Warum muss eigentlich immer alles einen Sinn ergeben?

Es gibt Menschen, die suchen im Leid gerne nach einem tieferen Sinn.

Es muss doch einen Grund geben, weshalb jemand so Schweres durchmachen muss! Irgendetwas muss der Betreffende doch daraus gelernt haben. Eine Lebenslektion vielleicht? Ist er dadurch stärker, liebevoller oder empathischer geworden? Hat er gelernt, das Leben mehr zu schätzen?

Gerade unter Christen begegnet mir dieses Bedürfnis nach einer Erklärung immer wieder.

Wenn jemand von seinem Leiden erzählt, möchte man gerne hören, dass er dadurch eine besondere Gotteserkenntnis gewonnen hat. Dass sein Glaube gewachsen ist. Dass er Gott auf eine ganz neue Weise begegnet ist.

Und ganz sicher hat er doch gespürt, wie Gott ihn hält, trägt und tröstet?

Wenn schon keine Heilung geschieht, dann müsste ein Gotteskind doch wenigstens Gottes Nähe ganz besonders tief erleben dürfen!

Aber was, wenn all das ausbleibt?

Wenn das Leiden keinen erkennbaren Sinn ergibt?

Wenn Gottes Nähe nicht spürbar ist? Wenn das Gefühl, von ihm getragen zu werden, ausbleibt? Wenn selbst alte, lieb gewordene Glaubenslieder das Herz nicht mehr erreichen?

Und wenn dieser Zustand nicht nur ein paar Tage dauert, sondern Wochen und Monate? Ohne dass ein Ende des Tunnels in Sicht wäre?

Liegt es dann am Glaubenden?

Vielleicht hat er zu wenig geglaubt? Zu wenig gebetet? Zu negativ gedacht? Zu viel gegrübelt?

Hat er womöglich etwas versäumt, das die Bibel empfiehlt? Zum Beispiel das Gebet und die Salbung durch die Ältesten?

Oder steckt gar eine Sünde dahinter? Ein Fluch? Hat der Leidende irgendwelchen finsteren Mächten Einlass gewährt?

Irgendetwas muss doch sein!

Denn es kann doch nicht sein, dass ein gläubiger Christ einfach leidet, ohne dass es dafür eine geistliche Erklärung gibt.

An Gott kann es schliesslich nicht liegen. Oder?

Vielleicht möchte Gott dem Betreffenden einfach eine Lebenslektion erteilen. Ihm etwas beibringen, das er anders nicht lernen würde.

Aber wisst ihr was?

Wenn ich diesen Gedanken zu Ende denke, bekomme ich grosse Mühe damit.

Was wäre das für ein Gott?

Mein Mann Andy und ich hatten uns auf eine besondere Reise gefreut. Wir wollten unsere Tochter und unseren Schwiegersohn in Peru besuchen, sehen, wo sie zurzeit leben und arbeiten, und gemeinsame Zeit mit ihnen verbringen.

Stattdessen wurde unsere Reise von medizinischen Notfällen, Untersuchungen, Operationen, Sorgen und endlosen Wartezeiten überschattet.

Andy musste insgesamt drei Augen-Notoperationen über sich ergehen lassen. Eine fand in Bogota (Kolumbien) statt, die andere in Cusco (Peru) und eine dritte war in der Schweiz nötig. Auch jetzt noch, Wochen nach unserer Rückkehr ist er gesundheitlich stark angeschlagen. Er verliert immer mehr Gewicht, sein Durchfall hört nicht auf, seine chronischen Atemwegsbeschwerden werden nicht besser.

Und ich? Ich leide psychisch und körperlich mit. Ich bin erschöpft, habe Angst und erkenne mich manchmal selbst kaum wieder.

Soll das alles notwendig gewesen sein?

Hat Gott bewusst zugelassen, dass unsere Reise so verlief, weil wir daraus etwas lernen sollten?

Hat er dafür gesorgt, dass wir die gemeinsame Zeit mit unserer Tochter und unserem Schwiegersohn kaum so geniessen konnten, wie wir es uns gewünscht hatten?

