Bald jĂ€hrt sich der Todestag meines Vaters zum 2. Mal. Wir sind immer noch am Sichten/RĂ€umen von seinen vielen Sammlungen (Briefmarken, MĂŒnzen, Nostalgisches…) Letzte Woche haben meine mittlere Tochter und ich beim Durchstöbern von Ordnern ein paar interessante Sachen aus dem Leben meines Vaters erfahren. Zum Beispiel, dass er sogar weltweit eine KapazitĂ€t war, was WĂ€rmebehandlung von Metall betrifft. Er ging an Konferenzen als Delegierter der Schweiz, offiziell aufgeboten seitens des Bundesrates, war Dozent an der Fachhochschule ZĂŒrich und bildete Lehrlinge aus. Das war mir bis heute nicht bewusst. Ich wusste, dass mein Vater geschĂ€ftlich mehrmals in Paris war, aber nicht, dass dies einmal kurz vor meiner Geburt noch der Fall war. Meine Schwester erzĂ€hlte mir gestern, dass er einmal ein Raketenteil, das fĂŒr die NASA produziert wurde, persönlich in die USA begleiten musste. Unter grössten Sicherheitsauflagen. Mein Vater war massgeblich an der Produktion dieses StĂŒcks beteiligt gewesen. Damals sprach er noch nicht Englisch. Er hat dies erst spĂ€ter gelernt und mit mir lange Zeit brieflich in Englisch korrespondiert, um es zu lernen und praktizieren.
Und noch was habe ich in diesen Ordnern gelesen: dass er an einem Wettbewerb kĂŒnstlerischer Natur, mitgemacht hat. Im Ordner ist seine Arbeit beschrieben. SpĂ€ter am Tag habe ich diese kleine Eisenskulptur in einem Zimmer des Hauses meiner Eltern zufĂ€llig entdeckt. Lustig – sie ist mir bisher nie aufgefallen. Da lese ich was in einem Ordner, vom Vater angelegt und sehe dieses kĂŒnstlerische Werk daraufhin sofort.  Meine Mutter wusste nicht mehr in welchem Zusammenhang er dieses StĂŒck erstellt hat. Sie meinte aber, er wĂ€re wohl glĂŒcklicher gewesen, wenn er als KĂŒnstler hĂ€tte leben können statt als Mechaniker. Nur hĂ€tte er halt damit nicht eine Familie ernĂ€hren können. Meine Schwester hat mir gestern auch ĂŒber diese kĂŒnstlerische Ader meines Vaters die Augen geöffnet. Ja, es stimmt: bei jeder Gelegenheit hat er sich mit uns Kindern und spĂ€ter mit den Enkelkindern hingesetzt und uns ermutigt, zu malen, was wir sehen wĂŒrden. Meine Schwester ist bis heute am Aktivsten von uns kĂŒnstlerisch tĂ€tig. Ich versuche mich hie und da ebenfalls im Malen. Ich kombiniere es mit der Fotografie…. Auch die Schreiblust habe ich von meinem Vater geerbt. Ich habe in besagen Ordnern Gedichte und andere Schreiberzeugnisse gefunden.
