Gmerk-würdiger Tag

Was für eine gmerk-würdig-e  Zeit, der Donnerstag, 7. Juli und Freitag, 8. Juli 2016.

15 Jahre lang ging ich in der Beckenrieder Schule ein- und aus. Als Mami von Schulkindern. 10 Tage vor der Geburt unseres Jüngsten, zogen wir von Ennetbürgen nach Beckenried um. Unsere beiden Mädchen absolvierten in Ennetbürgen  den Kindergarten und die EK (Einführungsklasse – das Kind absolviert die 1. Klasse innerhalb von 2 Jahren). Im Geburtsjahr von Tobias – 2001 – starteten unsere Mädchen in der 2. und 4. Klasse in Beckenried. Muki-Turnen (Mutter-Kind), Elternabende, Elterngespräche, Schulveranstaltungen gehörten von da an zu unserem normalen Familienalltag. 15 Jahre lang. Und ab heute ist alles anders. Ich wurde zusammen mit dem Jüngsten aus der Schule „entlassen“. Dies ist nicht nur für ihn ein neuer Lebensabschnitt, sondern auch für mich als Mutter, denn wieder einmal gilt es, ein Stück weiter loszulassen. Ich habe heute gehört, wie wehmütig Eltern von Spielgruppenkindern oder Kindergärtnern sind, dass sie nach den Sommerferien ein „Level“ höher steigen. Genauso ging es mir damals auch – und heute erst recht. Es wird einem als Mutter bewusst, wie schnell die Kinder gross werden und man denkt mit Wehmut an gemeinsam Erlebtes zurück, das für immer der Vergangenheit angehört.

Nach den Sommerferien gehts für die Schüler der Abschlussklasse ein „Level up“, wie sie ihr Motto nennen. Tobias gestaltete das T-Shirt für seine Klasse. „Level up“, lehnt sich an das PC Spiel „Mario“ an, bei dem es, nachdem man etliche Herausforderungen erfolgreich gemeistert hat, ein Level höher geht.

Gestern, am Donnerstagmorgen um 3 Uhr fanden sich diese Schüler tatsächlich schon in der Schule ein, um gemeinsam ein paar Streiche für die anderen Schüler vorzubereiten. Was mich erstaunte dabei: alles musste „abgesegnet“ und abgesprochen sein. An der Pinnwand der Schule mussten sie im Vorfeld eine Notiz anbringen, dass empfohlen würde, am Donnerstag Ersatzkleider in die Schule mitzunehmen. Jedes Kind, das in einen Pool gedrückt wurde, musste vorher um Erlaubnis gebeten werden. Nach diesem freiwilligen Bad mussten alle Schulkinder des ORS Schulhauses durch einen Sägemehlteppich laufen und herausfinden, wie sie die Treppen wohl hochsteigen könnten, welche über und über mit Trinkbechern überstellt waren, welche natürlich mit Wasser gefüllt waren. 😉 Irgendwann verbrannten dann die Schüler der Abschlussklasse (AK 16) ihre Hefte und Arbeitsblätter in einem feuerfesten Behälter. Dies musste vorher der Feuerwehr und Polizei angekündigt werden.

Das war eine unruhige Zeit für mich: um 3 Uhr hörte ich, wie Sohnemann aufstand und ab 5 – 8 Uhr vernahmen wir insgesamt 10 Böllerschüsse. Als um 7.30 Uhr die Feuerwehr und die Polizei zu vernehmen waren und zudem eine Art Alarm, wurde es mir doch etwas „gschmuch“ (unheimlich) und ich kontaktierte unseren Sohn per Handy. Umgehend erhielt ich die Entwarnung: alles ok. Der Feuerwehreinsatz hatte nichts mit der Schule zu tun, aber galt leider einer befreundeten Familie, deren Stalldach niederbrannte! Der Alarm war tatsächlich von der Klasse erzeugt (durch eine spezielle Maschine) und musste auch der Polizei vorangekündigt worden.

Gestern Abend waren wir Eltern der AK 16 an einen ganz feierlichen Abschlussabend eingeladen. Die Schüler tischten ein feines, selbstkreiertes Essen auf. Wir Eltern steuerten Desserts bei.

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Es wurde vorgestellt, was jeder Abschluss-Schüler nun vorhat: wie sein nächstes Level aussieht und mit Fotos und in Reimversen wurde Rückschau über die Schulzeit gehalten. Wir konnten alle Abschlussarbeiten durchblättern (unser Sohn thematisierte „Drohnen im Arbeitsbereich“) und die zwei Werkbeiträge – das Bänkli unseres Sohnes und ein Boot (!) bestaunen. Die Schüler schrieben auf Zettel zusammen mit Mutter/Vater persönliche Zukunftswünsche und liessen sie an Ballonen in den Himmel fliegen. Das Fest dauerte bis Mitternacht.

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Dieses Bänkli hat Tobias im Werkunterricht hergestellt.

Heute Freitagmorgen um 6.30 Uhr trafen sich die Burschen bereits wieder zum Tricheln.  (Jetzt gelten sie übrigens beim Samichlauseinzug zu den erwachsenen Männern). Und heute Abend geht für sie das Fest weiter. Sie haben das Jugendlokal für sich gemietet. Ich hoffe, dass dort alles gut geht und muss wieder ein Stück weit loslassen. Denn was wir hörten, hätten vorherige Jahre ortsfremde Jugendliche Ärger bereitet mit mitgebrachtem Alkohol und leichten Drogen. Ich bin froh, wenn unser Junge irgendwann im Verlauf des morgigen Tages dann hoffentlich von einem gelungenen Fest erzählen kann.