Musste Andy all das durchmachen, damit am Ende irgendeine besonders wertvolle Lebenslektion steht?

Versteht ihr, worauf ich hinauswill?

Wenn ich glauben müsste, dass Gott uns all das bewusst geschickt oder eigens als Lektion zugelassen hat, dann müsste ich ihn im Umkehrschluss als grausam empfinden.

Was wäre das für ein Gott, der uns solche Erfahrungen zumutet, damit wir hinterher etwas lernen?

Mit meinem Glauben an einen liebenden Gott lässt sich diese Vorstellung nicht vereinbaren.

Hiobs Freunde wussten es auch besser

In letzter Zeit denke ich oft an die Geschichte von Hiob.

Als Hiob alles verloren hatte und in tiefstem Leid versank, kamen drei Freunde zu ihm.

Und wisst ihr, was sie zunächst taten?

Sie setzten sich zu ihm. Sieben Tage und sieben Nächte. Ohne ein Wort zu sagen.

«Denn sie sahen, dass sein Schmerz sehr gross war.» (Hiob 2,13)

Wie eindrücklich!

Sie versuchten nicht, ihn aufzumuntern. Sie suchten nicht nach Ursachen. Sie erklärten ihm nicht, was er anders machen müsste.

Sie waren einfach da.

Doch dann begannen sie zu reden.

Sie suchten nach Erklärungen für Hiobs Leid. Sie meinten zu wissen, weshalb es ihm so schlecht ging. Sie stellten Zusammenhänge her zwischen seinem Verhalten, seinem Glauben und seinem Unglück.

Und plötzlich musste Hiob sich nicht nur mit seinem unermesslichen Leid auseinandersetzen, sondern sich auch noch gegen die Überzeugungen seiner Freunde wehren.

Dabei hatte er doch schon genug zu tragen!

Am Ende gab Gott diesen Freunden keineswegs recht. (Hiob 42,7)

Natürlich wird Hiob am Schluss wieder reich beschenkt. Er bekommt neuen Besitz und weitere Kinder.

Manche sehen darin den Beweis, dass am Ende doch alles gut wurde.

Aber kann ein verlorenes Kind durch ein anderes ersetzt werden?

Kann neues Glück den Schmerz über das Verlorene einfach aufheben?

Ich glaube nicht.

Neues Glück kann entstehen. Aber es macht vergangenes Leid nicht ungeschehen.

Und bemerkenswert finde ich auch: Hiob bekommt keine eigentliche Erklärung dafür, weshalb er all das durchmachen musste.

Warum halten wir das Unerklärliche so schwer aus?

Ich glaube, wir Menschen möchten im Leid gerne einen Sinn erkennen, weil wir mit Schicksalsschlägen dann vielleicht besser leben können.

Wenn etwas einen Zweck erfüllt, ist es leichter einzuordnen.

Wenn jemand aus einer schweren Erfahrung stärker hervorgeht, können wir sagen: Wenigstens war es nicht umsonst.

Wenn sich später etwas Gutes entwickelt, können wir rückblickend behaupten: Jetzt verstehen wir, wozu das alles nötig war.

Aber müssen wir das?

Die Peruaner sagen: «La vida es así.» – So ist das Leben.

Manchmal geschieht etwas Schweres, weil das Leben verletzlich ist. Weil Menschen krank werden. Weil Unfälle passieren. Weil nicht alles vorhersehbar oder kontrollierbar ist.

Auch nicht für Christen.

Glaube ist keine Versicherung gegen Krankheit, Verlust, Angst und Verzweiflung.

Und vielleicht hat manches Leid tatsächlich keinen tieferen Sinn.

Vielleicht ist es einfach nur schwer.

Wenn nichts Gutes daraus entsteht

Natürlich können Menschen durch schwere Erfahrungen wachsen.

Manchmal gewinnen sie neue Einsichten, entwickeln mehr Mitgefühl oder verändern ihre Sicht auf das Leben.

