Sammelleidenschaft

Mein Vater war ein leidenschaftlicher Sammler. Hauptsächlich sammelte er Münzen und Briefmarken. Dies tat er eigenwillig individualistisch. Er hielt sich an keine in Sammelkreisen gültige Regel, welche besagt, dass man sich auf ein Thema konzentrieren soll und vor allem, dass sich in Briefmarkenalben ausschliesslich Briefmarken und in Münzalben gefälligst ausschliesslich Münzen versammeln dürften. 😉

Er sammelte sowohl bei Münzen wie Marken kreuz und quer jedes Thema. Aber wenn er mal ein Thema interessant fand, dann vertiefte er sich konzentriert darauf. Dann lag eine interessante Briefmarke neben einer Münze, unterlegt von einem Zeitungsausschnitt, einem Abziehbild, Abzeichen, Kaffeerahmdeckeli und einer Postkarte, welche wir als Familie ihm geschickt haben. Oder eine Kinderzeichnung von einem seiner Enkelkinder konnte durchaus neben einem Ersttagskuvert mit Ernibriefmarken und neben einer persönlichen Erni-Widmung liegen.

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Meine Mutter sichtet zur Zeit zusammen mit 5 Mitgliedern des Philatelistenvereins Solothurn die über 100 Bundesordner (!) meines im Herbst 2015 leider verstorbenen Vaters. Etwa 3 Abende à ca. 5 Stunden haben die Männer bisher konzentriert damit verbracht, das Lebenswerk meines Vaters zu zerlegen – noch ist diese Arbeit nicht abgeschlossen. (Nachtrag, 28.6.16 Meine Mutter schätzt, dass rund 40 Arbeitsstunden dafür investiert worden sind.)

Diese Herren seien schweigend an ihrer Arbeit gesessen, die Sammlung meines Vaters zu sichten und nach ihren Ordnungsprinzipien auseinander zu nehmen, erzählte meine Mutter. Nur ab und zu hätten Ausrufe des Erstaunens die konzentrierte Stille unterbrochen: „Jetzt schau dir mal diese Marke an!“ Oder: „Was für ein Mensch! – Das gibt es ja nicht! – Die Art, wie er sammelte, zeigt seine interessante, vielfältige Persönlichkeit. Auf diese Art sammelt sonst kein Mensch. – Sowas habe ich noch nie gesehen! – Unglaublich!“

Die Bibliothek meines Vaters enthielt ausser seiner Ordner und Fotoalben auch sehr viele verschiedene Bücher. Ich glaube, es gibt kein einziges Buch darin, das keine Briefmarke zum Thema und keinen Zeitungsartikel enthält.

Letzten Samstag habe ich selber 2 Stunden damit verbracht, verschiedene Beigen (Schweizerdeutsch für Stapel) zu erstellen

solche für Sammler:

  • Ersttagskuverts, schön gestempelt
  • Schöne alte Postkarten
  • Ungestempelte Briefmarken, welche man noch verwenden kann – zusammengestellt in Kuverts à je Fr. 100.– Nominalwert. Der Verein kauft sie uns für je Fr. 70.– ab. Es kamen einige solcher Kuverts zusammen
  • Gestempelte, schöne und teilweise wertvolle Briefmarken
  • Sammlerbriefmarken, nicht für den Gebrauch gedacht
  • Schöne, alte Postkarten
  • 200 Jahre alte Briefe oder noch ältere…

solche für die Brockenstube:

  • Abzeichen, Medaillen, Pins
  • noch gut erhaltene Ordner

und mehrere Abfallbeigen:

  • Sichtmäppchen en masse
  • weniger schöne Ordner
  • Zeitungsartikel, welche kaum mehr jemand interessieren wird im Zeitalter von Googel
  • Kalenderbilder

Die eigene Ordnung meines Vaters wird in eine andere, massentaugliche Ordnung gebracht. Mir hat es fast das Herz zerrissen, sein Lebenswerk auseinandernehmen zu müssen. Meine Mutter hat erzählt, mein Vater hätte jede freie Minute seines Lebens mit Ordnen, Sichten, Lesen, Sammeln und Neuordnen verbracht und manchmal kaum Zeit gehabt, in Ruhe die Zeitung zu lesen. Wenn wir miteinander plauderten, kam es sehr oft vor, dass er sagte, er hätte da was zum Thema. Er stand dann auf und griff zielsicher nach einem seiner über 100 Ordner, blätterte darin und zeigte uns einen Zeitungsausschnitt oder eine interessante, wertvolle Marke dazu und gab uns mit seinen Erzählungen einen Einblick in sein immens grosses, breites und tiefes Allgemeinwissen.

