umfall

„umfall“ sagen wir im schweizerdeutschen zu „unfall“ – und es passt. am letzten tag unserer veloferien (fahrrad) auf der deutschen bodenseeseite, bin ich umgefallen. blöd gestürzt, aber es geht ja selten gescheit zu und her, wenn man einen unfall baut. es war kein auto, kein fussgänger involviert, niemandem könnte ich die schuld geben, höchstens dem regen, der den kopsteinflasterbelag glitschig machte und mir selber, weil ich nicht daran dachte, dass ein vorderrad beim rechtsabbiegen auf kopfsteinpflaster vielleicht durch eine rille blockiert werden könnte (hat wohl ähnlichen effekt gehabt, wie wenn das vorderrad in eine schiene gerät). eine sekunde der unachtsamkeit, lässt mich seit dem 14. august 15 leiden.

was zuerst ein verdacht auf verstauchung war, erhielt zwei monate später im mri die diagnose tfcc-läsion handgelenk rechts und mündete am 16. oktober 15 zur ambulant ausgeführten operation, „transossäre refixation des tfcc“ genannt.

6 wochen lang soll ich nun eine armschiene tragen und das sieht so aus:

12166890_10205242932014118_1147918886_n

ich war ziemlich schockiert, so ein monströses ding nach der op an meinem arm zu entdecken. ich habe mit einer kürzeren handschiene gerechnet. mittlerweile habe ich zwei der 6 wochen geschafft. (erst 😦 )

ich darf mit der rechten hand, dem ganzen rechten arm nichts halten, fixieren und deswegen fällt mir das alltagsleben viel schwerer, als ich es mir im vorfeld vorgestellt habe.

täglichen herausforderungen ist jeder von euch ausgesetzt. sei es bei der kindererziehung, im beruf, beziehungen etc. meine täglichen herausforderungen sehen so aus:

ausschliesslich mit der linken hand – müssig zu erwähnen, dass ich rechtshänderin bin

  • sich zu waschen, wobei es sich als unmöglich herausgestellt hat, sich mit der linken hand den linken arm selber zu waschen oder sich die nägel der linken hand mit der linken hand zu schneiden. was ich hingegen kann: nagelfeile in die linke hand klemmen und dreck aus den linken handnägeln entfernen. nachmachen! 😉
  • deo mit der linken hand unter die linke achselhöhle anbringen (rechts kein problem)
  • socken, unterhosen, hosen mit knopf anziehen (bh habe ich aufgegeben für diese zeit)
  • ein oberteil finden mit weiten ärmeln, unpassendes wieder irgendwie mit einer hand in den schrank zurückbugsieren (zusammenfalten mit einer hand geht nicht)
  • zähne putzen mit der zahnbürste in der linken hand geht mittlerweile und selbst fürs „zahnseidelen“ habe ich eine eigene technik entwickelt. ich nehme die zahnseide so zwischen die finger der linken hand, wie wenn ich luftmaschen fürs handhäkeln machen möchte. so in etwa funktionierts: haekeln-luftmaschenanschlag-1 2 zwischen zeigefinger und daumen kann ich dann mit der zahnseide die zahnzwischenräume reinigen. bin stolz auf meinen einfall. 😉 selbst die zahnpastatube kann ich linkshändig öffnen und zudrehen. frau hat ja noch oberschenkel und zähne, welche etwas festhalten können.
  • vor zwei wochen noch, habe ich mir einen kratzer an der stirn geholt mit der haarbürste in der linken hand. mittlerweile ist meine linke hand viel geschickter geworden, auch beim linkshändigen tippen auf der tastatur und beim maus bedienen links. aber manchmal zieht es verdächtig in den linken handsehnen und ich muss mich rigoros schonen, um nicht linkerhand eine sehnenscheidenentzündung einzufangen und dort auch eine schiene zu kriegen. die ergotherapeutin hat mir ernsthaft zugeredet.
  • duschen, baden, haarewaschen sind kein vergnügen mehr für mich, weil ich es trotz plastikschutz nie schaffe, dass die schiene trocken bleibt.
  • einen einkaufszettel linkshändig zu schreiben, geht ganz mühsam, ebenfalls das unterschreiben von prüfungen des sohnes.
  • gemüse rüsten, wäsche in die waschküche tragen, aus der trommel nehmen, aufhängen, abnehmen, schwere pfannen heben, kehren (mit handschaufel u. bürste), eine dose öffnen, betten machen, neu beziehen, fleisch schneiden beim essen und noch soviel anderes, welches vor der op zwei monate lang zwar unter schmerzen, aber doch möglich war, geht jetzt einfach beim besten willen nicht. und das ist trotz spitexhilfe sehr frustrierend für mich. was ich am traurigsten finde, ist, dass ich meine fotokamera in diesen goldenen herbsttagen nicht gebrauchen und nicht im biki (bibelkiste) arbeiten kann (bedeutet auch lohnausfall, denn ich bekomme dort nur was, wenn ich arbeite – stundenlohn) und nicht in mein geliebtes line dance gehen kann, denn mein gleichgewicht ist etwas gestört, weil mein rechter arm an den körper gebunden ist. und zudem schmerzt das hangelenk in der schlinge sehr schnell. auch wandern geht nur kurz und mit vielem ausruhen und hochlagern des arms. ich bin nie mehr ohne kissen unterwegs, um den arm lagern zu können, sonst werden die schmerzen unerträglich.
  • überhaupt die schmerzen: sie stimmen mich deprimiert, müde, ungeduldig und verunsichern mich, weil ich nicht weiss, ob sie „normal“ sind. seitdem die praxisassistentin an meinem geburtstag (28.10.) den arm zu zackig aus der schiene hob, damit die fäden entfernt werden können und mir dabei vor schmerz fast schwarz vor augen wurde, schmerzt mich das ganze wieder vermehrt und ich hoffe, dass alles ok ist und im normalen rahmen liegt. ich hoffe, die ergotherapeutin könne mir morgen mehr dazu sagen.
  • jeden tag sollte ich den arm aus der schiene heben und in eine kürzere umbetten, damit der ellbogen frei ist, bewegt werden zu können. denn sonst besteht die gefahr des „einrostens“. dasselbe bei den fingern, welche aber beim bewegen ebenfalls schmerzen. nun – das herausheben aus der schiene ist eine ganz mühsame prozedur, welche ich nicht ohne hilfe und schmerzen bewerkstelligen kann, trotz aller sorgfalt.