Am Freitagvormittag fand im Alten Schützenhaus die offizielle Schulverabschiedung der AK 16 statt, zusammen mit Lehrern, ORS-Schülern der unteren Klassen und interessierten Eltern. Noch einmal hörten wir die Verse von gestern Abend, lachten über ein Lehrerspiel und erlebten mit, wie den Schülern die Zeugnisse feierlich übergeben wurden. Bei dieser Gelegenheit: ich bin ein stolzes Mami von einem Jungen, welcher sehr gut im Stellwerktest abgeschnitten hat!

Heute Mittag erhielt ich Post von einem meiner Arbeitgeber. Ich habe mehrere Teilzeitjobs in Minipensen. An einem Arbeitsort bin ich seit genau 10 Jahren angestellt und ich habe zu diesem Jubiläum eine Urkunde und ein Büchlein erhalten. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Wie schön!

Am Nachmittag nahm ich einen Telefonanruf entgegen. Ich habe mich beim Nidwaldner Blitz auf eine Ausschreibung als „Redaktionelle Mitarbeiterin auf Freelance-Basis“ beworben.

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Im Telefongespräch wurde ich eingeladen, mich nächste Woche vorstellen zu gehen! Ich bin sehr aufgeregt und hoffe, dass ich diese Stelle erhalten werde. Das wäre für mich ein „Level up“. 😉

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So muss ich am heutigen Tag nicht bloss wehmütig zurückschauen und Vergangenem nachtrauern, sondern es wird mir bewusst, dass das Leben dynamisch bleibt. Für mich persönlich, für unsere Familie und auch für euch. 😉 Das Leben ist spannend, herausfordernd – immer wieder gilt es, neue „Level“ zu entdecken. Ich freue mich darauf.


Nachtrag: das Klassenfest im Jugendlokal Lieli verlief, so wie ich gehört habe, gut. Unser Sohn kehrte bereits um 00.30 Uhr heim.

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Sammelleidenschaft

Mein Vater war ein leidenschaftlicher Sammler. Hauptsächlich sammelte er Münzen und Briefmarken. Dies tat er eigenwillig individualistisch. Er hielt sich an keine in Sammelkreisen gültige Regel, welche besagt, dass man sich auf ein Thema konzentrieren soll und vor allem, dass sich in Briefmarkenalben ausschliesslich Briefmarken und in Münzalben gefälligst ausschliesslich Münzen versammeln dürften. 😉

Er sammelte sowohl bei Münzen wie Marken kreuz und quer jedes Thema. Aber wenn er mal ein Thema interessant fand, dann vertiefte er sich konzentriert darauf. Dann lag eine interessante Briefmarke neben einer Münze, unterlegt von einem Zeitungsausschnitt, einem Abziehbild, Abzeichen, Kaffeerahmdeckeli und einer Postkarte, welche wir als Familie ihm geschickt haben. Oder eine Kinderzeichnung von einem seiner Enkelkinder konnte durchaus neben einem Ersttagskuvert mit Ernibriefmarken und neben einer persönlichen Erni-Widmung liegen.

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Meine Mutter sichtet zur Zeit zusammen mit 5 Mitgliedern des Philatelistenvereins Solothurn die über 100 Bundesordner (!) meines im Herbst 2015 leider verstorbenen Vaters. Etwa 3 Abende à ca. 5 Stunden haben die Männer bisher konzentriert damit verbracht, das Lebenswerk meines Vaters zu zerlegen – noch ist diese Arbeit nicht abgeschlossen. (Nachtrag, 28.6.16 Meine Mutter schätzt, dass rund 40 Arbeitsstunden dafür investiert worden sind.)

Diese Herren seien schweigend an ihrer Arbeit gesessen, die Sammlung meines Vaters zu sichten und nach ihren Ordnungsprinzipien auseinander zu nehmen, erzählte meine Mutter. Nur ab und zu hätten Ausrufe des Erstaunens die konzentrierte Stille unterbrochen: „Jetzt schau dir mal diese Marke an!“ Oder: „Was für ein Mensch! – Das gibt es ja nicht! – Die Art, wie er sammelte, zeigt seine interessante, vielfältige Persönlichkeit. Auf diese Art sammelt sonst kein Mensch. – Sowas habe ich noch nie gesehen! – Unglaublich!“

Die Bibliothek meines Vaters enthielt ausser seiner Ordner und Fotoalben auch sehr viele verschiedene Bücher. Ich glaube, es gibt kein einziges Buch darin, das keine Briefmarke zum Thema und keinen Zeitungsartikel enthält.