Er sammelte nicht in erster Linie, um ein Kapital anzuhäufen. Er betonte immer wieder den Sammlerwert seiner Marken und dass man zuerst einen Käufer finden müsste, wollte man eine seiner wertvollen Stücke veräussern. Er hätte wohl seine gesamte Sammlung gern weiterverschenkt, hätte er von einem Menschen gespürt, dass er diese lieben und schätzen würde, um der Sammlung und nicht des Geldes willen. Traurig für ihn war zu erleben, dass keines seiner Kinder oder Enkelkinder seine Leidenschaft weiterführen mochte.

Er wollte sich nie bloss auf ein einziges Sammelthema festlegen. Mir kommt manchmal mein Blog genauso vor. Ich habe das von ihm geerbt. Ich will nicht ausschliesslich einen Blog übers Wandern/Ausflüge, einen anderen zur Fotografie, einen dritten zum Line Dance, einen vierten zum Thema Christlicher Glaube, einen fünften zum Thema Familie, einen sechsten über meine Journalistischen Tätigkeiten verfassen und einen siebten darüber, wie ich meine Hochsensibilität im Alltag erlebe – sondern einen Einzigen: über mein Leben, das hoffentlich auch so vielfältig und bunt ist, wie es das Leben meines Vaters  war.

Meine mittlere Tochter war es, welche sagte: „Es ist so schade, dass das Lebenswerk meines Grossvaters derart zerpflückt wird. Man sollte wenigstens einen einzigen Ordner so aufbewahren, wie er gesammelt hat.“ Sie hat nun einen kleinen Ordner zur Würdigung des Lebenswerkes ihres Grossvaters geschenkt erhalten.

Mein Vater verschickte selber auch gerne Briefe und Postkarten. Immer waren sie mit seinen kreativen Basteleien versehen.

Er sammelte auch Poststempel. Oft hat er die Angestellten an Postschaltern in Verlegenheit gebracht, weil er Stempel auf alle möglichen Artikel wünschte – was im Grunde genommen gegen die Postgesetze verstiess. Die Männer des Philatelievereins staunten auch hie und da, auf was mein Vater überall einen Poststempel gedrückt erhielt. Er konnte sich jeweils lausbubenartig freuen, wenn ihm eine Schaltermitarbeiterin versicherte: „Nor, wöu Sie es send.“ („Nur weil Sie es sind.“) Er kannte mit der Zeit Poststellen, welche ihm gewünschte Stempel anbrachten. Dabei stimmte die Uhrzeit, der Ort, das Sujet mit dem überein, was er in seiner Sammlung ergänzen wollte.

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Wie ich meinen Vater kenne, hat der Löwe im Stempel die symbolische Bedeutung, dass Jesus der Löwe aus dem Stamm Juda ist. 😉

Niemand von unserer Familie kann über 100 Bundesordner in seiner Wohnung aufbewahren. Wir werden versuchen, soviel wie möglich zu verkaufen.

Die Reihen in den Gestellen bei meiner Mutter zuhause lichten sich. Zurück bleiben grosse Lücken. Mein Vater, dem ich immer nahestand und dem ich sehr ähnle, fehlt mir, er wird aber immer einen grossen Platz in meinem Herzen einnehmen.

 

 

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Wir von da oben – Fortsetzung folgt

Über 10 Jahre lang verfolgte ich die „Auf- und Ab’s“ der Bergbauernfamilie Gisler in unserer Wohnstube vor dem TV, via SRF1. Sie bewirtschaften einen Betrieb auf mehreren Stufen und ziehen dafür ein paarmal im Jahr um. Seltsam – irgendwie fühlt man sich mit Menschen, welche man über eine gewisse Zeit via Fernsehkasten „trifft“ (zwar einseitig) doch recht verbunden.

Das Schächental gehört zu jeder Jahreszeit zu unseren bevorzugten Wandergebieten. Hier Fotos von einer früheren Wanderung Tristel-Urigen.

Und so waren wir am Samstag, 18.6.16 wieder einmal auf dem Schächentaler Höhenweg unterwegs.