Berufliche KapazitĂ€t, KĂŒnstler, Religionslehrer – und gemobbt
Diese Entdeckungen ĂŒber meinen Vater begeisterten mich. Aber sie stimmten mich auch nachdenklich und erinnerten mich an Mobbingzeiten. Das kam so: mein Vater war seitens seines Arbeitgebers, zeitlebens unter Druck gesetzt worden. Er musste sich weiterbilden, an Konferenzen gehen weltweit – nicht aus freien StĂŒcken, sondern unter Androhung des Arbeitsplatzverlustes,. Ich erinnere mich nicht daran, dass mir mein Vater irgendwann gefehlt hĂ€tte als Kind. In meiner Erinnerung war er nie lange weg. Obwohl er nebst seinem Beruf auch noch in der reformierten Kirche ehrenamtlich engagiert war und auch dort verantwortungsvolle Posten inne hatte (Sonntagsschule: Teamleiter, Religionsunterricht, Besuchsdienst, zeitweise nebenberuflich Sigrist). Aber ich erinnere mich lebhaft daran, dass unsere Familie oft unter ExistenzĂ€ngsten litt. Damals, vor rund 50 Jahren war es noch viel schlimmer als heute, wenn ein Vater arbeitslos wurde. Die Ehefrauen arbeiteten oftmals noch nicht auswĂ€rts. Die Familie war auf dieses eine Einkommen dringend angewiesen. Oft herrschte „dicke, bedrĂŒckende Luft“ am Familienesstisch, weil mein Vater trotz seiner KapazitĂ€t um seinen Arbeitsstelle bangte. Er wurde zur Karriere gezwungen, wurde x mal intern in eine andere Abteilung versetzt, hatte es aber ĂŒberall schwer. Er klagte oft, er fĂŒhle sich „zwischen Stuhl und BĂ€nken“. Er, der von der „Picke auf“ lernte, was es heisst, als einfacher Mechaniker zu arbeiten, war spĂ€ter gezwungen, unrealistische Vorstellungen und Vorschriften umzusetzen, welche ETH Studenten in den Betrieb hinein brachten. Ein Beispiel der „Plagerei“ (QuĂ€lerei) war, dass im GrossraumbĂŒro, in dem er arbeitete, Stumpen und Zigaretten geraucht wurden – obwohl bekannt war, dass mein Vater eine SchwĂ€chung auf der Lunge hatte.
Mehrmals meinten wir, wir mĂŒssten berufsbedingt umziehen. Wir waren oft wie „auf dem Sprung“. Diese PlĂ€ne des Arbeitgebers wurden dann jedes Mal aufgegeben, aber sie prĂ€gten unsere FamilienathmosphĂ€re. Einmal hat sich gar meine Mutter gewagt zu wehren. Denn wir hĂ€tten nach Altdorf umziehen mĂŒssen. Bekannt fĂŒr Föhnwetter. FĂŒr meine Mutter, welche ab und zu unter MigrĂ€ne litt, eine Horrorvorstellung. Und ein anderes Mal – wir hĂ€tten nach Bern umziehen wollen – hat sich mein 6. Klass-Primarschullehrer fĂŒr uns beim Chef meines Vaters persönlich eingesetzt! Wo gĂ€be es das heute noch??!! Damals kannte man im Bernbiet bereits das FrĂŒhfranzösisch in den Schulen. Mir hĂ€tte bei einem Umzug 2 Jahre Französisch gefehlt. Mein Lehrer meinte, dass ich unter diesen UmstĂ€nden die Sekundarschule nicht schaffen wĂŒrde. Er wĂ€re aber sonst, wenn es soweit gekommen wĂ€re, bereit gewesen, mir kostenlos Privatunterricht in Französisch zu erteilen.
Wir wohnten in einem Hochhaus, das hauptsĂ€chlich von Mitarbeitern des Betriebes bewohnt war, in dem mein Vater ebenfalls Angestellter war. Ich glaube, wir waren an die 30 Familien in diesem Haus. Jedesmal, wenn es hiess, „dr Fankhuser“ wird wahrscheinlich auswĂ€rts versetzt, gab es solche, welche mit dem internen Umzug in unsere Wohnung liebĂ€ugelten. Als der Umzug nach Bern drohte, war es ganz schlimm fĂŒr mich: mein Zimmer wurde von einer Frau, welche mit ihrer Familie eine nicht so schöne Wohnung im selben Hochhaus bewohnte, vermessen und laut dachte sie vor mir, wie sie das Zimmer fĂŒr ihre Tochter, welche mit mir befreundet war, einrichten wĂŒrde. Als es dann nichts wurde mit dem