Letzten Samstag habe ich selber 2 Stunden damit verbracht, verschiedene Beigen (Schweizerdeutsch für Stapel) zu erstellen

solche für Sammler:

  • Ersttagskuverts, schön gestempelt
  • Schöne alte Postkarten
  • Ungestempelte Briefmarken, welche man noch verwenden kann – zusammengestellt in Kuverts à je Fr. 100.– Nominalwert. Der Verein kauft sie uns für je Fr. 70.– ab. Es kamen einige solcher Kuverts zusammen
  • Gestempelte, schöne und teilweise wertvolle Briefmarken
  • Sammlerbriefmarken, nicht für den Gebrauch gedacht
  • Schöne, alte Postkarten
  • 200 Jahre alte Briefe oder noch ältere…

solche für die Brockenstube:

  • Abzeichen, Medaillen, Pins
  • noch gut erhaltene Ordner

und mehrere Abfallbeigen:

  • Sichtmäppchen en masse
  • weniger schöne Ordner
  • Zeitungsartikel, welche kaum mehr jemand interessieren wird im Zeitalter von Googel
  • Kalenderbilder

Die eigene Ordnung meines Vaters wird in eine andere, massentaugliche Ordnung gebracht. Mir hat es fast das Herz zerrissen, sein Lebenswerk auseinandernehmen zu müssen. Meine Mutter hat erzählt, mein Vater hätte jede freie Minute seines Lebens mit Ordnen, Sichten, Lesen, Sammeln und Neuordnen verbracht und manchmal kaum Zeit gehabt, in Ruhe die Zeitung zu lesen. Wenn wir miteinander plauderten, kam es sehr oft vor, dass er sagte, er hätte da was zum Thema. Er stand dann auf und griff zielsicher nach einem seiner über 100 Ordner, blätterte darin und zeigte uns einen Zeitungsausschnitt oder eine interessante, wertvolle Marke dazu und gab uns mit seinen Erzählungen einen Einblick in sein immens grosses, breites und tiefes Allgemeinwissen.

Er sammelte nicht in erster Linie, um ein Kapital anzuhäufen. Er betonte immer wieder den Sammlerwert seiner Marken und dass man zuerst einen Käufer finden müsste, wollte man eine seiner wertvollen Stücke veräussern. Er hätte wohl seine gesamte Sammlung gern weiterverschenkt, hätte er von einem Menschen gespürt, dass er diese lieben und schätzen würde, um der Sammlung und nicht des Geldes willen. Traurig für ihn war zu erleben, dass keines seiner Kinder oder Enkelkinder seine Leidenschaft weiterführen mochte.

Er wollte sich nie bloss auf ein einziges Sammelthema festlegen. Mir kommt manchmal mein Blog genauso vor. Ich habe das von ihm geerbt. Ich will nicht ausschliesslich einen Blog übers Wandern/Ausflüge, einen anderen zur Fotografie, einen dritten zum Line Dance, einen vierten zum Thema Christlicher Glaube, einen fünften zum Thema Familie, einen sechsten über meine Journalistischen Tätigkeiten verfassen und einen siebten darüber, wie ich meine Hochsensibilität im Alltag erlebe – sondern einen Einzigen: über mein Leben, das hoffentlich auch so vielfältig und bunt ist, wie es das Leben meines Vaters  war.

Meine mittlere Tochter war es, welche sagte: „Es ist so schade, dass das Lebenswerk meines Grossvaters derart zerpflückt wird. Man sollte wenigstens einen einzigen Ordner so aufbewahren, wie er gesammelt hat.“ Sie hat nun einen kleinen Ordner zur Würdigung des Lebenswerkes ihres Grossvaters geschenkt erhalten.

Mein Vater verschickte selber auch gerne Briefe und Postkarten. Immer waren sie mit seinen kreativen Basteleien versehen.

Er sammelte auch Poststempel. Oft hat er die Angestellten an Postschaltern in Verlegenheit gebracht, weil er Stempel auf alle möglichen Artikel wünschte – was im Grunde genommen gegen die Postgesetze verstiess. Die Männer des Philatelievereins staunten auch hie und da, auf was mein Vater überall einen Poststempel gedrückt erhielt. Er konnte sich jeweils lausbubenartig freuen, wenn ihm eine Schaltermitarbeiterin versicherte: „Nor, wöu Sie es send.“ („Nur weil Sie es sind.“) Er kannte mit der Zeit Poststellen, welche ihm gewünschte Stempel anbrachten. Dabei stimmte die Uhrzeit, der Ort, das Sujet mit dem überein, was er in seiner Sammlung ergänzen wollte.

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Wie ich meinen Vater kenne, hat der Löwe im Stempel die symbolische Bedeutung, dass Jesus der Löwe aus dem Stamm Juda ist. 😉

Niemand von unserer Familie kann über 100 Bundesordner in seiner Wohnung aufbewahren. Wir werden versuchen, soviel wie möglich zu verkaufen.

Die Reihen in den Gestellen bei meiner Mutter zuhause lichten sich. Zurück bleiben grosse Lücken. Mein Vater, dem ich immer nahestand und dem ich sehr ähnle, fehlt mir, er wird aber immer einen grossen Platz in meinem Herzen einnehmen.

 

 

Zeitreise

Aufräumen, ausmisten, entrümpeln, loslassen und dabei wie bei einer Zeitreise in längst Vergangenes einzutauchen, ist mein „Lebensthema“ seit mindestens einem Jahr.

Zuerst entrümpelten wir unser Zuhause samt Estrich (Dachboden) aufgrund des bevorstehenden Umzugs und aktuell helfen wir meiner Mutter beim Sichten von Dokumenten, Büchern, Sammlungen meines im Oktober 15 verstorbenen Vaters.