12182315_10205299802075834_1224280143_n

ich hoffe einfach, dass die op erfolgreich war (termin beim orthopäden ist am 11.11.), dass alles gut kommt, wobei ich auch bei optimalem fortschritt mit 3-4 monaten heilungsweg rechnen muss. ich lerne beim ganzen hoffentlich etwas geduld und dass ich mich selber auch bei weniger leistungkraft lieb haben kann. es fällt mir alles andere als leicht, der spitex meinen haushalt zu überlassen. obwohl ich diese leistung ja via versicherung zugute habe und sie gut bezahlt werden, kämpfe ich gegen aufkommende schuldgefühle, wenn mir derart unter die arme gegriffen wird und ich hilflos daneben stehe. dankbarkeit mischt sich mit traurigkeit. wenn mir früher frauen erzählten, sie hätten mühe damit, hilfe anzunehmen und würden viel lieber helfen, verstand ich sie nie und dachte, mir würde sowas nie „passieren“ und ich könnte mir bestimmt problemlos helfen lassen. ich habe mich aber selber besser kennengelernt.

vorbilder in dieser zeit sind mir betty hamilton und nick vujicic. ihre behinderung ist nicht temporär beschränkt wie meine und sie meistern die täglichen herausforderungen beeindruckend.

trotz meiner vorbilder: es gibt immer menschen, denen es schlechter geht, als einem selber und die sogar weniger jammern als ich, mit einer temporären einschränkung. ich muss aber selber fertig werden mit meinem leben, meinen herausforderungen, meiner krise. ich kann ein vorbild nehmen, mut fassen, mit gottes beistand und heilung rechnen und doch darf ich mir zugestehen, dass es zur zeit nicht einfach ist für mich. ich darf verständnis haben für mich selber. zwei tage nach der abschiedsfeier für meinen vater, wurde ich operiert. meine gefühlslage ist eh labil. und deswegen doch noch ein wort an diejenigen meiner bekannten, welche sagen: „alles halb so wild, es ist ja nur so eine phase“: auch die trotzpase der kinder, ihr zahnen, die schlaflosen nächte deswegen, waren nur so „phasen“. sie gingen vorüber. aber am meisten geholfen haben mir in diesen „phasen“ menschen, welche mir verständnis entgegenbrachten für meine stimmungen und mich wie mein mann es tat, einfach in den arm nahmen und mir konkret dinge (arbeiten) abnahmen.