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In der Bahn der Eggberge

Dieses Mal wählten wir die Strecke EggbergeRuogig aus.

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Beim Alpenkiosk am Fleschsee liessen wir uns von Bärti kulinarisch verwöhnen. Bald setzte er sich zu uns und wir waren im Gespräch vertieft. Irgendwann wagte ich es, ihn zu fragen, ob wirklich er es sei, jener Bärti, über dessen Familie das SRF1 über Jahre eine Dok gedreht habe? Ja, erwiderte er schmunzelnd – ob wir es denn gesehen hätten? Natürlich.

Und schon erfuhren wir das Neuste von ihm und seiner Familie:

Der älteste Sohn bewirtschaftet immer noch alle Stufen, obwohl er sich dessen im Film nicht so sicher war. Hier ein anderes Beispiel eines Mehrstufenbetriebs, wie es in der Schweiz noch einige gibt.

Es ist immer noch so, dass alle einander unterstützen, gerade beim Wildheuet.

Der Betrieb wird in etwa 3-4 Jahren schuldenfrei sein. Die Eltern haben seinem Sohn und dessen Familie einen modernen Betrieb überlassen.

Es sei ihm einfach gefallen, den Betrieb loszulassen, meinte Bärti. Er lasse die Jungen so „gschirren“ (arbeiten/machen), wie sie es für gut befänden und mische sich nicht ein.

Ein sympathischer Mann, eine eindrückliche Bergbauernfamilie. Zum Glück gibt es Menschen wie sie, welche diese harte Arbeit nicht scheuen. Und weil wir so lange mit ihm plauderten, mussten wir uns dann auf dem Weg zur Ruogigbahn sputen und unten aufs Postauto rennen. Aber es hat sich gelohnt für diese schöne, herzliche, wohltuende Begegnung. 😉 
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Licht am Ende des Tunnels

Erst nach dem Mittag am Sonntag, 5. Juni 2016, fuhren wir per Auto nach Rynächt, um uns am Volksfest über den längsten Eisenbahntunnel der Welt mitzufreuen. Aus Zeitgründen hatten wir nur im Sinn, die beiden Festplätze Rynächt und Erstfeld zu besuchen und bei anderer Gelegenheit einmal durch den Tunnel zu fahren.

In Rynächt genossen wir zuerst ein Konzert von Knackeboul. Es ist wohl selten möglich, ihn derart zum Greifen nah zu geniessen, wie wir es konnten, denn der tanzte durchs Volk und rappte spontan über Menschen, welche ihm dabei auffielen. Viele Menschen tanzten spontan mit – ein Volksfest, das mitriss!

Die Stände erinnerten mich an eine Gewerbeausstellung oder eine Expo – letzterer Vergleich natürlich im Miniformat gemeint. 😉 Um 3 D Brillen auszuprobieren, hätte man zu lange anstehen müssen, aber zum Glück hat unser Sohnemann eine Brille, in die man sein Handy legen und 3 D Filme bestaunen kann, selber gebastelt – so könnten wir den SBB Film zuhause geniessen.

Viele Unternehmen warben für sich selber – wir fühlen uns dabei bestens unterhalten. Am Coopstand gab es stur nur originelle Stofftaschen, wenn man ein Quiz spielte, wofür man anstehen musste, was wir nicht taten. Währenddem sang der Urner Gospelchor von „Umbrella“ und der Regen setzte prompt ein.

Am Stand der Mobiliar rubbelten wir gesuchte Orte in der Schweiz auf einer Karte derart genau auf, dass ein Mitarbeiter völlig verblüfft, uns statt eines gewöhnlichen Sofortpreises 3 Tickets für die Reise durch den neuen Gotthardtunnel und über die alte Strecke retour anbot, sollte nicht sein „Chef-Chef“ in den nächsten 30 Minuten noch Eigenbedarf ankündigen. Die Tickets seien für ihn hinterlegt worden, aber mit der Weisung, sie dürften verschenkt werden, sollte er sie nicht selber benötigen. Um 16.09 Uhr fuhr der letzte Zug durchs Tunnel Richtung Tessin und zu unserem Glück meldete sich der Mobiliar-Chef nicht. Danke, an dieser Stelle. 🙂 Wir durften sogar in einen 1. Klass-Waggon steigen, da alle 1. Klassabteile mit 2. Klasse umgeschrieben wurden.