Es kann lustig sein oder berührend, auf alte Fotos zu stossen. Und es ist interessant und aufregend zu merken, dass mein Grossvater gerne Gedichte schrieb und auf diese Weise ungeschminkt und mutig seine Sicht der Dinge über die Hochkonjunktur und die Macht des Geldes selbst vor seinem Chef nicht verbarg.

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Und ich lese, wie mein Vater die Zeit seines Abschieds von seinem Vater in Worten festhielt und auf diese Weise verarbeitete. Die Liebe zum Schreiben, zum Wort, aber auch zur Wahrheit und meinen Gerechtigkeitssinn habe ich geerbt und das zu entdecken, berührt mich auf eine wohltuende Weise. Ich habe Gedichte meines Grossvaters und dieses Schreiben meines Vaters nie zuvor zu Gesicht bekommen. Weil es sehr persönlich ist, publiziere ich letzteres hier nicht.

Wie wertvoll ist es doch, dass wir nicht in Eile aufräumen müssen, sondern in aller Ruhe alles durchsehen und dabei in der Familienrunde über Vergangenes und Familienerlebnisse austauschen können.

Meine Gefühle fahren aber dabei Achterbahn. Erst noch gefreut und gelacht über Grossvaters Gedichte, bin ich im nächsten Moment wieder fassungslos wie damals, als ich auf Hilferufbriefe eines Familienmitglieds stosse. Wir erlebten, dass jemand der Familie durch die Hölle ging, mehrmals fast ermordet wurde und jeweils nur knapp entkam. Mein Herz pocht auch jetzt wieder heftig, wenn ich darüber schreibe. :-O Und wie sehr schmerzt es mich, als ich auf einen Ordner stosse, in dem mein Vater Unrecht, das ihm seitens von Familienmitgliedern (nicht von meiner Mutter oder uns Kindern) fortwährend geschah, dokumentierte. Ebenfalls wurde er beim Umbau seines Elternhauses von Handwerkern regelmässig übers Ohr gehauen. Zwar hat er sich gewehrt, als ihm aber nur noch der Rechtsweg übrig geblieben wäre, hat er immer bezahlt, was er überhaupt nicht hätte bezahlen müssen… Er war einfach zu gutmütig, hat des lieben Friedens willen geschwiegen, geschluckt, akzeptiert, dass er den „Kürzeren“ zog. Wahrscheinlich hatte er als überzeugter Christ auch die Auffassung, dass es sich so gehöre, nicht für sein Recht zu streiten. Aber ich weiss jetzt, warum ich als Kind oft eine miese, undefinierbare Stimmung wahrgenommen hatte. So manches, was ich als Kind und Jugendliche nicht einordnen konnte, wird mir jetzt wie „entschlüsselt“, was es aber nicht einfacher macht für mich. Jetzt bin ich nämlich gefragt, ob ich diese Dokumente, welche Unrecht belegen, aufbewahren oder vergeben und loslassen will.

Andere Trouvaillen sind Zeitdokumente, welche nicht nur mich faszinieren, sondern ebenfalls meine gute Bekannte, welche in der Budgetberatung tätig ist. Denn mein Vater stellte die Haushaltsausgaben der Jahre 1953 und 1964 sorgfältig grafisch dar. Ich halte die alten Aufzeichnungen in den Händen und höre dazu die Geschichten meiner Mutter, wie sie derart sparen mussten, dass sie sich als Familie kaum mal ein Yoghurt leisten konnten – und wenn, dann wurde dieses eine Yoghurt geteilt. Nicht zum ersten Mal höre ich, wie mein Bruder als Säugling derart krank war, dass er ins Spital eingeliefert werden und meine Mutter täglich abgepumpte Muttermilch einschicken musste. Das Porto dafür war ihnen aber mit der Zeit zu teuer und so holten sie meinen Bruder auf ihre Verantwortung wieder nach Hause zurück, was Gott-sei-Dank gut ging. Es hiess, Bananen würden ihm gut tun, aber Bananen waren damals ein Luxusgut! Wie die Zeiten sich änderten, kaum zum glauben – innert weniger Jahrzehnte… Ein Drittel des Lohns musste damals für Nahrung eingerechnet werden…..

Haushaltungsgeld 1964Haushaltungsausgaben 1954 monatlichHaushaltungsgeld 1953

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Ein unerklärlicher „Gluscht“ (Appetit) holt mich aus meinen Überlegungen ins Jahr 2016 zurück. Schnell nehme ich mir ein Bananenyoghurt aus dem Kühlschrank. 😉