Manchmal lernen sie, kleine Freuden wieder bewusster wahrzunehmen.

Das alles kann geschehen.

Aber daraus folgt nicht, dass das Leiden notwendig war.

Für mich gibt es da einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied:

Aus Leid kann etwas Gutes entstehen, ohne dass das Leid deshalb gut oder notwendig gewesen sein muss.

Und ich möchte noch einen Schritt weitergehen.

Manchmal entsteht auch nichts Gutes daraus.

Manches Leid hinterlässt einfach Wunden. Manches nimmt einem Kräfte, die man vielleicht nie vollständig zurückgewinnt. Manches bleibt schmerzhaft und unerklärlich.

Und manchmal spürt man mitten darin auch Gottes Nähe nicht.

Man betet und hört keine Antwort.

Man singt nicht mehr, weil die vertrauten Lieder einen nicht erreichen.

Man wartet auf Trost, aber er stellt sich nicht ein.

Muss man sich dann auch noch dafür rechtfertigen?

Muss man erklären, weshalb man nicht positiver denkt, nicht dankbarer ist oder nicht stärker auf Gott vertraut?

Ich finde: Nein.

Gott bleibt dennoch der Liebende

Ich glaube weiterhin, dass Gott eingreifen und heilen kann. Dass er medizinische Wege eröffnen, Menschen an unsere Seite stellen und uns beim Tragen unserer Lasten helfen kann.

Ich wünsche mir das sogar sehr.

Aber ich erlebe seine Nähe nicht immer so, wie ich sie mir ersehne.

Und ich möchte nicht behaupten müssen, dass ich mich wunderbar getragen fühle, wenn ich das gerade nicht empfinde.

Ich möchte auch meine Zweifel, meine Fragen und mein Nichtverstehen vor Gott bringen dürfen.

Ohne mich dafür schämen zu müssen.

Ich möchte daran festhalten, dass Gott uns liebt und uns auch durch schwere Zeiten begleiten kann, ohne dass er diese schweren Zeiten gewollt oder verursacht haben muss.

Gottes Liebe hängt nicht davon ab, ob ich meinem Leiden irgendwann einen Sinn abgewinnen kann.

Und mein Glaube muss sich nicht dadurch beweisen, dass ich immer positiv denke.

Vielleicht dürfen wir Christen viel öfter sagen:

«Ich weiss nicht, warum das geschehen ist.»

«Ich habe keine Erklärung.»

«Ich verstehe auch nicht, weshalb Gott nicht eingreift.»

Und vielleicht dürfen wir dann einfach beieinander bleiben.

So wie Hiobs Freunde in ihren ersten sieben Tagen.

Ohne Antworten.

Aber da.


Ein Gebet

Vater im Himmel,

ich möchte nicht mehr für alles eine Erklärung finden müssen.

Ich möchte nicht hören, dass unser Leiden notwendig ist, damit daraus etwas Schönes entsteht.

Vielleicht ist manches einfach nur schwer.

Aber ich darf trotzdem glauben, dass du uns darin nicht verlässt.

Du musst unser Leid nicht gewollt haben, um uns darin zu begleiten.

Und ich muss seinen Sinn nicht verstehen, um deine Liebe zu suchen.

Auch wenn ich deine Nähe nicht immer spüre, darf ich daran festhalten, dass du mich liebst.

Du bist mir nah.

Amen.


Bereits 2019 habe ich über die Frage gepredigt, weshalb Gott uns nicht vor allem Leid bewahrt. Heute, sieben Jahre später und um manche schmerzhafte Erfahrung reicher, denke ich darüber weiter nach. Einige meiner damaligen Antworten würde ich heute vorsichtiger formulieren. Andere Fragen sind noch dringlicher geworden.

Damals wusste ich bereits, dass auch gläubige Menschen leiden. Heute weiss ich, dass dieses Leiden Tiefen erreichen kann, in denen selbst die vertrautesten Glaubensgewissheiten nicht mehr als Trost empfunden werden. Und dass auch dort Fragen offenbleiben dürfen.