Umzug nach Bern, zettelte diese Familie einen Kleinkrieg an gegen uns und spĂŒrte ich am eigenen Leib, was vorher nur mein Vater am Arbeitsplatz erlebte: Ausgrenzung, Isolation. Meinen besten Freundinnen wurde seitens ihrer Eltern verboten, mit mir Kontakt zu haben. Einmal habe ich ein GesprĂ€ch der vielen Hochhauskinder im Treppenhaus belauscht. Sie erzĂ€hlten, meine Mutter sei eine Hexe (sie hatte damals einen Kropf am Hals). Ihre Eltern hĂ€tten gewarnt vor uns und gesagt, sie mĂŒssten uns meiden. Wir hĂ€tten sowieso nicht den richtigen Glauben. (Wir waren in der Hochburg der Katholiken einige der wenigen Reformierten.) Heulend lief ich in die Wohnung und erzĂ€hlte meiner Mutter schluchzend, was ich gehört hatte. „Du musst deine Feinde lieben und vergeben. Tu ihnen ĂŒberraschend Gutes, statt dich zu rĂ€chen“, war ihre Antwort, welche ich aber ĂŒberhaupt nicht verstand damals. Fortan hatte keine einzige Freundin mehr, war total einsam, hatte nur noch mein Meerschweinchen und mein Tagebuch. Meinen Eltern erzĂ€hlte ich nichts mehr von meiner Not. Ich sah, wie sie litten und ich wollte sie nicht noch mehr belasten. Doch wahrscheinlich war diese dunkle Zeit fĂŒr mich Wegbereiter, damit ich zum lebendigen Glauben an Jesus Christus fand. Ohne diese schwere Zeit, wĂ€re ich wohl nicht offen fĂŒr das Evangelium gewesen.
Bevor im Gemeinschafts-BĂŒro mit der Arbeit begonnen wurde, lasen laut Berichten meines Vaters alle seine Arbeitskollegen die Zeitung. So nahm er sich die Freiheit, in dieser Zeit in der Bibel zu lesen. Nie lĂ€nger als die anderen Zeitung lasen. Dennoch wurde ihm auch das jeweils „angekreidet“. Die Tageslosung las er in Englisch und manchmal schrieb er mir ein paar Zeilen (habe den Arbeitsort/Unternehmung wegretuschiert):


Als er diese zwei Briefe schrieb, war er mitten im Englischstudium und 58 Jahre alt.
Am Tag seiner Pension, schrieb er – auch das habe ich in einem Ordner entdeckt: „Am Abend fragt die Frau: wie war’s? Und du hörst dich selber sagen: es war eigentlich noch ganz schön.“ So war er mein Vater: trotz allem positiv gestimmt, humorvoll und bis zu seinem Lebensende stolz auf seinen Arbeitgeber. Er ging jeweils voll Freude zu den Veranstaltungen der Pensionierten.
Diesen Brief schrieb er, als er lÀngstens pensioniert war. Heute kommt er mir vor wie ein Gruss aus dem Himmel:

Ich vermisse meinen Vater. đ
Moin. Ich sag’s mal so: Sich mit der Geschichte der Vorfahren zu beschĂ€ftigen, dass kann sehr interessant sein. Und ernĂŒchternd. Und … was weiĂ ich noch.
Ich habe das intensiv vor einigen Jahren gemacht …
https://sven2204.wordpress.com/2012/09/05/nachdenkpause/
… und dabei alles aufgeschrieben. Am Ende ist ein kleines Buch daraus geworden. Ich habe es mir drucken und binden lassen. Nur fĂŒr mich. Letztendlich musste ich nachbestellen, weil es viele aus dem familiĂ€ren Umfeld haben wollten.
Ich weiĂ heute, dass das wichtig fĂŒr mich war. Erst bei meinen Recherchen habe ich erahnt, wie traumatisiert mein Vater durch die Flucht 45 war, usw., usw.. Das hat viele seiner Verhaltensweisen, bzw. die meiner Eltern, verstĂ€ndlicher gemacht.
Doch bei alledem: Immer hĂŒbsch munter bleiben đ
GrĂŒĂe von der Ostsee
Vielen herzlichen Dank fĂŒr deinen Kommentar, dein Mitlesen und MitfĂŒhlen.
Ja, mir hilft es auch, im Nachhinein unsere ganze Familie besser zu verstehen. Gell:âLeben lĂ€sst sich nur rĂŒckwĂ€rts verstehen, muss aber vorwĂ€rts gelebt werden.â
Sören Aabye Kierkegaard
Danke fĂŒr deinen Link – habe deinen Beitrag mit Interesse gelesen.