tipps, falls jemand eine solche op vor sich hat: plant eine haushalthilfe (habe ich nicht gemacht, ich dachte das bisschen haushalt schmeisse ich mit links und der unterstützung der familie), klärt das ab mit eurer krankenkasse, kauft in einer drogerie dusch-plastiksäcke für den arm, schneidet euch vor der op die hand- und fussnäel kurz, geht nochmals wellnessen oder tut das, was ihr liebt bewusst nochmals, was mind. 6 wochen lang nicht mehr geht, kocht vielleicht was vor und friert es ein, aber vor allem: organisiert euch oberteile mit weiten ärmeln! ich habe nicht daran gedacht und verzweifelte fast am tag nach der op, weil ich zur zivilhochzeit eines bekannten nichts zum anziehen fand in meinem kleiderschrank. so eine armschiene ist dick und passt auch nicht in jeden wintermantel. und wenn ich was anziehe, das knapp so geht, drückt die schiene und löst schmerzen aus.

das ist mein längster text einhändig mit links… ich habe einen schreibauftrag „meines“ verlags erhalten, aber da wird mir meine familie abtippen, was ich diktiere.

nachtrag, dienstag, 3. 11. 15
war heute in der ergo. die teilweise starken schmerzen seien „normal“. als ich fragte, wie lange ich noch mit solchen schmerzen rechnen müsse, fragte sie zurück, ob ich es wirklich wissen wolle. auf mein ja hin, meinte sie „noch lange“. ob das bedeute, über die 6 wochen armschienentragen hinaus, war meine weitere frage. antwort: „ja“… ich bekam dann tapes, welche schon sehr helfen. und neue fingerübungen.

Zeitreise in die Vergangenheit

DSC_0026Vor rund 30 Jahren zog ich bei meinen Eltern aus. Ich nahm nicht viel mit, sondern liess das meiste meiner Besitztümer und Kindheitserinnerungen im Kinderzimmer zurück. Vor 28 Jahren heirateten Andy und ich. Meine Eltern zogen kurz darauf ins Elternhaus meines Vaters um. Dies war der Zeitpunkt, an dem ich, vieles aus meiner Kindheit in unseren ersten, gemeinsamen Keller verlagerte. Nach zwei Jahren wurde uns die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt. Zur neuen Wohnung gehörte ein riesengrosser Estrich. Also zügelte ich meine in Schachteln gehorteten Kindheitserinnerungen ungesehen mit. 10 Tage vor der Geburt unseres Jüngsten zogen wir in eine grössere 5.5 Zimmerwohnung um und hatten noch einen geräumigeren Estrich (Dachboden) als bisher. So nahm ich wiederum alles ungesichtet mit. Nun müssen wir Ende März in eine 4.5 Zimmerwohnung umziehen – ohne Estrich, bloss mit einem Kellerabteil. Dies heisst für mich: das erste Mal in meinem Leben wirklich mal räumen und Abschied nehmen von Kindheitszeichnungen, Schulheften, Briefen meiner 6 Brieffreundinnen, Pokalen/Medaillen, Büchern, Zeitungen, Nippsachen, Puppen und Puppenkleider, Bastelsachen, Bildern, Wandbehängen, Instrumenten, Musiknoten, Chorlieder, Kassetten…..Zu meinen persönlichen Erinnerungsstücken gesellten sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten munter Bastelerzeugnisse unserer drei Kinder, Geschenke und Briefe von ihnen, Fotos, Videos, CD’s….

Was da alles zum Vorschein kommen und einen erstaunen kann beim Räumen und Entrümpeln, habe ich in einem Album festgehalten.

Hätte sich beim Entrümpeln noch vor ein paar Jahren bloss die Optionen wegwerfen, behalten, verschenken oder verkaufen geboten, kommt heutzutage zum Glück eine weitere hinzu: digitalisieren. So ist unser Junge stundenlang beschäftigt mit Videos, Schallplatten und Kassettendigitalisierung – mit den neusten Programmen und hat auch bereits von auswärts Zusatzaufträge erhalten. Und wir restlichen der Familie – vor allem ich – scannen ebenso stundenlang Briefe, Fotos, Dias, Zeichnungen und anderes, was uns erhaltenswert erscheint. Nach dem Scannen können wir diese Dinge getrost entsorgen und haben so weniger Zügelballast.

Stichwort Ballast: wir veranstalteten einen Garagenflohmarkt, an dem wir das, was wir nicht mehr mitzügeln können, günstig verkauften.

Garagenflohmarkt

So kamen an die Fr. 600.– zusammen. Freude hatte ich vor allem, dass für mein Rössli Hü, welches ich in der Haushaltungsschule selber gemacht hatte, ein neues Leben beginnen wird: es wird bei meiner Schwester Gästekinder erfreuen.