Leben im Wartesaal

Wenn die Stühle in der Stube aufgereiht sind wie in einem Wartezimmer, weil der eine Tisch für den Garagenflohmarkt gebraucht, später entsorgt wird und sich deswegen bereits in der Garage befindet, dann fühlt sich das Leben wie in einer Art Zwischenwelt an. Oder eben wie in einem Wartesaal – warten aufs Zügeln, wenn es dann endlich losgehen darf. Aber es ist nicht ein untätiges Warten, mit den Händen im Schoss, sondern ein aktives, sehr aktives. DSC_0001 Wenn man im Kühlschrank sieht, dass man Raclettekäse oder Vermicellemasse brauchen sollte wegen dem Verbraucherdatum, aber der Racletteofen und die Vermicellepresse bereits in einer Kiste verpackt sind, dann wird das Warten mühsam. Man ist nicht mehr zuhause, wenn überall Kisten rumstehen und im Flur Gestelle, welche später in den Keller kommen und wenn die Büchergestelle leer sind. Man ist dann nicht mehr zuhause, wenn fast keine Bilder, aber doch noch zuviel davon an den Wänden hängen. Und es nervt einfach gewaltig, wenn man die verlorenen und wiedergefunden Mehrfahrtenkarten bereits wieder vermisst und deswegen zwei Kisten, angeschrieben mit „Küche, zerbrechlich“ wieder öffnet – und sie dort nicht findet, aber dafür die Pfanne, die vermisste, dann aber, weil man ja die Mehrfahrtenkarten und nicht die Pfanne gesucht hat, die Kisten wieder verschliesst und beim Kochen, wenn man gut eine zweite Pfanne brauchen könnte, denkt: nein, jetzt öffne ich diese Kiste nicht nochmals. Die Mehrfahrtenkarten kamen dann erneut zum Vorschein – in einer noch nicht verschlossenen Kiste und meine Tochter meinte noch, ich solle es doch viel easier nehmen und diese Karten nun endlich an einem sicheren Ort aufbewahren – nur: wo ist dieser Ort? Unsere Tochter und unser Sohn nerven sich sowieso: „Haben wir eigentlich keine Tassen mehr im Schrank? 😉 Immer muss man zuerst was abwaschen, wenn man was brauchen will. Und warum ist der Kühlschrank derart traurig leer? Kein Yoghurt?“ Wir kaufen nur noch das Nötigste ein, denn alles was in diese Wohnung getragen wird, muss in 6 Tagen wieder rausgetragen werden. Habe ich grad 6 Tage gezählt? :-O Erleichterung paart sich mit Entsetzen. (In 6 Tagen können wir die andere Wohnung übernehmen und an diesem Donnerstagabend und Freitag schon mal was rüberbringen, aber das eigentliche Zügeldatum ist am 85. Geburi meiner Mutter – dem 28. März.) Unser 14-jähriger Junge könnte jetzt prima mithelfen bei den Zügelvorbereitungen, aber ausgerechnet jetzt haben die Lehrer die gloriose Idee, mehr Hausaufgaben als üblich zu geben (Stichwort Lernen auf den Stellwerktest) und am Abend vor unserem Zügeltag findet die erste Abendschule statt. Wir wollen ja keine schlechten, uninteressierten Eltern sein und werden uns nebst dem Zügelschlusspurt auch noch Zeit nehmen, ihn dort zu besuchen. Super Idee – nur fällt das jetzt einfach etwas gar unpassend zusammen auf unsere Züglete. Noch gibt es soviel zum Einpacken und bereits ist zuviel eingepackt. Noch sind wir nicht mehr zuhause hier – aber auch noch nicht am neuen Ort. Wir warten auf das „Achtung, fertig, los!“ zum Zügelstart und verspüren doch eine Wehmut im Herzen, denn wir möchten ja im Grunde genommen gar nicht weg hier. Jedesmal wenn ich die Katze anschaue, erfüllt es mich mit Sorge, weil ich weiss, dass sie die ersten 14 Tage am neuen Ort in der Wohnung bleiben muss. Sie hält sich so gern draussen auf und ich fürchte schon um ihre und unsere Nerven. So – aber morgen, geht’s zur Therapie vor dem Zügeln: es steht eine Klassenzusammenkunft an. Ich war die Hauptinitiantin, später gesellte sich so nach und nach ein tatkräftiges, engagiertes, sehr hilfreiches OK zu mir. Dies habe ich einzufädeln begonnen, bevor wir wussten, dass wir umziehen müssen, glaubt mir, sonst hätte ich das kaum auch noch angepackt…. DSC_0003

Zügeln

Mit zügeln meinen wir Schweizer nicht das, was der deutsche Duden assoziert:

Duden | Suchen | zügeln

 

bezähmen Worttrennung: be|zäh|men Beispiel: sich bezähmen zügeln, beherrschen, in Schranken halten, im Zaum halten, bändigen (veraltet) zahm machen …

Nein, wenn wir Schweizer sagen, dass wir zügeln, meinen wir, dass wir umziehen. Und das tun wir. Leider. Viel lieber würden wir hier wohnen bleiben. Wir genossen unser Zuhause im Dreifamilienhaus mit Garten, riesengrosser Terasse (siehe mein Titelbild), die superschöne Nachbarschaft im Haus und dem Quartier und vor allem dem Seeblick seitdem wir 10 Tage vor der Geburt unseres 14jährigen hierher zogen.

Seit mind. 5 Jahren erzählte unser Vermieter immer wieder, dass er sein Elternhaus abreissen und hier einen Minergiebau erstellen möchte. Er wiederholte seine Ambitionen in regelmässigen Abständen – und dann tat sich doch nie was, so dass wir seine Worte nicht mehr wirklich ernst nahmen, d.h. wir gingen davon aus, dass wir hier noch jahre-, wenn nicht gar jahrzehntelang wohnen bleiben könnten. Seine Pläne konnte er in früheren Jahren nicht verwirklichen, weil wir aufgrund des Träschlibaches vor unserem Haus in der höchsten Gefahrenstufe wohnten. Nun ist der Bach saniert und die Gefahrenstufe wurde von der höchsten zur zweithöchsten heruntergestuft. Somit durfte er bauen. Aber trotzdem wir diese Bauerei hautnah miterlebten, gingen wir immer noch davon aus, dass wir noch lange hier wohnen bleiben könnten. Denn  unser Vermieter verlangte noch letzten Sommer/Herbst von uns noch, dass wir eine Katzenleiter montieren würden. Warum sollte er dies tun, wenn er doch das Haus abreissen lassen würde? 10636527_10202694560426421_3515761787235319647_o