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So befanden wir uns plötzlich auf einer Reise ins Tessin, von der wir beim Aufstehen am Morgen noch nichts gewusst hatten. 😀

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Die Fahrt durchs Tunnel selber war so wie es andere vor uns bereits beschrieben: dunkel – wer hätte das gedacht – und nur deswegen spektakulär, wenn man sich der baulichen Meisterleistung bewusst wurde.

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Im Süden (Pollegio) schlug uns ein warmer Wind entgegen und die Sonne zeigte sich tatsächlich! Lustig: im Tessin hörte man auf einen Schlag meistens nur Italienisch und auf der Urner Seite Schweizerdeutsch – obwohl es doch durch die schnelle Tunnelverbindung eine grössere Durchmischung hätte geben sollen?

Gerade rechtzeitig kamen wir an, um uns die Show, von der wir im Vorfeld nicht nur Positives lasen, anzuschauen. Das Ganze war beeindruckend und unterhaltsam. Traditionelle Alphornklänge und unsere Schweizer Militärmusik wurde mit modernem Tanz kombiniert. An einer imposant grossen Leinwand, auf welche Bergmassive oder technische Elemente projeziert wurde, turnten Mineure in ihren orangen Arbeitskleidern rum. Aber weswegen Bergarbeiter später halb nackt tanzen mussten, verstanden wir ebensowenig wie der Sinn der mystischen Elemente . Und warum tanzen diese Heuhaufen? Ah – der tiefere Sinn, der gar nicht vorhanden ist, erschliesst sich mir heute. Danke, SRF 3.

Noch ein bisschen verwirrt von diesem Spektakel, begaben wir uns bereits zum Shuttlebus, welcher uns nach Biasca zum SBB Anschluss nach Erstfeld fuhr. Und dann ging es auf der alten Bahnstrecke, dreimal am berühmten Chileli von Wassen vorbei, Richtung Norden.

Der Herr in unserem Abteil begann plötzlich ausgehend von der schönen Bergwelt davon zu erzählen, dass es einmal im Paradies keine Berge mehr geben würde. Er sei im Koma gelegen und habe das Licht am Ende des Tunnels gesehen. Und dann plauderte er eine gefühlte Ewigkeit vom Paradies, Jesus, von 7 mysteriösen Toren, welche man nach dem Tod durchschreiten müsse, aber das 7. Tor werde am Sonntag nicht geöffnet, weil Gott dann ruhe – und wir schauten einander immer verstohlener an, versuchten, uns selber in Gespräche zu verwickeln, uns hinzuweisen auf die vielen Wasserfälle, schöne Tessinerhäuser…. Nichts half – nichts stoppte seinen Redefluss. Was hätten wir tun können? Wir waren gefangen in seiner Gemeinschaft, im Viererabteil, konnten ihm nicht entfliehen. Irgendwann stoppte er dann doch mit der Bemerkung, er sei wieder hier auf die Erde zurückgekehrt nach seinem himmlischen Ausflug, um sich nun seinen nächsten Aufenthalt im Himmel, der dann ewig sein werde, zu verdienen durch möglichst gute Werke. Da schoben wir ganz kurz ein, dass wir glauben würden, das ewige Leben im Himmel würde uns laut Bibel geschenkt, man könne es nicht verdienen. Wir hätten alle gesündigt und Jesus sei deswegen auf die Erde gekommen, um uns unsere Sünden zu vergeben. Dieses Geschenk könne man annehmen oder auch nicht, aber durch eigene Werke könne man sich den Himmel ganz sicher nicht verdienen. Er wurde fast zornig und von da an sehr wortkarg, währenddem uns die Fahrgäste im Abteil nebenan ebenso verstohlen musterten, wie wir uns gegenseitig vorher. 😉

Ich weiss nicht, ob uns die Fahrt über die alte Strecke nach Norden deswegen im Vergleich zur Fahrt durch den Tunnel in den Süden wie eine Tagesreise vorkam.

In Erstfeld suchten wir zuerst den Shuttlebus, welcher uns dann aber zuverlässig zu unserem Ausgangspunkt auf den Parkplatz Rynächt brachte. Der Shuttletransport mit den Postautos hat überall super speditiv funktioniert.

Zuhause erwartete uns ein Gemisch aus Regen und Sonne, aus Süd- und Nordwetter.

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Nachtrag: danke Coop! 🙂 IMG-20160614-WA0000