Rössli Hü

Am Tag nach dem Garagenflohmarkt, hatte ich das Gefühl, es befänden sich immer noch genau soviele Waren in den zwei Garagen wie vorher. Deshalb lud ich per Facebook und Twitter ein, sich gratis aus dem grossen, verbliebenen Rest zu bedienen. Viele Menschen kamen und füllten Autos voll mit Waren wie einer Spielküche aus Holz, welche mein Schwager für die Kinder selber hergestellt hatte, Haushaltungsgegenständen, Spielen, Bettwaren, CD’s etc. Wiederum einen Tag später fuhr ein Kleintransporter der Brockenstube Stans auf. Leider nahmen sie nur zwei grosse, gefüllte Kartonkisten, ein Heizöfeli und eine handvoll Kinderbücher mit. Zurück blieb immer noch eine grosse Menge an Waren, welche man im Alltag gut verwenden könnte. Ich gab nicht auf und schrieb noch ein paar Dinge wie Stelzen, Steckenpferde, Wecker mit Spielschiessfunktion, Massivholztisch, Pult, Bücher, Spiele zum Verkauf, bzw. zum Verschenken auf Facebook aus. Wiederum meldeten sich einige Leute, welche sich nochmals entweder gratis oder für ein paar Franken bedienen konnten. Gestaunt habe ich über zwei Frauen, welche den Weg per ÖV auf sich nahmen, um sich ein paar Bücher, welche dem Altpapier geweiht waren, zu erbarmen. 😉

DSC_0014

Verblieben sind nun noch ein paar Kleinmöbel, ca. 25 gefüllte Kisten mit diversen Waren, welche ich versuche, Mitte Mai dem Sperrgut zu übergeben. Mich reut es, gewisse Sachen wie intakte Vasen, DVD’s, Knieschoner für Kinder und anderes einfach dem Güsel zu übergeben. 6 Kisten vollgefüllt mit Büchern, werden wir versuchen, der Bücher Brocki Luzern zu übergeben. Morgen holt jemand gratis das Pult aus meiner Kindheit ab und mein Mann bringt heute einer Familie die zwei Steckenpferde und zwei Paar Stelzen vorbei. Vielleicht werde ich im Dorf mal Kinder auf diesen Spielgeräten herumtollen sehen – das wird meine Freude sein!

DSC_0005

Zudem füllten wir unzählige Abfallsäcke, eine Kiste, einen grossen Stoffsack und einen Koffer mit guterhaltenen Kleidern, Bett- und Frottéwäsche, Schuhen, Spielen, Plüschtieren und diversen Sporttaschen, Rucksäcken, Taschen. Dies alles werden wir Mitte April der Kleidersammlung für AVC übergeben. Wir spenden bereits seit Jahrzehnten Waren und Geld für dieses Werk, welche Menschen weltweit, aber vor allem in Osteuropa unterstützt. So eine grosse Menge kam aber bisher bei unserer Familie noch nie zusammen. 😉

DSC_0004

Stichwort Ballast zum Zweiten: das grosse Aufräumen, Entrümpeln, Sichten, Entsorgen, war für mich wie eine Zeitreise zurück in meine Kindheits- und Jugendzeit. Ich bin eine Frau, welche nicht gerne Fotos aus alten Zeiten anschaut. Sie wecken in mir eine Wehmut nach einer vergangenen Zeit und dabei möchte ich doch lieber mein Leben heute leben. Aber es war gut, sich bewusst mit der Vergangenheit konfrontieren zu müssen. Wir haben als Familie viel gelacht, wenn wir 20jährige Videos betrachteten, welche unser 14jähriger digitalisierte oder wenn meine Kinderstimme aus einer alten Kassettenaufnahme ertönte. 😉 Unser Sohn hat gesehen, wie seine 8 und 10 Jahre älteren Schwestern aussahen, klangen und sich bewegten, als sie klein waren oder so alt, wie er jetzt ist. Und etwas ganz Wichtiges ist in meinem Leben geschehen: durch das Lesen alter Briefe wurden meine bisherigen Erinnerungen an meine Kindheit in ein ganz anderes Licht gerückt. Ich wurde geheilt. Es gab Erlebnisse, welche ich meiner Familie im Rückblick ganz anders erzählte, als dass sie sich jetzt in meinen Tagebucheinträgen oder in Briefwechseln darstellen. Meine persönliche Vergangenheit konnte ich auf diese Weise aufarbeiten und das allein war der ganze Aufwand des Räumens wert!