Doch anfangs Dezember, pünktlich zur Adventszeit, welche ich dann nicht wirklich geniessen konnte, kündigte er uns an, dass seine Pläne im 2015 konkret würden. Sein Fahrplan sah vor, dass er seine Baueingabe anfangs Febr. machen würde, die Baubewilligung in der 2. Woche Mai 2015 erfolgen werde, das Haus im Juli 2015 abgerissen und der Neubau des 8-Familienhauses (!!) bereits im April 2016 bezogen werden könnte.

Mit diesem Damokleschwert im Nacken, begaben wir drei Familien des Hauses uns auf Wohnungssuche. Wir alle fanden bereits nach etwa einem Monat Suchen etwas Neues – alle weiterhin im selben Dorf. Wir selber fanden eine 4.5 Zimmerwohnung (ein Zimmer weniger als bisher) wieder in einem Dreifamilienhaus und wieder mit Seesicht und zwei Balkonen. Einer gegen den Hausberg hin ausgerichtet, der andere gegen den See hin. Wir werden wiederum einen Gartenanteil haben und einen Sitzplatz draussen. Unser Kater Minouch ist willkommen, die Katzenleiter wird wohl weniger lang sein müssen als bisher. Für das Kanu wird es eine Aufhängemöglichkeit geben, eine Autogarage fanden wir in der unmittelbaren Nachbarschaft. Im Herbst diesen Jahres werden wir einen Schwedenofen erhalten und freuen uns bereits jetzt darauf. Unser Sohn kann sich einmal umdrehen – und schwupps befindet er sich bereits in der Schule. 😀 DIe Seenähe bleibt dieselbe, ebenfalls zur Postautohaltestelle und die Distanz zur Klewenalpbahn ist sogar viel geringer, ebenfalls diejenige zum Dorfzentrum, das bedeutet, zu Fuss sehr gut erreichbar. Tobias, unser Jüngster wird sein letztes Schuljahr  Gott-sei-Dank in der gewohnten Schulklasse absolvieren können.

Alles Vorteile? Nein, ich werde unsere grosse Terasse vermissen, unsere lieben Nachbarn im Haus, meine Nachbarin vis-à-vis, das heimelige Holz der Wohnung, den riesengrossen Estrich, den Schlupf, das eine Zimmer, welche wir jetzt mehr haben, das grosse Badezimmer (wir werden nur noch ein einziges, sehr kleines haben), die gemütlichen Dachschrägen, den originellen Grundriss, den breiten Gang, die grosse Essküche, unsere älteste Tochter, welche bei dieser Gelegenheit auszieht…. Und die Wohnung wird uns rund Fr. 500.–/ Mt. mehr kosten als anhin. Minouch wird vor allem die ersten 14 Tage, wenn er bloss mit der Katzenleine nach draussen gehen darf, wie damals nach seiner OP sehr leiden, das weiss ich jetzt schon. Und wir mit ihm. 😦 Ich hoffe nur, er werde uns am neuen Ort nicht davonlaufen….

Wir wollten ja nicht zügeln, sondern fühlten uns aufgrund der konkreten Neubaupläne unseres Vermieters gedrängt, ein neues Zuhause zu suchen. Aber vor ein paar Tagen erzählte er uns, seine Pläne lägen in weiter, weiter Ferne. Er hat mit Behörden und Ämtern zu kämpfen, sogar bevor er überhaupt seine Baubewilligung einreichen konnte. Im Grunde genommen war es reine Kulanz, dass er uns informierte, noch ehe er diese Bewilligung hatte. Aber im nachhinein naiv. Denn wir wohnen zur Zeit bereits alleine im Haus und werden in einem Monat auch raus sein. Er kann nicht vorwärts machen mit seinem Bau, hat aber ein leeres Haus, d.h. keine Mieteinnahmen mehr. Und dabei wollten wir doch bleiben! Für alle Seiten unbefriedigend….. Wer weiss: vielleicht werden in einigen Monaten wieder Leute hier einziehen – in unsere geliebte Wohnung, weil er nicht neu bauen kann? Ich weiss nicht, ob ich den Anblick fröhlicher Neumieter auf „unserer“ Terasse ertragen könnte.

Aber ich hatte gerade heute Mittag ein Gespräch mit meinem Mann, in dem wir beide zum Schluss kamen, wiesehr uns doch unser Glaube in dieser Situation hilft. Ohne Glauben könnten wir jetzt vielleicht verbittern. Unser Glaube aber lehrt uns, dass nichts Zufall ist im Leben und Gott alles im Griff hat. Wir haben Gott gebeten, uns bei der Wohnungssuche Türen zu öffnen oder zu schliessen und vertrauen darauf, dass er das alles zuliess, weil er einen sehr guten Plan hat für uns als ganze Familie, Kater Minouch eingeschlossen. Vielleicht ergeben sich neue Freundschaften oder es hat sonst einen guten Sinn? Ich möchte mich mehr auf diese Gedanken ausrichten, statt negativen nachzuhängen…. Nun gilt es, unsere materiellen Besitztümer in Schachteln zu verpacken – Ende dieses Monats sind wir hier raus, ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Wir suchen ein neues Zuhause in Beckenried. 4.5 Zimmerwohnung.

