Gefühl.

Heute geniesse ich es, auf dem Küchenbalkon zu sitzen und meine Nachbarn so nahe zu haben, dass ich mit ihnen vom Balkon aus plaudern kann. Wir haben eine gute, herzliche, aber nicht zu nahe Beziehung untereinander. Balkone rund um die Wohnung geben uns die Möglichkeit, entweder an der Sonne oder dem Schatten zu sitzen, entweder Berg- oder Seesicht zu geniessen. Wie im alten Zuhause, so haben wir auch hier wieder einen Gartensitzplatz und drei Gartenbeete. Und seit diesem Winter sind wir frohe Chéminéebesitzer.

Unserer Katze Minouch geht es am neuen Ort besser. Vorher getraute sie sich bloss, die Katzentreppe runter zu laufen, aber nicht hoch. Heute läuft sie problemlos rauf- und runter, geht zur Katzentüre rein- und raus, wie es ihr beliebt. Die Strasse am neuen Ort ist im Gegensatz zu früheren, fast autofrei. Sie hat sich prima befreundet mit den anderen vielen Katzen der Nachbarschaft.

Vor einem Jahr wohnte unsere älteste Tochter noch bei uns

Mit dem Umzug in die neue Wohnung, verabschiedete sich unsere älteste Tochter von uns. Sie zog mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung. Zum Glück im Nachbardorf und lustigerweise ins Nachbarhaus unseres ehemaligen Zuhauses, in dem sie ihre ersten paar Lebensjahre verbrachte, bevor wir aufgrund der Geburt unseres Nachzüglers in das 100jährige Holzhaus umzogen, in dem wir eben 14 Jahre lang wohnten. Sie ist von der Wohnsituation zurückgekehrt zu den Wurzeln ihrer früheren Kindheit. 😉

Wir pflegen weiterhin guten Kontakt, aber es ist nicht mehr dasselbe, wie wenn sie zuhause wohnen würde. Sie lebt nun ein eigenständiges Leben, als junge, erwachsene Frau und ich bin als Mutter herausgefordert, sie wieder ein Stück mehr loszulassen.

Vieles hat sich zwischen dem April 15 bis April 16 verändert, das Thema „Abschied“ zog sich durch alles hindurch: Abschied von meinem geliebten Vater, der uneingeschränkten Gesundheit des Handgelenks, des Zuhauses, der Tochter, welche auszog – doch es ist gut so, wie es ist. Meine Familie und ich sind glücklich – samt Katze. Es gibt Neuanfänge – neue Kontakte in der Nachbarschaft zum Beispiel. Nur traurig und schade, dass mein Vater uns nicht besuchen kommen kann in der neuen Wohnung. Doch ich bin sicher, er schaut sie sich vom „Himmel“ aus an, geniesst aber dort sein eigenes, noch besseres und schöneres Zuhause und freut sich auf ein Wiedersehen mit seinen Lieben.