Seit ein paar Wochen ist es mir nicht nach Freudensprüngen zumute, wie auf meinem Blogtitelfoto. Ich leide wohl unter dem Lichtmangel, trotz Tageslichtlampe von Philipps und hochdosiertem Vitamin D, sowie Burgerstein TipVital. Ich könnte jeden Tag heulen und tue es manchmal auch. 😦

Dass wir seit ungefähr zwei Wochen wissen, dass unser Zuhause im Sommer 2015 abgerissen wird, hilft mir auch nicht wirklich aus dieser melancholischen Stimmung herauszukommen.

Unser Vermieter hat uns bereits vor ungefähr 5 Jahren angekündigt, dass er plant, sein hundertjähriges Elternhaus abzureissen und ein Minergiehaus zu bauen. Doch seine Pläne konnte er vorerst deshalb nicht verwirklichen, weil das Haus in der höchsten Gefahrenstufe stand. Seitdem eine neue Brücke, sowie eine sehr hohe Schutzmauer vor der Liegenschaft gebaut wurden, ist die höchste Gefahrenstufe zur mittleren heruntergestuft worden. Nun hat er grünes Licht für seine Pläne erhalten, obwohl er zwar die Baugenehmigung noch nicht hat. Diese hofft er, im Mai 2015 zu haben, im Juli möchte er das Haus abreissen und im April 2016 sollen 8 neue Mietwohnungen im modernen MInergiestandart und schönster Aussicht (welche wir bisher 14 Jahre lang geniessen konnten) einzugsbereit sein. Er will die gesamte Baufläche ausnutzen, es wird kein Rasen- oder Gartenplatz wie bisher mehr vorhanden sein. Eine 4.5 Zimmerwohnung wird auf mind. F. 2’700.– / Mt. zu stehen kommen. Dies liegt jenseits unserer Möglichkeiten.

Unserem Vermieter halte ich zugut, dass er uns frühzeitig informierte und nicht erst, wenn er dann die Baubewilligung haben wird. Da geht auch er ein Risiko ein, welches ihm bewusst ist. Er hat uns schon immer sehr transparent auf dem Laufenden gehalten, was sein Projekt betrifft.

Für uns heisst dies:

Wir suchen eine 4.5 Zimmerwohnung und zwar in Beckenried, da wir es unserem Jüngsten nicht zumuten möchten, sich für sein letztes Schuljahr in einer neuen Schulklasse einleben zu müssen und das tolle Abschlussfest zu verpassen, welches die Schulabgänger jeweils feiern. Er ist seit Geburt mit denselben Gspänli zusammen…. Unser Sohn sollte sich in seinem letzten Schuljahr voll und ganz auf die Lehrstellensuche konzentrieren können.
Die Wohnung dürfte nicht mehr als ca. Fr. 2’300.– pro Monat kosten. Und ganz wichtig: eine Freigängerkatze müsste erlaubt sein. Leider werden Katzen, welche nach draussen gehen möchten, je länger je mehr verboten.
Wir sind Nichtraucher. Unsere älteste Tochter würde nicht mit umziehen. Wir suchen also als vierköpfige Familie ein neues Zuhause.
Es heisst aber auch Abschied nehmen.

Abschied von

– unseren lieben bisherigen Nachbarn im und ums Haus.
– der wunderschönen See- und Bergsicht, den tollen Sonnenauf- und Untergängen.

– vom Gemüsegarten und Blumen.

– von unserem originellen Wohnungsgrundriss, dem heimeligen Holzbau, in dem wir in den vergangenen 14 Jahren soviel erlebten an Freud und Leid.

– von sovielen Schätzen, welche wir im Estrich aufbewahren.

– von der wunderschön grossen Terasse und dem kleinen Balkon, der im Sommer so wohltuend Schatten spendete.

– Abschied von unserer ältesten Tochter, welche mit unserem Umzug ausziehen wird.

Deswegen bin ich traurig – und das ist vielleicht sogar gesund.

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Zu unserer Wohnung gehört das Balkönli. Die Katzentreppe haben wir erst diesen Herbst für Fr. 400.– erstellen müssen, sonst hätte uns der Vermieter noch früher gekündigt. Hätten wir gewusst, dass wir im Sommer 15 rausgehen müssen, dann hätten wir uns geweigert, diese Treppe noch anfertigen zu lassen.

Ich hoffe nur, dass wir nicht Abschied von unserem lieben Minouch nehmen müssen. Das würde mir das Herz brechen.

Aktualisiert: 17. Febr. 15

Wir sind glücklich, dass wir nach bloss einem Monat Suche bereits eine schöne 4.5 Zimmerwohnung in Beckenried gefunden haben, wo auch Minouch wieder willkommen sein wird.

Tod

Langsam setzt mir die Summierung von Todesfällen zu.

– Am 9. Juli starb ein 6-jähriger Junge. Er und sein Zwillingsbruder kamen ab und zu ins BIKI (Bibelkiste). Das ist eine Art Kindergottesdienst der ref. Kirche an Mittwochnachmittagen für Kinder ab ca. 4 Jahren. Ich bin dort Mitarbeiterin. Wir erzählten auch mal vom Himmel, sprachen darüber, wie es ist, wenn ein Büsi oder s’Grossi stirbt. Aber man vermutet doch nicht, dass eines dieser kleinen Kinder, welches vor einem sitzt, bald sterben wird. Kleine Kinder sollten das ganze Leben noch vor sich haben! Wie mag es der Autofahrerin gehen mit dem Wissen, eine Familientragödie verschuldet zu haben? Ich verurteile sie nicht – sie fuhr, was ich gehört habe, aus einer unübersichtlichen Stelle auf das Trottoir. Wie schnell ist etwas derart Schreckliches passiert – und es könnte jedem Autofahrer passieren. Wie würde ich mit dem Wissen leben, ein Zwillingskind seinem Bruder und seiner Familie entrissen zu haben? Wie mit den schrecklichen Bildern des Unfalls umgehen? Wie lebt der Zwillingsbruder weiter? Er hat 6 Jahre seines Lebens an der Seite desjenigen Bruders verbracht, der mit ihm zusammen im Mutterleib war. Wie geht es wohl der Mutter, dem Geschwisterchen, welche dem schrecklichen Unfall zugesehen haben? Zugesehen, wie der Kopf des Kindes zermalmt wurde?  http://www.20min.ch/schweiz/zentralschweiz/story/27724366


– Am 14. August starb der Mann einer ehemaligen Nachbarin. Zu dieser Familie hatten wir eine gute Beziehung, als wir noch dort wohnten. Eines ihrer Kinder war ein Klassengspänli unserer einen Tochter. Die Frau hat mich oft aufgesucht, um über ihre Lebensherausforderungen zu sprechen. Seit unserem Umzug hatten wir keinen Kontakt mehr. Aber die Todesnachricht hat mich dennoch erschüttert. Wie kommt diese sensible Frau mit dem Verlust ihres Mannes zurecht? Wie die mittlerweile erwachsenen Kinder? Mit Jahrgang 1955 ist ein Mann noch nicht alt und wäre vielleicht gern Grossvater geworden, hätte seine Pensionierung geniessen wollen?


– Am 16. August starb überraschend der Vater der besten Freundin unserer mittleren Tochter. Er war Homöopath, hat Anzeichen seines Körpers nicht deuten können und fragte einen Berufskollegen um Rat. Mitten im Telefongespräch starb er, im Beisein seiner Tochter. Diese versuchte, ihn zu reanimieren. Vergeblich. War für ein Schock, wenn ein Familienvater urplötzlich aus dem Leben gerissen wird! Am Morgen stehen alle fröhlich auf, gehen ihrem Tageswerk nach, ohne zu ahnen, dass sie am Abend um ein Familienmitglied trauern werden. Ich bin so traurig zusammen mit seiner Frau und ihren Kindern.


– Und nun das: vorgestern starb der Bruder meiner Schwägerin! Unsere älteste Tochter war zusammen mit seiner Tochter diesen Frühling für ein paar Monate in Dänemark. http://www.20min.ch/schweiz/zentralschweiz/story/31560269
Er kannte dieses Gebiet, war da oft alleine Pilzsammeln. Nun rutscht er nicht aus, um verletzt zu werden, sondern stürzt zu Tode. Was für eine Tragödie!

Nun reicht es, Tod! Es sind zuviele liebe Menschen innert nicht mal 2 Monaten so urplötzlich aus dieser Welt, von ihren Lieben geschieden! Ich kann weitere Todesnachrichten nicht ertragen, komme kaum zurecht mit diesen vier. Ich habe Angst, die Todesanzeigen in der Zeitung zu lesen – es könnte wieder jemand darin stehen, den ich kenne. Wieder ein Abschied nötig sein, erneutes Trauern, wo ich doch emotional noch gar nicht mitgekommen bin mit diesen vier tragischen Schicksalschlägen. Ich habe Angst, es könnte uns als Familie noch persönlicher treffen. Was, wenn ….. nein, ich darf gar nicht daran denken…. :-O Ich habe extrem Mühe mit Abschied nehmen, sogar schon dann, wenn es nur darum geht, nach einem schönen Bsüechli aus dem Postauto tschüss zu winken, in der Annahme und dem Urvertrauen, dass man einander wieder sehen wird.

Klar, als Christ habe ich eine Hoffnung. Ich weiss, dass der Tod nur temporär trennt. Dass wir einander wiedersehen werden in einer anderen Welt, dass es Abschiede auf Zeit sind. Aber ich möchte keinen der geliebten, bekannten Menschen hier auf dieser Welt loslassen müssen. Ich möchte Menschen immer so spüren wie es auf dieser Welt möglich ist: physisch. Und ich möchte immer so im Dialog stehen können, wie es hier auf dieser Welt möglich ist – nicht nur auf spiritueller Art, sondern 1:1 die Stimme, die Mimik des Gegenübers mitbekommen.

Ich weiss, dass der Tod zum Leben gehört. Und ich weiss, dass es kindisch ist und ein Trötzeln, wenn ich sage, dass ich den Tod nicht wahrhaben möchte, nie und wirklich gar nie Abschied nehmen möchte von meinen Liebsten. Ich weiss…. Ach könnte das Leben doch nur immer schmerzlos sein….

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Und wieder ein Todesfall. 😦 Der Vater des Freundes meiner Tochter. Heute. Tödlich verunfallt.  15. Sept. 2014 RIP